Ampullenabfertigung in einer Fabrik

Der Schlüssel für viele Viren

Mit der mRNA-Technologie gibt es auch den Schlüssel für viele andere lebensbedrohende Viruskrankheiten. Ein neuer Megamarkt für die Pharmaindustrie.

LBBW Hauspost: Herr Jasinski, nachdem nun endlich ein Licht am Ende des langen Coronatunnels zu sehen ist: Das Hin und Her in der Politik, Einkaufslogiken in Brüssel, Impf- und Teststrategien wurden täglich mehrfach in den Medien rauf und runter diskutiert. Kommt Ihnen das Lob für die Biotech- und Pharmaindustrie dabei nicht ein wenig zu kurz?

Dominik Jasinski: Das kann man so sehen. Das US-Pharmaunternehmen Moderna hatte als erstes Labor binnen fünf Tage die Gensequenzierung für das SARS-CoV-2-Virus geschafft und bereits nach 63 Tagen den ersten Impfstoff entwickelt. In früheren Zeiten hat so etwas gerne 10 bis 15 Jahre gedauert. Das ist eine Forschungsleistung, die ihresgleichen sucht.

LBBW Hauspost: Trotzdem war BionTech als Erster auf dem Markt. Warum?

Jasinski: Die Schwierigkeit bei den mRNA-Wirkstoffen ist die Produktion. Da hatte BionTech mit Pfizer einen Partner im Boot, der quasi über Nacht loslegen konnte. In der Kommerzialisierung waren die unglaublich schnell. Pfizer hat erst kürzlich seine Umsatzprognose für dieses Jahr erhöht – auf 72 Milliarden Dollar. Knapp jeder dritte Dollar kommt aus dem Geschäft mit dem Covid-Vakzin.

Dominik Jasinski - Sektorexperte Gesundheit und Pharma

Der Gesamtumsatz der weltweiten Pharma­branche mit Covid-Impfstoffen kann dieses Jahr rund 260 Milliarden Dollar erreichen. Wohlgemerkt: ein komplett neuer Markt, von dem 2019 noch niemand etwas ahnte.

Dominik Jasinski, LBBW Sector Head Healthcare & Pharma

LBBW Hauspost: So dramatisch die Situation für die Erkrankten war und ist, so existenziell die Krise viele getroffen hat, die von Lockdowns und Abstandsregeln betroffen waren. Am Ende ist es auch ein bislang nicht dagewesenes Geschäft?

Jasinski: Der Gesamtumsatz der weltweiten Pharmabranche mit Covid-Impfstoffen kann dieses Jahr rund 260 Milliarden Dollar erreichen. Wohlgemerkt: ein komplett neuer Markt, von dem 2019 noch niemand etwas ahnte. Zu den Profiteuren zählen aber auch Logistiker, Impfzentren, Ärzte, viele mehr. Auch deren Umsatz wird um gut und gerne 30 Milliarden Dollar allein in diesem Jahr steigen. Und es ist davon auszugehen, dass die Menschheit künftig jedes Jahr immunisiert werden muss. Das Vakzin ist ein bislang nicht gekannter Blockbuster.

LBBW Hauspost: Die Kosten für weitere Lockdowns und ein Weiter-alles-auf-Null wären ungleich höher. Der IWF schätzte vor Wochen die Kosten und damit weltweiten Wohlstandsverluste auf bis zu 10 Milliarden Dollar am Tag.

Jasinski: Um ein Vielfaches. Allein die Hochrechnung für die USA zeigt, dass die Verzögerung beim Erreichen der Herdenimmunität von nur drei Monaten Kosten in Höhe von 800 bis 1100 Milliarden Dollar bedeuten würde.

LBBW Hauspost: Durch Konsumverzicht, Steuerausfälle, schleppende Wirtschaft …

Jasinski: Genau. Bei globaler Perspektive sind wir bei den Kosten schnell im Billionenbereich.

LBBW Hauspost: mRNA verändert den Bauplan der Zellen, sodass sie nicht mehr von Covid angegriffen werden können. Ist jetzt damit der Schlüssel für andere bislang unheilbare Krankheiten gefunden?

Jasinski: HIV, Hepatitis, Tollwut, Grippe – also alles Viruskrankheiten, an denen die Menschheit seit Jahrzehnten erkrankt, da gibt es jetzt viel Hoffnung. Wir reden auch in diesen Fällen von Milliardenumsätzen im dreistelligen Bereich.

Die Akzeptanz für solche Allianzen in den Vorstandsetagen der Pharmagiganten ist enorm gestiegen.

Dominik Jasinski, LBBW Sector Head Healthcare & Pharma

LBBW Hauspost: … und jedes Jahr vielen Toten

Jasinski: Natürlich. Dafür scheint jetzt der Schlüssel gefunden zu sein. Bislang wurden Viren isoliert, dann wurden sie immunisiert, dann getestet. Da hat die Forschung gerne drei Jahre gedauert, war unfassbar teuer und damit ein erhebliches Risiko für die forschenden Unternehmen. Mit der mRNA-Technologie schaffen sie ein Autoimmunsystem, das dem menschlichen Körper injiziert wird. Die Produktion übernimmt der Körper. Das ist genial. Viele Pharmakonzerne gehen jetzt Kooperationen mit kleineren Biotechfirmen ein. Das heißt auch: Die Akzeptanz für solche Allianzen in den Vorstandsetagen der Pharmagiganten ist enorm gestiegen. Im onkologischen Medizinbereich gibt es in Summe derzeit 21 klinische Studien zu verschiedenen Krebsarten. Merck/Moderna – eine von diesen Allianzen – wird demnächst mit einem mRNA-basierten Prostatakrebsmittel kommen.

LBBW Hauspost: Kommt jetzt bald der Impfstoff für das ewige Leben?

Jasinski: Bei aller Euphorie über die mRNA-Technologie. Nein.

LBBW Hauspost: Wenn Corona also wenigstens ein Gutes hatte, dann, dass es plötzlich auch für andere Leiden Hilfe gibt?

Jasinski: Man kann die Covid-Krise durchaus auch als einen Katalysator für die gesamte Branche nehmen. Der Krebs ist aus Pharmaperspektive mit ungefähr 20 Prozent am Gesamtmarkt einer der größten Märkte mit exponentiellen Wachstumsraten. Derzeit reden wir von 150 Milliarden Dollar im Jahr und einem Zuwachs von 12 Prozent im Jahr.

Man kann die Covid-Krise durchaus auch als einen Katalysator für die gesamte Branche nehmen.

Dominik Jasinski, LBBW Sector Head Healthcare & Pharma

LBBW Hauspost: Gigantische Wachstumsmärkte, die US-Präsident Biden am liebsten sozialisiert hätte – und zwar nur die teure Seite der Medaille – nämlich den Patentschutz?

Jasinski: Die USA haben die Forschung in die mRNA-Technologie im vergangenen Jahr mit insgesamt 9 Milliarden Dollar unterstützt und finanziert. Aber die Debatte ist auch wegen eines anderen Aspektes ziemlich sinnfrei: Das patentierte Know-how auf die mRNA-Technologie ist im Vergleich zum Produktions-Know-how deutlich weniger wert.