Potenziale und Risiken der Digitalisierung

Digitalisierung

Potenziale und Risiken der Digitalisierung

Dossier: Unsere Analyse nennt Risiken des digitalen Wandels und skizziert Lösungsansätze für Unternehmen und Staat.

Wer die Dynamik der Weltwirtschaft spüren will, der kommt nach Tuttlingen: Mehr als 400 Unternehmen mit rund 8.000 Beschäftigten machen die 35.000 Einwohner zählende Stadt im südlichen Baden-Württemberg zur „Welthauptstadt der Medizintechnik“. Weltmarktführer wie die Aesculap AG, die KLS Martin Group oder die Karl Storz GmbH & Co. KG entwickeln und produzieren hier seit teilweise mehr als 100 Jahren Implantate, chirurgische Instrumente oder OP-Systeme für die ganze Welt. Insgesamt bietet Tuttlingen sogar 22.000 Arbeitsplätze – und gehört damit zu den wirtschaftsstärksten Regionen in ganz Deutschland.

Doch über dem Wirtschaftsstandort im Oberen Donautal ziehen erste dunkle Wolken auf. Grund dafür ist nicht etwa eine abnehmende globale Nachfrage – im Gegenteil, Tuttlinger Qualitätsprodukte sind weltweit begehrter denn je. Sorgen bereitet vielmehr eine Entwicklung, deren Auswirkungen weit über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus spürbar sein werden und die die gesamte Weltwirtschaft in den kommenden Jahren und Jahrzehnten komplett durchdringen und grundlegend verändern dürfte: die Digitalisierung.

Denn während Produkte und Services wie Smartphones oder soziale Medien unser privates Leben in den vergangenen zehn Jahren bereits maßgeblich verändert haben, steht der Wirtschaft die digitale Revolution erst noch bevor – mit entsprechenden Herausforderungen für Unternehmen und Beschäftigte. „Einerseits bietet die zunehmende Digitalisierung der Arbeitsprozesse natürlich große Chancen für innovative Unternehmen und qualifizierte Arbeitskräfte“, sagt Dr. Guido Zimmermann, verantwortlicher Analyst der Research-Abteilung der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). „Andererseits ist der digitale Wandel eine der größten Herausforderungen, der sich Deutschland auf staatlicher und unternehmerischer Ebene heute stellen muss.“ So könnte nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg bis zum Jahr 2025 bundesweit jeder siebte Arbeitsplatz der Automatisierung zum Opfer fallen (die gesamte Studie können Sie als PDF hier downloaden). In Regionen, die stark vom Verarbeitenden Gewerbe geprägt sind, liegt diese Quote sogar noch deutlich höher: Für Tuttlingen beispielsweise rechnet das IAB damit, dass annähernd jede dritte Stelle in Zukunft durch digitale Technologien substituiert werden könnte.

  • Erfolgreiche Digitalisierung beginnt bei der Ausbildung

    13,3 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland sind bedroht.

    Bis 2025 drohen 13,3 Prozent der hiesigen Arbeitsplätze durch Digitalisierung und Automatisierung wegzufallen. Regionen mit vielen Jobs im Verarbeitenden Gewerbe sind besonders betroffen. Ein nachhaltiger Lösungsansatz: Massive Investitionen in digitale Bildung und Weiterbildung.

„Das bedeutet allerdings nicht, dass dadurch automatisch ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit zu beobachten sein wird“, sagt Dr. Guido Zimmermann. Schließlich werden durch die steigende Innovationskraft gleichzeitig auch neue Stellen geschaffen. „Wie hoch deren Anzahl sein wird, hängt jedoch maßgeblich davon ab, ob es dem Staat und den Unternehmen gelingt, in den kommenden Jahren ein entsprechend digitalisierungsfreundliches Umfeld zu schaffen.“ Voraussetzungen dafür seien schnelle und nachhaltige Fortschritte insbesondere in vier Bereichen: beim Ausbau einer zukunftssicheren digitalen Infrastruktur, bei der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, bei der Bildung sowie in der Sozialpolitik.

Bei der digitalen Infrastruktur hinkt Deutschland hinterher

Eine der Grundvoraussetzungen für Unternehmen, um im digitalen Zeitalter bestehen zu können, ist nach Einschätzung des Research-Teams der LBBW der Zugang zu leistungsstarken Internetverbindungen, also ultraschnellen Breitbandnetzen. „Die Verbindungsgeschwindigkeit wird mehr und mehr zum Maßstab der globalen Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Dr. Guido Zimmermann. Derzeit steht Deutschland auf diesem Gebiet im internationalen Vergleich jedoch eher schlecht da: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung gehört die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt unter allen untersuchten europäischen Ländern hier nur zum Mittelfeld. Bei den Glasfaseranschlüssen erreicht Deutschland sogar nur Rang 28 – von 32 Ländern. Ähnliches lässt sich auch aus dem „Digital Economy and Society Index“ (DESI) der Europäischen Kommission ablesen, einer Kennziffer, die die digitale Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen EU-Länder vergleicht. Deutschland belegt danach aktuell Rang 11 und liegt damit hinter Österreich und nur knapp vor Malta und Litauen. „Hier bedarf es jetzt massiver staatlicher Investitionen, um im wahrsten Sinne des Wortes nicht den Anschluss zu verlieren – insbesondere auch in eher ländlichen Gebieten“, sagt Dr. Guido Zimmermann. „Allein für den Ausbau der Breitbandnetze in Baden-Württemberg rechnen wir bis 2025 mit notwendigen Mitteln von rund 5 Mrd. Euro.“ Das Thema digitale Infrastruktur sollte daher ganz nach oben auf die politische Agenda rücken – in Stuttgart, Berlin und andernorts in Deutschland.

  • Erfolgsfaktor Breitband-Internet: Wirtschaftliches Potenzial nach Branchen

    Breitband birgt ein Potenzial von 55,7 Mrd. €/Jahr.

    Die positiven ökonomischen Effekte durch intelligente Netze in Deutschland könnten insgesamt 55,7 Mrd. Euro pro Jahr betragen. Voraussetzung dafür sind flächendeckende Glasfaser- und 5G-Netze. Noch aber ist die digitale Infrastruktur hierzulande unzureichend – ein Wettbewerbsnachteil.

Massive Veränderungen am Arbeitsmarkt

Wie groß der Einfluss der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und hier insbesondere auf klassische Fertigungsberufe sein könnte, wird bei einem Blick auf die Automobilindustrie deutlich. Nach Analysen der LBBW hätte beispielsweise eine komplette Umstellung der Industrie auf Elektrofahrzeuge einen Arbeitsplatzabbau von 110.000 Stellen zur Folge – allein in Baden-Württemberg. Ein Verlust, der nur in geringem Maße durch neue Stellen in der Produktion alternativer Antriebe kompensiert werden würde. Statt verloren gehende Arbeitsplätze 1:1 ersetzen zu wollen, gilt es daher, auf Unternehmerseite umzudenken und sich neue Geschäftsfelder zu erschließen: Dafür werden Zukäufe von Know-how und Produktionskapazitäten immer wichtiger, ebenso wie die Intensivierung der eigenen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten.

„Im Moment ist die generelle Furcht vor einem massiven Stellenabbau noch unbegründet“, sagt Dr. Guido Zimmermann. Denn die Industrie in Deutschland hat sich in Zeiten neuer Herausforderungen bislang stets innovationsstark gezeigt – wodurch auch im Zuge der Digitalisierung eine Vielzahl neuer Tätigkeitsfelder und damit Arbeitsplätze geschaffen werden sollten. Im Maschinenbau in Baden-Württemberg beispielsweise begann die erste Phase der Automatisierung bereits vor etwa 40 Jahren. Seither hat sich ein effizientes Zusammenspiel von Forschungseinrichtungen und produktiven, exportorientierten Unternehmen entwickelt, das nun im Zuge der Digitalisierung erneut neue Produktangebote und Arbeitsplätze schafft. Wachsende Absatzmärkte etwa in der Batteriemontage- sowie der Nahrungsmittel- und Verpackungstechnik sorgen hier für einen positiven Beschäftigungseffekt. Insgesamt verzeichnet der baden-württembergische Maschinenbausektor dadurch derzeit sogar einen moderaten Beschäftigungsanstieg – ein mögliches Vorbild für andere Branchen, durch integrierende Forschung und Entwicklung den digitalen Wandel zu nutzen.

  • Prognose: Mehr Beschäftigte durch Digitalisierung im Maschinenbau bis 2030

    Im Maschinenbau mehr Beschäftigung durch Digitalisierung

    Im Maschinenbau läuft der Digitalisierungsprozess bereits seit rund 40 Jahren, daher ist das Abbauszenario mit etwa 14 Prozent vergleichsweise moderat. Günstige regionale Voraussetzungen und produktive, exportorientierte Unternehmen sorgen in Summe für einen moderaten Beschäftigungsanstieg.

Bildung vor langfristigen Herausforderungen

Voraussetzung für die Schaffung entsprechender Arbeitsplätze ist eine Bildungspolitik, die die Menschen in die Lage versetzt, mit den beruflichen Herausforderungen der Zukunft umzugehen und diese zu meistern. Das bedeutet, dass jetzt die maßgeblichen Inhalte für Bildung im digitalen Zeitalter identifiziert werden und sowohl Bund als auch Länder verstärkt in die Aus- und Weiterbildung der Erwerbstätigen investieren müssen. Die Art der zu lehrenden Inhalte wird sich dabei spürbar verändern, ist sich Dr. Guido Zimmermann sicher: „Excel- oder Programmierkenntnisse zum Beispiel werden durch die fortschreitende Automatisierung vernachlässigbar, da Technologien wie die künstliche Intelligenz diese Aufgaben zunehmend übernehmen werden.“ Dafür könnten geisteswissenschaftliche und soziale Fähigkeiten stärker in den Bildungsfokus rücken und damit Eigenschaften, die als ausgesprochen „menschlich“ gelten – zum Einsatz etwa in der Lehre oder der Pflege.

Insgesamt sind Schulen, Hochschulen und Unternehmen gemeinsam gefordert, ein neues Bildungssystem zu etablieren. Denn die Aus- und Weiterbildung muss sich den Herausforderungen der Digitalisierung anpassen und Arbeitnehmer dazu befähigen, immer wieder neue, spezielle Fähigkeiten zu erwerben. So wird ein heute 16-Jähriger vermutlich bis zu seinem 75. Lebensjahr arbeiten und in dieser Zeit etwa sechs verschiedene Jobs mit zum Teil ganz unterschiedlichen Anforderungsprofilen ausüben. Dafür benötigt er eine Vielzahl an Fähigkeiten, die kontinuierlich überprüft und erweitert werden müssen. „Routinejobs, auf denen der Mittelstand heute noch zum größten Teil basiert, werden dagegen im Laufe der Zeit immer weiter zurückgehen“, sagt Dr. Guido Zimmermann.

  • Erfolgreiche Digitalisierung beginnt bei der Ausbildung

    Erfolgreiche Digitalisierung beginnt bei der Ausbildung

    Künftig könnten geisteswissenschaftliche und soziale Fähigkeiten stärker in den Bildungsfokus rücken.

Eine neue Sozialpolitik braucht das Land

Mit der Digitalisierung gehen letztlich auch massive gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Veränderungen einher, deren Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. In Bezug auf den Bereich Arbeit beispielsweise muss die Politik Antworten auf die Fragen finden, wie mit Stellenabbau und einem sich drastisch verändernden Arbeitsumfeld umzugehen ist. Zwar unterstützt die LBBW in diesem Zusammenhang auf kommunaler Ebene praxisnahe Studien etwa zum bedingungslosen Grundeinkommen. Jedoch weist ein solches, auch von einigen Unternehmenslenkern befürwortete Modell aus Sicht der LBBW drei wesentliche Schwächen auf: Es beinhaltet in ihrem Ausmaß nicht vorherzusehende Anreizeffekte, es scheint kaum seriös finanzierbar zu sein und es fördert in seiner Konsequenz den Abbau des Sozialstaats.

Ein anderes interessantes Modell ist das sogenannte Sozialkonto für jeden Bürger, auf dem monetäre und nicht monetäre Punkte – etwa für gemeinnützige Tätigkeiten – gesammelt und abgehoben werden können. Ein solches Konto hätte den Vorteil, dass es die Menschen zur Eigenverantwortlichkeit anhält, da sie mit ihren Punkten haushalten müssten. Allerdings wäre der Verwaltungsaufwand enorm und der Staat müsste trotz des Sozialkontos für Bürger vorsorgen, die in Not geraten.

Bei der Beantwortung der sozialpolitisch relevanten Zukunftsfragen ist die passende Antwort also noch nicht gefunden. Die LBBW hält daher eine offene Diskussion und einen Wettbewerb der Ideen für notwendig, an dem sich Politik, Unternehmen und Bürger gleichermaßen beteiligen sollten, um einen breiten, gesellschaftlich akzeptierten Konsens zu erzielen.

  • Sechs Bausteine für erfolgreichen digitalen Wandel

    Sechs Faktoren bedingen erfolgreichen digitalen Wandel

    Die Politik muss jetzt handeln, um ein solides Fundament für Digitalisierung zu schaffen. Hierzu gehören vornehmlich: eine neue Sozialpolitik, Verbesserung der digitalen Infrastruktur, die Modernisierung des Arbeitsrechts, finanzielle Entlastung von Unternehmen sowie Bildungspolitik 4.0.

Der digitale Wandel in Deutschland kann gelingen

Auch wenn die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft groß sind: Als eine der leistungsstärksten und innovativsten Volkswirtschaften weltweit verfügt Deutschland für die erfolgreiche Bewältigung des digitalen Wandels über hervorragende Voraussetzungen. Wichtig ist es nun, diesen Vorsprung nicht aufs Spiel zu setzen und den technologischen Fortschritt nicht zu verschlafen. Dafür muss die Politik den Ausbau der digitalen Infrastruktur jetzt bundesweit massiv vorantreiben, gemeinsam mit den Unternehmen ein zukunftsfähiges Bildungssystem etablieren und die Rahmenbedingungen für flexiblere Arbeitsmärkte und eine langfristig stabile Sozialpolitik schaffen. Werden diese Kriterien erfüllt, kann der Wirtschaftsstandort Deutschland weltweit zu den Gewinnern des digitalen Wandels zählen – sowohl in Hinsicht auf die Unternehmen als auch mit Blick auf die Erwerbstätigen. Keine schlechten Aussichten also für Deutschland im Allgemeinen – und ganz speziell für Tuttlingen an der Donau.