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Digitalisierung: Due Diligence neu definiert

Die Digitalisierung befeuert den M&A-Markt – und ändert nachhaltig die Spielregeln. Das belegen zwei Studien der LBBW.

Seit 2009 wachsen die weltweiten M&A-Aktivitäten (Mergers & Acquisitions), viele Unternehmen suchen nach attraktiven Übernahmekandidaten. Dafür sorgen unter anderem historisch niedrige Zinsen und eine stabile Konjunkturentwicklung, aber auch volle Unternehmenskassen und ein anhaltender Anlagedruck für Finanzinvestoren. Die fortschreitende Digitalisierung von Fertigung und Vertrieb (Industrie 4.0) schafft dabei nicht nur die Notwendigkeit, Unternehmen oder Geschäftsfelder dazuzukaufen, sie definiert vor allem die klassischen Übernahmeprozesse für Unternehmen auch neu.

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Gezielt Know-how zukaufen

Viele Übernahmen dienen dazu, die eigene Position zu verbessern und mit erworbenem Know-how in neuen Segmenten zu wachsen. Unternehmen, die heute nach einem Käufer suchen, müssen daher ihre digitale Zukunftssicherheit unter Beweis stellen. „Unternehmen mit digitalem Geschäftsmodell stellen die traditionelle Vorgehensweise bei der Due-Diligence-Prüfung auf den Kopf“, sagt Hans-Peter Kuhlmann, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Kuhlmann und seine Kollegen beleuchten in zwei aktuellen Studien, wie sich die Digitalisierung auf den M&A-Markt auswirkt und wie Unternehmen diese Übernahmen finanzieren. Hier können Sie die Studien „Positives Umfeld für M&A“ sowie „Übernahmefinanzierungen – Auf die richtige Mischung kommt es an kostenfrei als PDF downloaden.

Mit Blick auf die Zukunft

Die Studien zeigen: Während die Bewertung klassischer Industrieunternehmen auf der aktuellen Wettbewerbsposition und dem bisherigen Geschäftserfolg basiert, zählt bei digitalen Übernahmekandidaten vor allem die Zukunftsfähigkeit. LBBW-Analyst Kuhlmann: „Bei neueren Geschäftsmodellen liegen oft keine historischen Zahlen vor, was eine Bewertung erschwert.“ Die Prüfer rechnen deshalb verschiedene Szenarien für unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten durch und preisen die Erwartungen an das zukünftige Wachstum mit ein. „Übernahmekandidaten mit digitalem Geschäftsmodell werden daher deutlich höher bewertet, was bei der Finanzierung berücksichtigt werden sollte“, erläutert Kuhlmann.

Daneben sehen die LBBW-Analysten weitere Herausforderungen für M&A-Prozesse durch die Digitalisierung: Welches digitale Potenzial hat der Übernahmekandidat ganz grundsätzlich? Wie lässt sich der Zuwachs in die eigenen Strukturen integrieren? Wie hält man Wissensträger im Haus, um sich das digitale Know-how zu sichern?

An der Börse honoriert

Ein Beispiel für eine erfolgreiche M&A-Strategie in Sachen Digitalisierung ist Siemens. Der Mischkonzern will im Bereich Industrieautomatisierung die virtuelle Welt der Produktentwicklung umfassend mit der realen Welt der Fertigung verzahnen – und hat in den vergangenen Jahren regelmäßig potenzielle Übernahmeziele identifiziert, um die eigene Position zu verbessern. Am Ende standen zahlreiche Akquisitionen, die sich trotz hoher Übernahmekosten auszahlten: Als einer der weltweit führenden Anbieter konnte Siemens seine Wettbewerbsposition im Bereich Industrie 4.0 massiv verbessern. Das Unternehmen etablierte einen eigenen Bereich Digital Factory mit rund 12 Milliarden Euro Jahresumsatz, die Übernahmen beflügelten den Börsenkurs. Das Beispiel zeigt: Akquisitionen im digitalen Bereich haben eine hohe Relevanz. „Das Produktportfolio rund um Industrie 4.0 bleibt zukünftig der entscheidende Erfolgsfaktor“, betont LBBW-Analyst Volker Stoll.

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Langfristige Finanzierung im Trend

Mit der Entwicklung auf dem M&A-Markt rückt auch das Thema Finanzierung in den Fokus. Die LBBW-Analysten untersuchten mehr als 50 deutsche Firmen und stellten fest: Die Unternehmen setzen bei einer Übernahme in der Regel auf Fremdkapital. Dagegen wird Eigenkapital, etwa hohe Kassenbestände oder Erlöse aus Kapitalerhöhungen, seltener genutzt: „Trotz besserer Liquiditätsausstattung der Unternehmen ist der Einsatz von Barmitteln beim Zukauf nicht deutlich angestiegen“, erklärt LBBW-Analyst Martin Dresp.

Üblicherweise erfolgt die Übernahmefinanzierung in zwei Schritten. Zunächst werden im Durchschnitt mehr als zwei Drittel des Transaktionsvolumens über kurzfristiges Fremdkapital gesichert. Dabei dient der Konsortialkredit als Fundament. Bei der endgültigen Finanzierung werden dann mehr als 80 Prozent des aufgenommenen Kapitals mit Anleihen, Konsortialkrediten und Schuldscheinen finanziert. „Hierbei zeichnet sich ein deutlicher Trend zu mehreren Finanzierungsinstrumenten ab“, so Dresp. Besonders auffällig sei die Laufzeitentwicklung bei Anleihen und Schuldscheinen. Aufgrund der historisch niedrigen Zinsen setzen Großunternehmen und Mittelständler immer mehr auf längere Laufzeiten. Bei den analysierten Übernahmen wurde rund die Hälfte der insgesamt 87 Milliarden Euro über Anleihen finanziert, rund 9 Milliarden Euro entfielen auf Schuldscheine. Da sich mit Schuldscheinen vergleichsweise wenig Kapital aufnehmen lässt, sind sie beim Mittelstand besonders gefragt.

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Nach Einschätzung des LBBW Research wird sich der M&A-Markt weiter positiv entwickeln. Auch wenn attraktive Übernahmekandidaten zunehmend Mangelware werden dürften – die Nachfrage bleibt hoch und lässt die Bewertungen spürbar steigen. Für weitere Informationen stehen beide Studien kostenfrei als PDF-Download zur Verfügung.

Zur Finanzierung einer Übernahme stehen die Spezialisten der LBBW allen Firmenkunden als verlässlicher Ansprechpartner zur Seite.