Verantwortung: Chance für Mittelständler durch Nachhaltigkeitsberichte – LBBW Perspektiven

Finanzwissen

Nachhaltigkeitsberichte als Chance

Ab 2018 sind große Unternehmen zum Bericht über Nachhaltigkeit verpflichtet. Warum das auch für Mittelständler wichtig ist, erklärt das LBBW Research.

Geht es allein nach den Buchstaben des Gesetzes, sind ab 2018 in Deutschland nur etwa 500 große Unternehmen von der neuen Rechtslage rund um die Nachhaltigkeitsberichterstattung betroffen. Denn eine Berichtspflicht gibt es ab dem 1. Januar allein für kapitalmarktorientierte Unternehmen, Finanzdienstleister und Versicherungen, die mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigen, deren Bilanzsumme mehr als 20 Millionen Euro beträgt oder die im Jahr mehr als 40 Millionen Euro Umsatz erzielen.

Berichtspflichtig als Teil der Lieferkette

Nach Ansicht der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) wird die Umsetzung der EU-Richtlinie zur Corporate Social Responsibility (CSR) aber bereits in naher Zukunft dafür sorgen, dass auch immer mehr Mittelständler Nachhaltigkeitsberichte veröffentlichen. Grund dafür ist eine Art Kettenreaktion: Die Recherchen der großen, berichtspflichtigen Unternehmen zur Beschreibung ihrer Lieferketten zwingen deren Lieferanten dazu, ihrerseits Nachhaltigkeitsdaten zu erheben – auch wenn diese Firmen eigentlich unterhalb der vom Gesetzgeber vorgesehenen Meldeschwellen rangieren. Bei all diesen Mittelständlern fällt also ohnehin Aufwand an, der im Rahmen einer eigenen Nachhaltigkeitsberichterstattung sinnvoll genutzt werden könnte.

„Weil das Thema Nachhaltigkeit an Bedeutung gewinnt, werden immer mehr Unternehmen ihre Geschäftsberichte um die Nachhaltigkeitsthemen ausweiten.“ - Martin Dresp, Analyst, LBBW Research

Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette

Ein beeindruckendes Beispiel für solche Auswirkungen in einer Lieferkette bot im Jahr 2016 der Automobilkonzern BMW. Um Transparenz und Ressourceneffizienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu steigern, erhielten weltweit rund 5.600 BMW-Lieferanten einen umfangreichen Fragebogen in Sachen Nachhaltigkeit. Darauf basierend vollzog der Automobilkonzern eine strenge Bewertung: Wer die Mindestanforderungen nicht erfüllte, musste einen korrektiven Maßnahmenplan vorlegen. Nachhaltig zu agieren und darüber dezidiert Auskunft geben zu können, wird also zunehmend auch für mittelständische Zulieferunternehmen zur Voraussetzung für den Geschäftserfolg. Dass dies natürlich auch für Firmen gilt, die nicht an DAX-Unternehmen liefern, zeigt die genossenschaftlich organisierte EDEKA Südwest. Wie die Spezialisten für frische Lebensmittel mit dem Thema Nachhaltigkeit umgehen und was sie von ihren Zulieferern erwarten, lesen Sie hier im Interview mit der Geschäftsbereichsleiterin Nachhaltigkeit Michaela Meyer.

Vorteile können Kosten für Nachhaltigkeitsberichte ausgleichen

Unternehmen entlang der Lieferkette könnten mit einer eigenen Berichterstattung zum Thema Nachhaltigkeit beachtliche Vorteile erzielen, urteilt LBBW-Analyst Martin Dresp: „Die positiven Effekte gleichen die Kosten für die Berichte häufig mehr als aus.“ Die gewonnenen Erkenntnisse über das eigene Unternehmen liefern zum Beispiel Ansätze für Kostensenkungen bei der Energie- oder Materialwirtschaft. Ein guter Nachhaltigkeitsbericht könne zudem Türöffner zu nachhaltig orientierten Kapitalgebern sein und zugleich bei Angestellten, Bewerbern sowie potenziellen Kunden die Reputation verbessern.

  • Energieeffizienzpotenziale bei branchenübergreifenden Querschnittstechnologien

    Nachhaltig handeln – Energieeffizienzpotenziale heben

    Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeit überprüfen, können in diesem Zuge Einsparpotenziale erkennen und realisieren. Was bei branchenübergreifenden Querschnittstechnologien möglich ist, zeigt diese Grafik.

