Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW

Zurück ins Jahr 1946

Es wird wohl ein Brexit ohne Deal. Doch Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW, gibt Entwarnung: „Zum befürchteten Chaos wird auch der Hard Brexit nicht führen.“

Am 19. September 1946 sprach ein Mann vor der akademischen Jugend an der Universität Zürich. Sein Name: Winston Churchill. Sein Traum: „eine Art Vereinigte Staaten von Europa“.

Im Dezember 2019 erklärte Boris Johnson in seiner Regierungserklärung: „Die Priorität meiner Regierung ist es, den Austritt aus der EU zum 31. Januar zu liefern.“

73 Jahre liegen zwischen Churchill und Johnson. 48 zwischen Beitritt und Austritt. 2022 hätte also die „Goldene Hochzeit“ gefeiert werden dürfen – eine Liebesehe war es indes nie. Schon die diversen Beitrittsversuche waren von Vetos, Sondergenehmigungen und, und, und geprägt.

Nicht einmal eine vernünftige Scheidung bekommen die EU und die Briten hin. Selbst Spitzendiplomatie zwischen dem britischen Premier und der EU-Chefin Ursula von der Leyen brachten zuletzt nicht den erhofften Durchbruch.

Jetzt geht Großbritannien wohl ohne Deal – weitere Gespräche sind zunächst nicht geplant. Immerhin müssten dem Überraschungs-Deal in letzter Sekunde nicht nur das EU-Parlament, sondern auch das britische Unterhaus noch zustimmen. No way, heißt es. Vergangenen Sonntag war Time over. Der „No-Deal-Brexit“ in der kommenden Silvesternacht wird aber nach Meinung von Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW, „nicht zu dem von vielen befürchteten Chaos führen“. Zwar erwischt der Brexit die britische Wirtschaft – das Corona-Jahr hat den Firmen auf der Insel die schlimmste Krise aller Zeiten gebracht – zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Dennoch falle man ja nicht in ein Nichts, so Burkert weiter.

Mit den WTO-Regeln können beide Seiten – EU und Großbritannien – ganz ordentlich leben.

Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW

Langfristig sieht aber auch er eine schleichende Verschlechterung der wirtschaftlichen Substanz: „Eine Modellrechnung der London School of Economics kommt zu dem Schluss, dass die langfristigen negativen Auswirkungen des Brexit auf das Bruttoinlandsprodukt im Vereinigten Königreich zwei- bis dreimal so hoch sind wie diejenigen des ,Covid-Schocks‘.“ In barwertiger Betrachtung wäre das BIP nach zehn Jahren um 5,7 % geringer als Ende 2019. Nach Schätzungen des Centre for Economic Performance sind das bis zu 60 Milliarden Pfund weniger in der Kasse – pro Jahr.

Mittel- bis langfristig „stellt sich natürlich die Frage, wie attraktiv der Standort Great Britain für Investitionen ausländischer Unternehmen sein wird“, mutmaßt Burkert. Und wie das Inselreich den sicher kommenden Verfall des Warenhandels mit der EU verkraften wird. EU und Großbritannien stellen jeweils den wichtigsten Handelspartner. Auf rund 330 Milliarden Pfund beläuft sich das pro Jahr im langjährigen Mittel. Sicher sind sich alle Experten darin, dass dieser Wert massiv einbrechen wird – aber worauf genau, das lässt sich derzeit nicht vorhersagen, ist sich auch Uwe Burkert klar.

Denn ab 1. Januar gelten die Regeln der Welthandelsorganisation WTO auch für Ex- und Importe zwischen Großbritannien und dem Rest Europas. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Handelsbeziehungen zwischen dem britischen Königreich und der EU sind dann ähnlich denen zwischen Kamerun und den USA. Oder Australien und der EU. „Damit können beide Seiten ganz ordentlich leben“, so Uwe Burkert.

Warum noch mal wollten die Briten 1963 – beim ersten Versuch – Mitglied der Europäischen Gemeinschaft werden? „Um nicht den Anschluss zur wirtschaftlichen Prosperität Europas zu verlieren …“

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