Brand in Kiew wird gelöscht

Russland-Sanktionen bremsen das deutsche Wirtschaftswachstum aus

Der russische Überfall auf die Ukraine bedeutet Tod und Zerstörung. Aber welche Konsequenzen hat der Krieg für Deutschland? Eine LBBW-Studie gibt Antworten.

Die Folgen des Ukraine-Kriegs und die verhängten Sanktionen gegen Russland sind für Deutschland und den Euroraum gravierender als bislang angenommen, urteilt das LBBW Research. Die kurzfristigen Konsequenzen sind für die Analysten bereits deutlich sichtbar, zum Beispiel die rekordhohen Energiepreise.

Die LBBW-Ökonomen sehen als Konsequenz des Russland-Kriegs in diesem und im kommenden Jahr die Wachstumsaussichten der deutschen Unternehmen sinken und rechnen mit einer höheren Inflation als bisher. „Wir gehen davon aus, dass der Ölpreis für die Nordsee-Sorte Brent in der Jahresmitte wieder auf 100 US-Dollar sinken wird und Ende des Jahres gar nur 90 Dollar beträgt. Allerdings haben wir auch dann einen anhaltend hohen Preisdruck auf die deutsche Wirtschaft“, urteilt LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer. Als Faustregel gilt, dass ein Anstieg des Ölpreises um 10 Prozent die Preise für Haushaltsenergie und Kraftstoffe um 2 Prozentpunkte steigen lässt. In der Spitze hatte der Ölpreis kurzfristig um rund 50 Prozent angezogen.

90 $

wird der Preis pro Barrel Erdöl zum Jahresende betragen, prognostiziert LBBW Research – deutlich weniger als noch im Frühjahr 2022

Das Comeback der Inflation

Konjunktur- und Inflationsprognose, in Prozent

Wirtschaftsraum 2021 2022e 2023e
Deutschland BIP 2,9 2,2 2,8
Deutschland Inflation 3,1 5,5 2,7
Euroraum BIP 5,2 3,2 2,8
Euroraum Inflation 2,6 6,0 3,0

Wie stark die steigenden Energiepreise die Volkswirtschaft belasten, zeigen jüngste Angaben des Statistischen Bundesamtes. Demnach sind die Erzeugerpreise für Konsum- und Investitionsgüter im Januar um rund 6 bis 7 Prozent höher als vor zwölf Monaten. „In der Summe dürfte dies in den kommenden Monaten dazu führen, dass auch die viel beachtete Kernrate weiter anzieht“, sagt Kraemer. „Wir gehen davon aus, dass die Inflationsrate kräftig steigt, und zwar deutlich über die in den vergangenen Jahrzehnten gesehenen Maße.“

Die Kernrate oder Kerninflation beschreibt laut Definition die Preissteigerungen in einer Volkswirtschaft, ohne die Entwicklung der Preise von Lebensmitteln, Energie, Alkohol und Tabak zu berücksichtigen. Damit werden Produkte mit starken Preisschwankungen ebenso ausgeschlossen wie Produkte mit staatlich gelenkten Preisen.

LBBW Research erwartet deutlichen Inflationsschub

Das LBBW Research hebt wegen des russischen Kriegs gegen die Ukraine seine Inflationsprognose für Deutschland (nationaler Verbraucherpreis Index CPI) und den Euroraum (harmonisierter Verbraucherpreis Index HVPI) um jeweils einen Prozentpunkt an: für Deutschland auf 5,5 Prozent, für den Euroraum auf 6,0 Prozent. Die Prognosen für 2023 weiten die LBBW-Volkswirte für Deutschland auf 2,7 Prozent (bislang 2,5 Prozent) und für den Euroraum auf 3,0 Prozent (2,7 Prozent) aus.

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

Wir gehen davon aus, dass die Inflationsrate kräftig steigt.

Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der LBBW

Wie schädlich der Ukraine-Krieg und die Sanktionen gegen Russland für die Konjunktur sind, ist weniger offensichtlich als der Einfluss auf die Teuerung. Der direkte Handel mit Russland, Belarus und der Ukraine macht zusammen 2,4 Prozent der Exporte und 3,1 Prozent der deutschen Importe aus. „Das ist ungeachtet des hohen Rohstoffexposures Deutschlands gegenüber Russland gering“, urteilt Kraemer. Deswegen werde das Einfrieren des Außenhandels abgesehen von den Rohstoffimporten aus Russland zunächst begrenzte Folgen

LBBW Research: Steigende Preise dämpfen Konsumneigung

Die Verbraucher haben durch den starken Anstieg der Preise weniger Geld zur freien Verfügung. Dies drückt auf die Konsumfreude und dürfte auch Investitionen mit einer verstärkten Unsicherheit belasten. „Die volkswirtschaftlichen Frühindikatoren werden in den kommenden Wochen deshalb auf Talfahrt gehen“, sagt der LBBW-Chefvolkswirt Kraemer voraus. Er hält einen Rückgang des ifo-Geschäftsklimaindexes auf weniger als 90 Punkte für möglich, was einer ökonomischen Stagnation (im ersten und zweiten Quartal) entspräche. Bislang hatte er ein Plus von 1,5 Prozent für beide Jahresviertel erwartet.

Gleichzeitig steigert der Staat seine Ausgaben für die Bundeswehr und die Versorgung und Aufnahme von ukrainischen Kriegsgeflüchteten erheblich. Nach der Flüchtlingskrise 2015 wurde der Effekt der damals 1,2 Millionen Flüchtlinge auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) auf den Zeitraum von 2016 bis 2020 auf 95 Milliarden Euro veranschlagt. Das entspricht jährlich rund 0,5 Prozentpunkten des BIP. Überdies profitierte Deutschland in der Vergangenheit teilweise indirekt von steigenden Exporten in die OPEC-Staaten.

Das LBBW Research geht davon aus, dass der Nettoeffekt für das BIP „deutlich negativ“ sein wird. Die Volkswirte kürzen ihre Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft von 3,0 Prozent auf 2,2 Prozent zusammen. Der Verlust von 0,8 Prozentpunkten entspricht ungefähr 28 Milliarden Euro des BIP, rechnen sie dabei vor. Für den Euroraum senken sie die BIP-Prognose zugleich von 4,0 Prozent auf 3,2 Prozent.