Dr. Harald Poth, Senior Investment Manager - Life Science

„Der Markt ist im Aufwind“

Venture Capital ist in Deutschland Mangelware. Dr. Harald Poth, Mitglied der Geschäftsführung bei LBBW Venture Capital, kennt die Gründe dafür.

LBBW Hauspost: Herr Dr. Poth, BioNtech rettet gerade mit seinem Impfstoff die Welt. Ist das auch eine Initialzündung für den deutschen Life-Science-Sektor? Beflügelt der Erfolg auch andere Start-ups?

Harald Poth: Wahr ist, vor einem Jahr war BioNtech nur wenigen Insidern ein Begriff. Das Virus und die Entwicklung des Impfstoffs haben die Aktie des Unternehmens von 16 $ beim Börsengang an der Nasdaq auf mittlerweile mehr als 240 Dollar oder 200 Euro getrieben. Davon träumen viele Start-ups.

LBBW Hauspost: Aber?

Poth: Bei BioNtech hat einfach alles zusammengepasst. Wir kennen das Gründerehepaar Sahin/Tureci sehr gut, die LBBW war einer der ersten Investoren in deren ersten Gründung, der Ganymed GmbH. Als Frühphasen-Investor muss man sich dann irgendwann verabschieden. BioNtech’s Erfolg beruht auf hervorragenden Wissenschaftlern und Managern sowie Privatinvestoren mit sehr tiefen Taschen und äußerst langem Atem, bevor große Fonds eingestiegen sind. Sicherlich hätte die Aktie auch ohne den Erfolg der Covid-19-Impfstoffe noch nicht diese außerordentliche Performance hingelegt. So ein Erfolg ist nicht die Regel, gerade im Life-Science-Sektor reden wir gerne von fünf oder auch acht Jahren der Forschung und Entwicklung. Und nicht selten endet das Ganze in einer Sackgasse.

LBBW Hauspost: Machen Investoren deshalb um den Life-Science-Sektor eher einen Bogen, wenn es um die Frühphasen-Finanzierung geht?

Das Risiko des Totalverlustes ist naturgegeben sehr hoch.

Dr. Harald Poth, Mitglied der Geschäftsführung bei LBBW Venture Capital

Poth: Gerade im Venture-Capital-Bereich ist das Risiko des Totalausfalls naturgegeben sehr hoch. Als Faustformel gilt: Von zehn Investments werden zwei, drei ein richtiger Erfolg, die meisten erfolgreichen Exits sind dann Verkäufe an Strategen. Man muss als Investor also das Risiko akzeptieren, dass Investments Totalausfälle werden …

LBBW Hauspost: Und darauf hoffen, dass dann die zwei, drei die Performance insgesamt retten?

Poth: Genau. Ein BioNtech im Portfolio reicht, um sehr erfolgreich investiert zu haben.

LBBW Hauspost: Venture Capital ist immer noch eher Mangelware in Deutschland. Vor allem im Vergleich zu den USA. Woran liegt das?

Poth: Das hat viele Gründe. Fangen wir vorne an. In Deutschland ist die Kultur des Handelns nicht so ausgeprägt wie in den USA oder auch in unseren Nachbarländern – den Benelux-Staaten. Das greift tief in die jeweiligen Historien der Wirtschaftsgeschichte zurück. Aber was uns hier in Deutschland auch fehlt, ist die komplette Nahrungsmittelkette.

LBBW Hauspost: Geht’s ein bisschen konkreter?

Poth: Es geht um den Lebenszyklus eines Start-ups. Das beginnt mit der Geschäftsidee. Dazu benötigen Sie in der Regel Frühphasen-Finanzierungen. Irgendwann beginnt das Unternehmen z. B. im Life-Science-Sektor teure klinische Projekte zu stemmen. Dann brauchen Sie Wachstumskapital. Und am Ende benötigen Sie einen Markt, der die immer noch risikobehafteten Unternehmen aufnimmt. In den USA gibt es dafür die Nasdaq, da können die Unternehmen, die noch lange Cashflow-negativ sind, entsprechend große Finanzierungsvolumen aufnehmen.

LBBW Hauspost: In Deutschland gab es dafür mal den Neuen Markt …

Deutschland fehlt eine Nasdaq.

Poth: Ja, der dann ja bekanntermaßen platzte und die Euphorie war damit weg. Das wirkt bis heute nach. Mit anderen Worten: Den Investoren in diesen Risikosegmenten fehlt damit aber ein Abnehmer für ihre Portfolio-Unternehmen im Markt, deshalb gehen dann auch deutsche Unternehmen wie BioNtech an die Nasdaq.

LBBW Hauspost: Den aktuellen Zahlen des Bundesverbandes deutscher Kapitalanlagegesellschaften zufolge haben sich Investments im Venture-Capital-Segment seit 2012 vervierfacht – von knapp 600 Millionen Euro auf zuletzt fast 2,3 Milliarden Euro. So schlecht sind die Zahlen nicht.

Poth: Das stimmt. Der überwiegende Teil der Investments fließt in IT-Unternehmen und FinTechs. In Life-Science-Start-ups floss aber immerhin ein Rekordvolumen von 882 Millionen Euro im vergangenen Jahr, so der jüngste Ernst & Young-Biotechnologiereport.

LBBW Hauspost: Die aktuellen Funding-Runden gerade im FinTech-Bereich waren sehr erfolgreich. Mittlerweile werden gerade die Neo-Banken und Nischen-Banken als Unicorn bewertet – also mit mehr als einer Milliarde Euro.

Es gibt einen starken Fokus auf die neue Welt des Bankings.

Poth: Der Markt insgesamt ist im Aufwind. Und es gibt einen starken Fokus auf das Investieren in die neue Welt des Bankings. Ob sich die doch sehr hohen Bewertungen rechnen, wird man sehen, einige Player haben sich da auch schon gehörig die Finger verbrannt.

LBBW Hauspost: Zudem gibt es in Deutschland ja auch nur eine kleine Handvoll wirklicher Erfolgsgeschichten

Poth: Tja, das stimmt. Ziel müsste es ja sein, auch ein paar neue Global Player zu schaffen. Da gab es lange Jahre außer SAP wenig. Jetzt ist BioNtech dazugekommen, die es schaffen können, auf Dauer sich als „Big Biotech“ zu etablieren. Leider ist Deutschland nicht mehr die Apotheke der Welt, die meisten neuen Pharmaunternehmen mit Milliardenumsätzen sitzen in den USA. Eine tolle Erfolgsgeschichte ist natürlich noch Teamviewer aus Göppingen.

LBBW Hauspost: Die Welt feiert das Silicon Valley und wir ...?

Poth: … sollten versuchen, eigene Antworten zu geben, und die hervorragende deutsche und europäische Innovationslandschaft nutzen mit dem Anspruch, im Weltmarkt nicht nur mit Maschinen und Autos, sondern auch in Zukunftstechnologien mit an der Spitze zu stehen. Dazu braucht es weiter bessere europäische Kapitalmärkte.