Wichtig zu wissen: Bei der Bewertung der Nachhaltigkeit eines Unternehmens geht es nicht allein um Umweltschutz und Energie. In den Blick zu nehmen sind immer drei Bereiche: ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Für viele Mittelständler sind die entsprechenden Analysen sowie die Berichterstattung darüber allerdings noch Zukunftsmusik.

  • Prozentuale Verteilung der Themen Wirtschaft, Ökologie und Gesellschaft in Nachhaltigkeitsberichten

    Soziale und ökologische Verantwortung dominieren die Berichte

    Die gesellschaftliche Verantwortung ist der Bereich, über den die untersuchten Unternehmen am ausführlichsten berichten. Im Schnitt wurde hierfür ein Viertel der Seiten aufgewendet. Quelle: LBBW Research

LBBW prognostiziert Trend zur integrierten Berichterstattung

Aber auch bei den großen Konzernen gibt es noch viel Luft nach oben. Wie eine aktuelle empirische Untersuchung des LBBW Research zeigt, werden die vielfältigen Chancen auch von den berichtspflichtigen Unternehmen längst noch nicht ausreichend genutzt. So stellten einige der analysierten 61 großen Unternehmen, die mehrheitlich aus der DAX-Familie stammen, Ihre Nachhaltigkeitsbemühungen auf lediglich 20 Seiten vor. Die Berichte anderer Unternehmen umfassten das Zehnfache. Mehr als zwei Drittel der untersuchten Unternehmen entschieden sich für einen separat veröffentlichten Nachhaltigkeitsbericht. Es sei aber mehr als wahrscheinlich, dass es eine Verschiebung in Richtung integrierte Berichterstattung geben werde, prognostiziert Martin Dresp. „Weil das Thema Nachhaltigkeit an Bedeutung gewinnt, werden immer mehr Unternehmen ihre Geschäftsberichte um die Nachhaltigkeitsthemen ausweiten“, sagt er. Bemerkenswert sei zudem, dass sich zwei Drittel der untersuchten Unternehmen zu konkret messbaren Zielen verpflichten und ein Fünftel sogar einen Teil der Vorstandsvergütung an Nachhaltigkeitsziele knüpfe. „Bei ihnen ist die Nachhaltigkeit bereits fester Bestandteil der Unternehmensstrategie geworden“, so Martin Dresp.

Bei der Berichterstattung möglichst an Normen orientieren

Ob integriert als Teil des Geschäftsberichts oder solitär als eigenständige Veröffentlichung – die Nachhaltigkeitsberichterstattung muss bestimmte Qualitätsstandards erfüllen, um für das Unternehmen sowie dessen Anspruchsgruppen sinnvoll und für den Gesetzgeber ausreichend zu sein. Experten empfehlen daher, sich an Leitlinien bzw. anerkannten Standards zu orientieren. Eine international weit verbreitete Norm ist der sogenannte GRI-G4-Standard, der von der Global Reporting Initiative (GRI) entwickelt wird. Damit wird Transparenz, Vergleichbarkeit und Standardisierung auf internationaler Ebene geschaffen (eine umfassende Darstellung des G4-Standards finden Sie hier.

Auch ein vollständiger Bericht sagt jedoch nur bedingt etwas über die nachhaltige Ausrichtung eines Unternehmens aus. Daher gibt es eine Reihe weiterer Möglichkeiten, sich im Bereich der Nachhaltigkeit auszuzeichnen. Bekannte Beispiele hierfür sind die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, Zertifizierungen der Umweltmanagementsysteme durch EMAS und ISO. Zudem sind weitere Kennzeichnungen auf Produktebene möglich. Beispiele dafür sind das Fairtrade-Label, das Bio-Logo oder der seit 1978 vergebene Blaue Engel. Neben dem GRI-G4-Standard gibt es zudem weitere Initiativen, die Leitfäden für die Bearbeitung und Kommunikation von Nachhaltigkeitsthemen erstellen. So haben sich weltweit mehr als 9.000 Unternehmen den zehn Prinzipien der UN Global Compact Initiative verpflichtet. Vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen bietet der Deutsche Nachhaltigkeitskodex DNK eine verkürzte Form der Berichterstattung.

Unsere Studie zu den Nachhaltigkeitsberichten von DAX-Unternehmen: