Wissenschaftlerin in einem Forschungslabor

„Extreme Solidarität unter den Forschern“

Dominik Jasinski, LBBW Sector Head Healthcare & Pharma, zum Stand der Impfstoff-Forschung gegen COVID-19 und den späteren Problemen bei Produktion und Versorgung.

Dominik Jasinski ist bei der LBBW Sektorexperte für Gesundheit und Pharma. Er kennt die Branche aus allen relevanten Perspektiven und berät LBBW-Unternehmenskunden aus den Bereichen Pharma und Healthcare zu Finanzthemen und damit verbundenen Strategiefragen. Daher verfügt er über sehr gute Kenntnisse und Einblicke in die Branche – auch in puncto Corona-Impfstoff.

LBBW Hauspost: Herr Jasinski, die Welt wartet sehnlich auf einen Impfstoff gegen COVID-19 Wann ist es soweit?

Dominik Jasinski: Die Pharma-Industrie steht enorm unter Druck. Dabei ist die Entwicklung eines Wirkstoffes das eher kleinere – wenn auch noch ungelöste – Problem. Viel gravierender werden die Sorgen, wenn es um die Produktion und die Supply Chain geht, um die Verteilung und um die konkrete Impfung. Da gibt es derzeit noch viele offene Fragen. Ein Beispiel sind die mRNA-basierten Impfstoffe von Moderna und Pfizer, die ganz vorne bei der Entwicklung dabei sind. Sie müssen in eingefrorenem Zustand geliefert werden. Nur 25 entwickelte Länder mit einer Gesamtbevölkerung von 2,5 Milliarden Menschen können solche notwendigen Lieferstrukturen ausweisen. Es stellt sich also die Frage: Was ist mit den restlichen zwei Dritteln der Welt – Asien, Afrika, Südamerika?

LBBW Hauspost: Sie stehen als Sector Head Healthcare & Pharma im engen Kontakt mit den Pharmakonzernen, haben aber auch bei kleineren Forschungsunternehmen die Hand am Puls der Zeit. Wann kommt der sehnlich erwartete Impfstoff gegen das Corona-Virus?

Jasinski: Weltweit wurden mittlerweile 7 Milliarden Dollar in Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen für einen Impfstoff gegen ein Virus investiert. Das ist eine bislang nicht gekannte Größenordnung und sprengt alle Rekorde. Im Ergebnis gibt es derzeit etwa 150 Wirkstoffe, die intensiv auf ihre Wirksamkeit getestet werden. Am Ende sehen wir aktuell 20 bis 25 unterschiedliche Wirkstoffe, die uns hoffen lassen, dass es bald ein wirksames Mittel gegen COVID-19 geben wird.

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LBBW Hauspost: Wird es den einen Blockbuster geben?

Jasinski: Nein. Wir gehen davon aus, dass es mehrere Impfstoffe geben wird. Immerhin haben wir nationale Zulassungsbehörden für die Arzneimittelindustrie, die nach unterschiedlichen Standards arbeiten. Die Forschungsteams arbeiten auf mindestens sieben diversen Impfstoff-Plattformen, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Allein aus diesem Grund wird es mehrere Impfstoffe geben.

Wir gehen davon aus, dass es mehrere Impfstoffe gegen Corona geben wird.

Dominik Jasinski, Sector Head Healthcare & Pharma der LBBW

LBBW Hauspost: Üblicherweise funktioniert der Pharmamarkt nach dem Prinzip „The winner takes it all.“ Das Unternehmen, welches als erstes ein Medikament entwickelt hat, meldet das zum Patent an und kassiert die folgenden 20 Jahre alleine …

Jasinski: Hier erleben wir etwas völlig Neues in der Pharmabranche. An einem Wirkstoff gegen COVID-19 forschen nicht nur die ganz großen Konzerne, wie Pfizer, Johnson&Johnson, Sanofi oder Novartis, sondern eben auch kleinere Unternehmen, wie Eleva, Janssen Vaccines oder Curevac in Tübingen. Weltweit werden Forschungsergebnisse und Fortschritte, aber eben auch Sackgassen in der Forschung und Rückschläge untereinander geteilt. Es ist mehr ein Miteinander als ein Gegeneinander. Es herrscht eine extreme Solidarität unter den Forschern.

LBBW Hauspost: Na ja: Tesla-Gründer und Multimilliardär Elon Musk wollte jüngst bei Curevac einsteigen, US-Präsident Donald Trump Curevac gleich ganz übernehmen.

Jasinski: Und beides hat nicht funktioniert. Den Unternehmen ist klar: Es gibt keinen Wettbewerb gegeneinander, es gibt nur ein Rennen gegen die Zeit. Jeden Tag infizieren sich Zehntausende, jeden Tag sterben Menschen.

LBBW Hauspost: Wo steht die Forschung konkret?

Jasinski: Derzeit befinden sich mehr als 140 Wirkstoffe in der Präklinik-Phase, 16 in Phase 1, 14 in Phase 2 und neun Wirkstoffe in Phase 3. Zwei Wirkstoffe befinden sich in der Zulassungsphase.

LBBW Hauspost: Und das heißt …

Jasinski: Ich gehe davon aus, dass wir noch im vierten Quartal 2020 die ersten Zulassungen sehen werden.

Wir werden noch im vierten Quartal die ersten Zulassungen sehen.

Dominik Jasinski, Sector Head Healthcare & Pharma der LBBW

LBBW Hauspost: Und das ist dann der weltweit ersehnte Tag?

Jasinski: Leider nein. Dann stehen wir vor dem nächsten Problem. Auch wenn es dann mehrere zugelassene Impfstoffe geben wird, benötigen wir eine gigantische Produktion, um die Weltbevölkerung impfen zu können. Und da sprechen wir von mindestens 8 Milliarden Dosen. Zudem: Nicht jeder Wirkstoff wird die Menschen nach einmaliger Impfung immunisieren. Einige der jetzt bekannten Wirkstoffe werden mehrmals verabreicht werden müssen.

LBBW Hauspost: Der Weg vom Laborergebnis zum marktreifen Produkt ist noch steinig?

Jasinski: Die komplette Supply Chain ist noch ungeklärt. Die Pharmaindustrie ist eine immens kapitalintensive Branche – niemand investiert in Fabriken, ohne die entsprechende Auslastung langfristig gesichert zu haben. Die Hersteller haben nicht mit leeren Kapazitäten auf COVID-19 gewartet – die Produktionsanlagen müssen erst gebaut werden, um die Nachfrage abzudecken. Und selbst wenn die Produktion stehen würde, bleibt die Frage, wie distribuiere ich den Impfstoff? Und: Wer impft am Ende die Menschen?

LBBW Hauspost: Ohne Spritze wird es nicht gehen? Bei einer Schluckimpfung wie Kinderlähmung wäre es einfach in der Apotheke zu erledigen.

Jasinski: Das ist nicht absehbar. Es würde schon enorm helfen, wenn die Impfstoffe statt in eingefrorenem Zustand bei Temperaturen in der Spanne zwischen 2 und 8 Grad geliefert werden können – dann hätten immerhin 70 Prozent der Bevölkerung Zugang zum Impfstoff.

LBBW Hauspost: Die Frage stellt sich auch: In welcher Reihenfolge wird geimpft?

Jasinski: Das ist auch so ein heikles Thema. Es kommen harte Entscheidungen auf Regierungen, Krankenkassen und Arbeitgeber zu, da Prioritäten gesetzt werden müssen. In der ersten Hochlaufphase wird der Impfstoff sehr knapp sein, bei einem fast unbegrenzten Bedarf. Das wird nicht nur zu ökonomischen, sondern vor allem zu ethischen Fragestellungen führen. Nicht auszuschließen, dass andere Staaten die Systemrelevanz von Menschen zum Maßstab machen.

LBBW Hauspost: Wer wird darüber befinden?

Jasinski: Gute Frage. Aber dazu wird es keine allgemeingültige Antwort geben. Es ist vorstellbar, dass zum Beispiel in Deutschland die Krankenkassen die Kosten übernehmen und damit alle zügig geimpft werden können. Aber was ist mit Ländern, die keine Krankenkassen kennen? Laut WHO hat die Hälfte der Weltbevölkerung keinen Zugang zu Basisleistungen im Gesundheitswesen. Ich wünsche mir, dass die Solidarität, die wir jetzt in der Forschung sehen, als Beispiel für breitere Teile der Gesellschaft gelten wird. Wir brauchen eine weltweite Solidarität. Was COVID-19 uns allen gezeigt hat, ist, dass wir alle doch mehr voneinander abhängig sind, und enger vernetzt sind, als gedacht. Wir sollten alle aufeinander aufpassen.

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