Digitalisierung: Weiterbildung als Baustein einer neuen Sozialpolitik

Digitalisierung

Bildung statt Sozialtransfers

Wie muss eine neue Sozialpolitik im Zeichen der Digitalisierung aussehen? LBBW Research hat das in einer aktuellen Studie analysiert.

Verändert sich die Volkswirtschaft aufgrund der Digitalisierung grundlegend – und das wird sie aller Voraussicht nach tun –, so muss auch die Sozialpolitik neue Wege gehen. Anstelle von Sozialtransfers könnte hier die Weiterbildung immer wichtiger werden. Denn Routine-, aber auch Nichtroutinetätigkeiten werden mit der vierten industriellen Revolution verstärkt durch Roboter übernommen. Damit steigen die Anforderungen an die Arbeitnehmer in Bezug auf Kenntnisse und Flexibilität und Menschen mit geringer und mittlerer Ausbildung kommen immer stärker unter Druck. So lautet eines der Ergebnisse einer aktuellen Studie des LBBW Research zur „Sozialpolitik in Zeiten der Digitalisierung“.

Einschneidende Veränderungen durch die digitale Transformation

Die erste industrielle Revolution mechanisierte ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch den Einsatz von Wasser- und Dampfkraft die Produktion, zunächst in Großbritannien und später weltweit. Langfristig steigerte sie die Produktivität und die Reallöhne; in den ersten Jahrzehnten der Umstellung sanken die Löhne der Arbeiter jedoch zunächst. Damit etablierte sich als Ausgleich gezwungenermaßen die Idee des Wohlfahrtstaates, der mit Sozialtransfers für das Wohl seiner Bürger sorgt. Es folgten die zweite industrielle Revolution, in der die Elektrizität die Massenproduktion ermöglichte, und die dritte industrielle Revolution, in der es seit Mitte des 20. Jahrhunderts darum ging, Elektronik und Informationstechnologie für die automatisierte Produktion zu nutzen.

Die vierte industrielle Revolution, auch digitale Revolution genannt, vernetzt nun die intelligenten Maschinen – wiederum mit einschneidenden Veränderungen für den Arbeitsmarkt. Berufe wandeln sich oder verschwinden ganz, Roboter ersetzen Arbeitskräfte und werden zu Kollegen, Anpassungs- und Lernfähigkeit wird zum Kernelement beruflicher Qualifikation.

Arbeitnehmer an den Früchten des Fortschritts beteiligen

Bei der digitalen Revolution besteht erneut die Gefahr, dass die Reallöhne mancher Berufsgruppen sinken könnten; zumal sich die Digitalisierung bislang nicht in einer höheren Arbeitsproduktivität widergespiegelt hat. Letztere bestimmt aber die Reallöhne. Eine wesentliche Herausforderung der Sozialpolitik im 21.Jahrundert sei deshalb, die Arbeitnehmer an den Früchten des technologischen Fortschritts zu beteiligen, so die Research-Experten der Landesbank Baden-Württemberg. Dies müsse heute eher durch Bildung als durch Sozialtransfers geschehen.

Das Thema Bildung war bereits vor dem Hintergrund der zunehmenden Verwendung von Methoden der künstlichen Intelligenz in der Wirtschaft auch bereits ein zentraler Eckpfeiler der sozialpolitischen Agenda von Ex-US-Präsident Barack Obama (siehe Grafik unten).

  • Beispiel USA: Sozialpolitische Vorschläge im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz

    Sozialpolitik in Zeiten der Digitalisierung: das Beispiel USA

    Die Obama-Administration arbeitete eine Checkliste für eine neue, der Digitalisierung Rechnung tragende Sozialpolitik aus. Diese Liste könnte leichter abzuarbeiten sein, als zB. durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ein historisch gewachsenes Sozialsystem umzubauen.

Mut zur Tat: Wege zu einer neuen Sozialpolitik

Doch das LBBW Research benennt in seiner Studie noch weitere Herausforderungen für eine neue Sozialpolitik und Fragen, die durch sie beantwortet werden müssen:

  • Arbeitsverhältnisse werden instabiler und Arbeitnehmer mit geringer und mittlerer Ausbildung geraten immer stärker unter Druck.
  • Die Diskriminierung von „Alten“ (ab dem 40. Lebensjahr) wird anhalten, obwohl es notwendig ist, dieses Erwerbspersonenpotenzial zu nutzen.
  • Wie kann das soziale Netz für (Schein-)Selbstständige bzw. Crowdworker aussehen?
  • Müssen Kranken- und Arbeitslosenversicherung reformiert werden, um Selbstbeschäftigten gerecht zu werden?
  • Braucht es neue, einfache und transparente Technologien, die Selbstbeschäftigten helfen, Altersvorsorge zu betreiben?

Experimente wagen

Aus Sicht des LBBW Research sollte die Arbeits- und Sozialpolitik in ausgewählten Landkreisen Experimente wagen, zum Beispiel zu Sozialkonten nach französischem Vorbild oder einem lernabhängigen Grundeinkommen. So könnten Anreizwirkungen möglicher Instrumente ausprobiert werden, ohne dafür gleich den kompletten Sozialstaat umbauen zu müssen. Im Erfolgsfall ließen sie sich auf ganz Deutschland übertragen.

Zur Studie über die Herausforderungen an die Sozialpolitik: