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Wachstum runter, Inflation rauf!

LBBW-Volkswirt Thomas Meißner spricht im Interview über steigende Preise, die sinkende Konjunktur und warum die Europäische Zentralbank nicht eingreifen wird.

LBBW-Hauspost: Herr Meißner, die LBBW hat jüngst ihre Wachstumsprognose für Deutschland gesenkt! Was ist der Grund für das neue konjunkturelle Adagio?

Thomas Meißner: Ja, wir haben abgesenkt, und zwar von 3,2 Prozent auf aktuell 2,8 Prozent Zuwachs der Wirtschaftsleistung 2021. Für das kommende Jahr sind wir runtergegangen von 5,5 Prozent auf 5,0 Prozent glatt. Für das laufende Jahr haben wir unsere Prognose vor allem wegen gravierender Lieferengpässe gesenkt. Vorprodukte und Halbfertigprodukte sind aktuell entweder gar nicht zu bekommen oder extrem im Preis gestiegen. Beides wirkt sich in fast allen Branchen negativ aus und belastet insbesondere die industrielle Produktion spürbar.

Engpässe in der Produktion werden sich noch ein, zwei Jahre hinziehen.

Dr. Thomas Meißner

LBBW-Hauspost: Sie sprachen es bereits an. Die Inflation ist kräftig gestiegen. Warum eigentlich?

Meißner: Haupttreiber für die Preisniveauentwicklung waren zunächst deutlich gestiegene Rohstoffpreise. So etwas beobachten wir regelmäßig zu Beginn eines Aufschwungs. Indes sind die Bewegungen dieser Tage deutlich ausgeprägter als beispielsweise nach der Finanzkrise Anfang des vergangenen Jahrzehnts. Zudem ist gerade bei den Energiepreisen ein Ende der Bewegung allerhöchstens in Umrissen zu erkennen. Bei alledem: Am schwersten ist dieser Tage nicht der Umgang mit steigenden Inputpreisen, sondern mit versiegenden Strömen der Vorprodukte. Wir sehen Engpässe speziell in der Produktion zum Beispiel von Speicherchips und Halbleitern, und dies wird sich wohl noch ein, zwei Jahre hinziehen. Das Ergebnis sind Knappheitspreise.

LBBW-Hauspost: Sie haben Ihre Inflationsprognose angehoben auf aktuell 3,0 Prozent für 2021. Müsste die Europäische Zentralbank nicht reagieren?

Meißner: Speziell Deutschland hat im laufenden Jahr mit Sondereffekten zu tun, mit Anhebungen der Umsatzsteuersätze und des Preises für CO2. Im kommenden Jahr wird sich die Lage wohl wieder etwas entspannen, auch auf Euroraum-Ebene. Die Europäische Zentralbank hat früh zu Protokoll gegeben, dass sie versucht, durch die aktuelle Welle des Preisdrucks sozusagen „hindurchzugucken“. In jüngster Zeit nun mehren sich die Stimmen, die sagen, dass nicht alles an dem derzeitigen Preisdruck „vorübergehend“ ist. Im Frühjahr haben die Notenbankerinnen und Notenbanker um Christine Lagarde eine neue geldpolitische Strategie verabschiedet, die ausdrücklich Schwankungen um das Ziel einer Teuerung von 2,0 Prozent in der Jahresrate akzeptiert. Meine Mahnung an die Währungshüter lautet indes dieser Tage: „Augen auf, nicht Augen zu und durch!“

Für 2022 rechnen wir für Deutschland mit einer Inflationsrate von 2,5 Prozent.

Dr. Thomas Meißner

LBBW-Hauspost: Soll heißen?

Meißner: Eine Phase, in der die Inflation zeitweilig über dem 2-Prozent-Ziel liegt, muss zwar nicht unbedingt das Signal für die EZB sein, die Zinszügel anzuziehen. Aber: Wenn die Geldwertstabilität endgültig in Gefahr gerät, müssen die geldpolitischen Zügel angezogen werden; vulgo: Leitzinsanhebungen.

LBBW-Hauspost: Wenn der jetzige Preisdruck tatsächlich nur eine Phase ist – wann ist diese Phase vorbei?

Meißner: Wir sehen eine Beruhigung. Für das kommende Jahr rechnen wir für Deutschland mit einer Inflationsrate von 2,5 Prozent – was noch immer höher liegt als vor der Corona-Pandemie. Bedeutsam ist hierbei, dass es weiterhin ruhig bleibt bei der Lohnentwicklung. Die nächste Lohnrunde wird entscheidend werden. Eine Lohn-Preis-Spirale ist das Letzte, was wir so früh in einem Aufschwung brauchen können.

Eine Lohn-Preis-Spirale ist das Letzte, was wir so früh in einem Aufschwung brauchen können.

Dr. Thomas Meißner
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LBBW-Hauspost: Und wenn dann doch Leitzinsanhebungen der EZB kommen?

Meißner: Dies wäre eine enorme Bürde für den gesamten Euroraum. Wir müssen im Hinterkopf behalten, was ein Zinsschritt für die labilen Konjunkturen in vielen Ländern Europas bedeuten würde. Nach wie vor ist der Binnenmarkt der mit Abstand wichtigste Exportmarkt für die deutsche Wirtschaft. Eine Zinserhöhung könnte sich in diesen Ländern fatal auswirken und die Nachfrage massiv beeinträchtigen. Das wiederum würde neben vielen anderen Konsequenzen auch eine spürbare Reaktion für die deutsche Konjunktur bedeuten. Außerdem gibt es nach der Corona-Rezession viele öffentliche Budgets, die tief in den roten Zahlen stecken. Zins- und Renditeanstiege können sich viele Länder im Euroraum schlichtweg nicht leisten.

LBBW-Hauspost: Wir zahlen mit Mini- und Minuszinsen sowie dem Verwahrentgelt den Preis für Europa und die europäische Idee?

Meißner: Durchaus. In mehreren Ländern könnte bei deutlich verschlechterten Wirtschaftsbedingungen, hervorgerufen auch durch höhere EZB-Leitzinsen, eine neue antieuropäische Debatte aufkeimen. Nationalisten könnten wieder auf den Plan treten. So etwas kann niemand wollen.