LBBW
LBBW Brexit-Barometer

LBBW Brexit-Barometer

Das LBBW Research begleitet Sie durch die Brexit-Verhandlungen und bietet Ihnen marktrelevantes Research in Zeiten hoher politischer Unsicherheit.

Tweet: @LBBW · 18. Mai 2018

Brexit: Verzweiflung über die zukünftigen Zollbeziehungen zwischen EU und UK - Steigen die Chancen für die Zollunion oderHardBrexit?

Verzweiflung über die zukünftigen Zollbeziehungen zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich bringt immer abwegigere Vorschläge ins Gespräch und erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs des Inselreiches in der Europäischen Zollunion.

Die britische Premierministerien Theresa May kämpft weiterhin dafür, dass ihr Land nach dem Brexit eine neue Zollpartnerschaft mit der Europäischen Union (EU) begründet. Es ist wohl die einzige Möglichkeit, um sowohl ihr Versprechen eines Austritts aus der Europäischen Zollunion und dem Europäischen Binnenmarkt zu halten als auch eine „harte“ Grenze zwischen der Republik Irland und dem zum Vereinigten Königreich gehörenden Nordirland zu verhindern. Eine Version Ihres Vorschlages sieht vor, dass das Vereinigte Königreich grundsätzlich im EU-Auftrag an ihrer Landesgrenze Zölle für die Europäische Union erhebt. Sollte der Bestimmungsort der importierten Güter jedoch das Vereinigte Königreich selbst sein und der entsprechende Zollsatz dort niedriger liegen als in der EU, wird dem Importeur der Differenzbetrag erstattet. Brüssel erachtet diesen Vorschlag jedoch als unrealistisch und als zu kompliziert und hat ihn daher bereits mehrfach abgewiesen. Die ablehnende Haltung der EU mag auch damit zusammenhängen, dass Brüssel bereits schlechte Erfahrungen mit Zollkontrollen des Vereinigten Königreichs gemacht hat. Durch einem Zollbetrug mit chinesischen Gütern, die über das Vereinigte Königreich in den Staatenbund gelangten, entgingen dem EU-Haushalt Zeitungsberichten zufolge aufgrund oberflächlicher Kontrollen der britischen Zollbehörde sage und schreibe Einnahmen in Höhe von zwei Mrd. Euro. Aber nicht nur die EU scheint sich gegen eine Zollpartnerschaft zu stellen, auch das sogenannte Brexit-Kabinett in Westminster hat den Vorschlag ihrer Premierministerin mit sechs zu fünf Stimmen zurückgewiesen. Nachdem der deutlich euroskeptischere Sajid Javid für die zurückgetretene Innenministerin Amber Rudd ins Kabinett berufen wurde, hat dort der Widerstand gegen das von Theresa May favorisierte Zollmodell zugenommen. Außenminister Boris Johnson geißelte den Vorschlag einer Zollpartnerschaft kürzlich als bisher unerprobt und als zu bürokratisch. Die Kritik des ehemaligen Londoner Bürgermeisters gipfelte darin, den Vorschlag seiner Premierministerin als verrückt abzutun. Die Brexit-Hardliner befürchten zudem, dass durch eine Zollpartnerschaft eine enge Bindung an die Europäische Union bestehen bleiben würde, was einer eigenen, unabhängigen Außenhandelspolitik entgegenstehe. Die Hardliner bevorzugen daher die sogenannte „max fac“-Zollvariante, welche das Nordirland-Dilemma mit Hilfe modernster Technologien auflösen soll. Medienberichten zufolge sollen bei diesem Vorschlag sogenannte vertrauenswürdige Unternehmer die Möglichkeit haben, Güter vorab bei der Steuerbehörde anzumelden. Beim Überqueren der Grenze werden diese dann mittels moderner Technologie „getrackt“. Dadurch sollen Zollkontrollen so reibungslos wir möglich gestaltet werden. Da die erforderliche Technologie aber noch nicht zur Verfügung steht, lehnt Brüssel diesen Vorschlag zur Zollregelung ebenfalls ab. Davon abgesehen setzt die max fac“-Zollvariante zumindest die Installation von Kameras an der Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland voraus. Einige Beobachter sehen dadurch das Karfreitagsabkommen verletzt und befürchten ein Wiederaufleben des Nordirland-Konfliktes.

Unabhängig davon auf welche Zollregelung sich die Regierung in London mit der EU schlussendlich einigen kann, muss diese auch noch vom britischen Parlament abgesegnet werden. Das Oberhaus hat der Tory-Regierung in der jüngeren Vergangenheit aber bereits 14 Abstimmungsniederlagen beschert, darunter ein Votum für einen Verbleib des Vereinigten Königreiches in der Europäischen Zollunion. Zwar muss dieses Votum erst vom Unterhaus bestätigt werden, doch auch dort scheint sich nach informellen Abstimmungen die Mehrheit der Abgeordneten für einen Verbleib in der Europäischen Zollunion einzusetzen. Die Premierministerin ist somit in einer Zwickmühle: Während sich beide Kammern des Parlaments für einen Verbleib in der Zollunion ausgesprochen haben, fordern Abgeordnete ihrer eigenen Partei einen harten Brexit und drohen für den Fall des Abweichens vom eingeschlagenen Kurs unverhohlen mit ihrem Sturz. Dessen ungeachtet dürfte die Premierministerin fester im Sattel sitzen als gemeinhin angenommen, da sich in der Gruppe ihrer konservativen Kritiker bislang niemand als Nachfolger aufdrängt.

Mittlerweile kommen neben den beiden erwähnten Modellen einer Zollregelung auch immer abwegigere Alternativen ins Gespräch. Zum einen wurde über ein Hybrid-Modell nach dem Vorbild Lichtensteins diskutiert. Der Kleinstaat Lichtenstein ist Teil des Schweizer Zollgebiets, obgleich Lichtenstein ein Mitgliedsstaat des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) ist. Diese Sonderregelung, welche auf dem Wohlwollen der EU basiert und wohl nur aufgrund der geringen Größe Lichtensteins funktioniert, ermöglicht dank hoher Sanktionen, dass die Zollkontrollen gering ausfallen können. Zollexperten erachten dieses Modell aber als nicht praktikabel, um das Nordirland-Dilemma zu lösen. Zum anderen kam erneut das Norwegische Modell, also ein Beitritt des Vereinigten Königreichs in den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ins Gespräch. Zwar hat das britische Oberhaus für eine Mitgliedschaft im EWR gestimmt, die Regierung hat dies aber bereits mehrfach ausgeschlossen. Es ist wahrscheinlich, dass das Unterhaus den Vorschlag des Oberhauses zurückweisen wird. Um Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum zu werden, müsste das Vereinigte Königreich nicht nur die Personenfreizügigkeit akzeptieren, sondern auch weiterhin in den EU-Haushalt einzahlen.

Derweil wirft die Regierung in London der EU eine ungerechte Behandlung sowie mangelnde Kompromissfähigkeit vor. Auch höhnische Kommentare des EU-Haushaltskommissar Oettinger in der vergangenen Woche sowie der geplante Ausschluss des Vereinigten Königreichs aus dem Galileo-Projekt haben sich nicht gerade positiv auf die Stimmung zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich ausgewirkt. Zwar arbeitet das britische Kabinett im Moment weiterhin in zwei Gruppen an der Konkretisierung und Weiterentwicklung der zwei, im Kabinett zur Diskussion stehenden Zollmodelle, aber das Innenministerium in London ließ wissen, dass auch ein harter Brexit, dass heißt ein EU-Austritt ohne Abkommen, immer noch eine Option darstellt. Nachdem die EU die vom Vereinigten Königreich vorgeschlagene Zollpartnerschaft mehrfach abgelehnt hat haben Medienberichten zufolge einige EU-Unterhändler dennoch Interesse an dem Vorschlag gezeigt. Die EU-Vertreter sollen dem Vernehmen nach ihren Counterparts eine Liste mit Fragen zu dem komplizierten Zollmodell gegeben haben. Brüssel zeigt sich Beobachtern zufolge etwas aufgeschlossener gegenüber den Vorschlägen der britischen Premierministerin, um nicht deren Ablösung durch Brexit-Hardliner, wie zum Beispiel Boris Johnson oder Jacob Rees-Mogg, Vorschub zu leisten. Aber auch aus Zeitgründen war die angedeutete Kompromissbereitschaft dringend geboten. Die nächste Gesprächsrunde ist bereits für die 21. Kalenderwoche terminiert und EU-Chefunterhändler Michel Barnier will bereits im Juni im Grundsatz eine Einigung über die zukünftigen Zollbeziehungen erzielen.

Unserer Einschätzung nach ist in den zurückliegenden Wochen die Wahrscheinlichkeit für einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Zollunion gestiegen. Da das Inselreich schon in der knapp zweijährigen Übergangsphase nach dem Brexit Teil der Europäischen Zollunion bleiben wird, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es auch im Anschluss daran nicht sofort zu einem Austritt kommt. Auch das Vereinigte Königreich weiß wohl, dass es voraussichtlich Jahre dauern wird, bis ein neues Zollmodell umgesetzt werden kann. Für diese Zeit muss eine Übergangslösung gefunden werden. Da Premierministerin Theresa May die Konsequenzen eines harten Brexits um jeden Preis verhindern will, verbleibt bis auf weiteres wohl nur ein Verbleib in der Europäischen Zollunion als Option.

Indikatoren des LBBW #Brexit-Barometer

In unser LBBW-Barometer für die Brexit-Sorgen der Marktteilnehmer gehen vier Indikatoren gleichgewichtet ein:

  • der Außenwert des Pfund Sterling
  • die relative Stärke britischer Bankaktien
  • die Kreditausfallprämie für britische Staatsanleihen
  • die Entwicklung von an der Londoner Börse notierten Immobilienfonds

Ein negativer Wert stellt im historischen Vergleich eine Abweichung vom Mittelwert nach unten dar. Das Umgekehrte gilt für positive Werte.

Mit einfachen Worten: Sinkt unser Barometer, nehmen die Brexit-Sorgen der Marktteilnehmer zu.

  • LBBW Brexit-Barometer

    Stand: 15.08.2018, Quelle: Bloomberg, LBBW Research

Tweet-Historie

Lesen Sie unsere letzten Analysen zum Brexit.

9. Juli 2018

Theresa May macht einen weiteren Schritt in Richtung Soft-Brexit. Und prompt geht Brexit-Minster David Davis über Bord. LBBW analysiert die aktuelle Lage.

19. Juni 2018

Wie viel Mitspracherecht erhält das UK-Parlament beim Brexit? LBBW-Analyse sieht May zwischen Zugeständnissen an beide Meinungslager ihrer Partei und harten Verhandlungen mit der EU zum Austrittsabkommen.

18. Mai 2018

Brexit: Verzweiflung über die zukünftigen Zollbeziehungen zwischen EU und UK - Steigen die Chancen für die Zollunion oder HardBrexit?

4. Mai 2018

Brexit - Bleibt UK nun doch in der EU-Zollunion? LBBW zu dem Für und Wider.

LBBW #Brexit-Barometer auf einen Blick.

Der LBBW-Barometer zeigt auf einen Blick: Wie ist die Stimmung der Marktteilnehmer im Brexit-Prozess?

  • Barometer-Tiefststand

    Barometer-Tiefststand

    Der LBBW-Barometer für die Brexit-Erwartungen hat einen Tiefststand erreicht. Die Marktteilnehmer haben mit Blick auf den Brexit große Sorgen.

  • Barometer-Pessimismus

    Barometer-Pessimismus

    Der LBBW-Barometer für die Brexit-Erwartungen liegt unter dem Mittel. Die Marktteilnehmer haben mit Blick auf den Brexit überwiegend Sorgen.

  • Barometer-Eintrübung

    Barometer-Eintrübung

    Der LBBW-Barometer für die Brexit-Erwartungen liegt nahe dem Mittel. Die Marktteilnehmer haben mit Blick auf den Brexit gespannte Stimmung.

  • Barometer-Gelassenheit

    Barometer-Gelassenheit

    Der LBBW-Barometer für die Brexit-Erwartungen liegt über dem Mittel. Die Marktteilnehmer haben mit Blick auf den Brexit nur wenig Sorgen.

  • Barometer-Höchststand

    Barometer-Höchststand

    Der LBBW-Barometer für die Brexit-Erwartungen hat einen Höchststand erreicht. Die Marktteilnehmer haben mit Blick auf den Brexit keine Sorgen.

Research zu den Brexit-Verhandlungen.

Das LBBW Research begleitet Sie nicht nur mit dem LBBW #Brexit-Barometer durch die Verhandlungen. In unseren Publikationen analysieren wir die Auswirkungen des Brexit-Votums auf die Wirtschaft sowie die Finanzmärkte und kommentieren die Folgen von Entscheidungen in der Wirtschafts-, Notenbank- und Regierungspolitik.

Wir bieten Ihnen das marktrelevante Research in Zeiten von wirtschaflicher Veränderung und hoher politischer Unsicherheit. Eine Auswahl unserer bisherigen Analysen zum Brexit haben wir für Sie zusammengestellt.

880.7 KB | 29. Juli 2016

Kommt nach dem Brexit nun der Scoxit?
Schaubild Brexit Timeline

Brexit Timeline

Die wichtigsten Ereignisse vor und nach dem Brexit-Votum.

Schaubild

Ausblick 2018 bis 2020

31. Dezember 2020
Übergangsphase endet.

ab April 2019
Verhandlungen über Handelsabkommen.

29. März 2019
Ende der EU-Mitgliedschaft.

Bis März 2019
Europäischer Rat beschließt mit qualifizierter Mehrheit über die Verhandlungsergebnisse. Abstimmung über die Verhandlungsergebnisse im EU-Parlament und im britischen Parlament.

Bis Oktober 2018
Detailverhandlungen zum Brexit.

2017

Bis Ende 2017
Verhandlungen zwischen EU und Großbritannien über die „divorce bill“ sowie die Rechte von Briten und EU-Bürgern, die Rolle des EU-Gerichtshofs sowie die Grenze in Irland.

24. September 2017
Bundestagswahl in Deutschland

19. Juni 2017
Start der Austrittsverhandlungen.

8. Juni 2017
Unterhauswahlen in Großbritannien.

29. März 2017
Der EU-Botschafter Barrow übergibt den Austrittsantrag in Brüssel.

14. März 2017
Das Parlament stimmt für das von der Regierung vorgelegte Brexit-Gesetz.

18. Januar 2017
Premierministerin May kündigt einen "clean brake" an.

3. Januar 2017
Rogers, der britische EU-Botschafter, gibt sein Amt auf und verlässt Brüssel.

2016 - 2013

3. November 2016
Der High Court entscheidet, dass die Regierung die Brexit-Verhandlungen nur mit Zustimmung des Parlaments führen darf.

02. Oktober 2016
Premierministerin May kündigt an, dass bis Ende März 2017 ein Austrittsantrag nach Artikel 50 des EU- Vertrags eingereicht wird.

13. Juli 2016
May ist neue britische Premierministerin. Johnson wird Außenminister. Zuständig für den Brexit ist jedoch Davis als "Principal Secretary of State for Exiting the European Union".

11. Juli 2016
Premier Cameron verkündet die Kandidatur von May für seine Nachfolge.

30. Juni 2016
Johnson verzichtet auf die Nachfolge von Premier Cameron.

24. Juni 2016
Premier Cameron erklärt seinen Rücktritt bis spätestens Oktober.

23. Juni 2016
Brexit-Votum: 46,5 Millionen Briten stimmen über "Brexit" oder "Bremain" ab. Am folgenden Tag steht das Ergebnis fest: 51,9 Prozent der Briten wollen die EU verlassen.

20. Februar 2016
Premier Cameron das EU-Referendum für den 23. Juni an, will seinen Landsleuten aber zu einem Verbleib in der EU raten. Einen Tag zuvor kommen die Staats- und Regierungschef aller EU-Staaten den Briten mit einem Reformpaket entgegen.

05. Februar 2016
Premier Cameron gibt seinen Ministern in der Frage eines EU-Austritts freie Hand. Vor dem geplanten EU-Referendum stellen sich fünf Minister auf die Seite des Brexit-Lagers, darunter Justizminister Gove. Der Londoner Ex-Bürgermeister Johnson schlägt sich ebenfalls auf die Seite der Brexit- Befürworter.

11. November 2015
Premier Cameron stellt Forderungen nach EU-Reformen und droht mit dem EU-Austritt.

28. Mai 2015
Im Parlament wird der Gesetzesentwurf zum Referendum eingereicht.

07. Mai 2015
Premier Camerons Partei siegt bei der Parlamentswahl und erneuert sein Versprechen eines EU- Referendums.

01. März 2016
Premier Cameron stellt an Brüssel Forderungen zum Verbleib in der EU.

23. Januar 2013
Premier Cameron stellt im Falle des Wahlsiegs ein Referendum zum Verbleib in der EU bis spätestens 2017 in Aussicht.

LBBW-Experte und verantwortlicher Analyst.

Dirk Chlench als verantwortlicher Analyst wird Sie auch weiterhin auf dem Laufenden halten.

Dirk Chlench
Analyst Strategy & Macro - LBBW Research
Tel +49 711 127-7 61 36
dirk.chlench@LBBW.de

Folgen Sie unserer Einschätzung mit dem LBBW #Brexit-Barometer auf Twitter.
LBBW (@LBBW) | Twitter