Menschen stehen mit Surfbrett und Bulli am Strand vor dem Meer

Wohin geht die Reise?

Corona riss die sonnenverwöhnte Tourismusbranche in die schlimmste Krise aller Zeiten. LBBW-Tourismus-Experte Per-Ola Hellgren über die Trends nach der Krise.

Die World Tourism Organization (UNWTO) rechnet für 2020 mit bestenfalls 610 Millionen internationalen Touristen weltweit – das entspricht einem Rückgang von 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hellgren ist skeptisch, ob die Branche an die Zahlen der vergangenen Jahre so schnell wird wieder anschließen können. „Zum Teil sind die Passagieraufkommen im vergangenen Jahr um 70 bis 90 Prozent in sich zusammengefallen“, resümiert er. „Selbst wenn wir in den nächsten Jahren 20 oder 30 Prozent Zuwachs haben, starten wir von einer sehr niedrigen Basis“, warnt er vor zu viel Euphorie. „Das wird Jahre dauern.“

58 %

weniger Touristen weltweit in 2020 als in 2019

Keine Passagiere in den Flugzeugen, keine Hotelgäste, keine Restaurantbesucher. „Viele von den Touristen, die sich in diesem Jahr das erste Mal wieder aufmachen, werden enttäuscht sein“, prophezeit Hellgren, „viele Lieblingshotels und Gerne-essen-geh-Restaurants in Rimini oder an der Platja Palma gibt es nicht mehr.“

Zumal der Massentourismus – in den vergangenen Jahren die Wachstumsmaschine schlechthin – einige Jahre brauchen wird, um wieder zur alten Normalität zurückzukehren. „Fraglich, ob das überhaupt passieren wird“, wagt er eine pessimistische Prognose. Die Corona-Krise habe genau diese Klientel hart getroffen. Friseure, Handwerker, Beschäftigte im Handel und Freiberufler. „Millionen von Beschäftigten dürften lange Zeit andere Sorgen haben, als in den Urlaub zu fahren.“

Trend zu exklusiven und teuren Reisen

Die Folgen sind nicht zu unterschätzen. Nach Statistiken des internationalen Tourismusverbandes lebt zum Beispiel Italien mit einem Anteil von rund sieben Prozent am Bruttoinlandsprodukt von Touristen. Spanien zeigt ein ähnliches Bild. Selbst Deutschland verbucht gut fünf Prozent der Wertschöpfung mit Urlaubern. Der touristische Hotspot Philippinen? Gut und gerne 25 Prozent.

Aber Hellgren beobachtet einen Trend zu exklusiven und teuren Reisen. Schon während Corona hätten sich Buchungsplattformen für Privatflieger prächtig entwickelt. Share a Flight sei stark gewachsen. Und als der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport kürzlich seine Ergebnisse für das erste Quartal 2021 bekanntgeben hatte, „waren die Passagierzahlen erneut desaströs, aber die Umsätze pro Kopf beim Airport-Shopping gleichzeitig signifikant gestiegen“.

Überkapazitäten am Markt

Kurzer Overstop mit dem Privatflieger, erst Hermès, dann Louis Vuitton im Duty-free, und weiter? Dann ins eigene Ferienhaus – gerne erste Lage. Gerade ausländische Gäste, vor allem aus Russland und China, hätten den Einkaufsboom verursacht, mutmaßt Hellgren. Vermögende Touristen werde es immer geben. „Das ist krisensicher“, sagt er. Weist aber darauf hin, dass es dazu noch keine wirklich validen Daten geben würde und die Experten sich deshalb in ihrem Urteil eher auf die anekdotische Evidenz beziehen müssten.

Und die Zukunft? Hellgren sieht enorme Überkapazitäten am Markt. Von den Flotten der Airlines bis hin zu den Bettenburgen an den Stränden der Welt. Viele Fluggesellschaften rüsten derzeit viele Flugzeuge zu Transportmaschinen um. „Der Onlinehandel boomte. Cargo war deshalb in Corona-Zeiten ein attraktives Geschäft.“ Die Lufthansa und andere Airlines haben jüngst Rekordzahlen aus dem Cargo-Geschäft vermelden können.

Tendenz der „Rückwärtsglobalisierung“ zu erwarten

Unterm Strich fällt Hellgrens Prognose verhalten pessimistisch aus. Die Business-Flieger hätten in Corona die Videokonferenz und den Online-Chat kennen- und lieben gelernt. „Ob diese Vielflieger-Klientel wieder voll zurückkommt, ist deshalb zweifelhaft.“ Und die hohen Wachstumsraten im Cargo-Geschäft werden nicht in die Zukunft fortgeschrieben werden können, da viele Verbraucher bereits ihren Einkauf auf online umgestellt haben.

Zudem! Angesichts von Klimawandel und dem ungebrochenen Trend zu nachhaltigem Wirtschaften sei auch eine Tendenz der „Rückwärtsglobalisierung“ zu erwarten. Auch wenn das Grünen-Verbot von Kurzstreckenflügen nicht durchsetzbar sei, „mal über das lange Wochenende an den Ballermann ist nicht mehr in“. Tendenz steigend. Die Gute-Laune-Industrie hat ein Problem.

Zwar meldete jüngst die Bild-Zeitung, die Lufthansa werde wegen der plötzlich angesprungenen Riesennachfrage im Sommer den Flughafen Palma mit Jumbos anfliegen … aber das ist natürlich nur ein Einmaleffekt.