Roboter setzt 3D-Puzzle zusammen

Raus aus dem Analogmodus

Die Pandemie hat viele andere Krankheiten des Standorts D gnadenlos offengelegt. Vor allem aber eines: Deutschland ist ein analoges und damit rückständiges Land.

Die Bilder des analogen Desasters flimmerten zuletzt beinahe jeden Abend in die deutschen Wohnzimmer. Unmengen von Umzugskisten – randvoll mit Nachweisen in den Impfzentren. Faxverkehr zwischen den Ämtern, wenn es um Tests und Kontrollen ging. Apps wie aus der Steinzeit, die erst nicht funktionierten und dann – als sie Update 1.1, 1.2 und 1.3 hatten – kaum genutzt wurden. Argwohn, Kontrollangst und schlicht die Netzunfähigkeit machten sehr deutlich – Deutschland denkt analog. Deutschland ist noch immer analog.

„Das 21. Jahrhundert“, schreiben die LBBW-Volkswirte in einer aktuellen Studie ‚Wo steht Deutschland bei der Digitalisierung?‘ „hat erst 2020 begonnen.“ Und weiter: „Deutschland unterschätzt die Geschwindigkeit der digitalen Transformation.“ Es sei noch sehr viel im Argen.

Bei der Digitalisierung liegt noch viel im Argen

In der Schule wäre wohl „mangelhaft“ die Note im Zeugnis. Unter Managern macht seit geraumer Zeit ein Bonmot die Runde: „Wenn wir nicht überall Funklöcher hätten, würden wir ja auch von einer Funkdecke sprechen und nicht von einem Funknetz.“ Nur in Hamburg ist derzeit nahezu flächendeckend ein zukunftsfähiges Glasfasernetz verfügbar. Im Rest der Republik liegen Kupferkabel – im Zeitalter von künstlicher Intelligenz und Blockchain kaum zu glauben..

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Den 19. Platz belegt Deutschland bei der Frage „Bereit für die digitale Zukunft?“

Die Folgen sind durchaus ernst. Laut einer aktuellen Umfrage des Internetwirtschaftsverbandes Eco testierten fast 80 Prozent der Deutschen ihrer Heimat beim Thema Wettbewerbsfähigkeit und Digitalisierungsgrad ein „auf keinen Fall“ oder „eher nein“. Dies wird auch gestützt durch den IMD Digital Competitiveness Index 201: Deutschland belegt bei der Frage „Bereit für die digitale Zukunft?“ Platz 19, bei der Frage nach dem technologischen Fortschritt Platz 31. Insgesamt Platz 18 von 64 analysierten Staaten.

In vielen Regionen herrscht immer noch Funkstille

Dass auch nach gut und gerne 20 Jahren iPhone und mobilem Arbeiten in der Bahn das Telefonieren immer noch eine Herausforderung ist; dass es immer noch ganze Regionen gibt, wo der Netzausbau lahmt und Funkstille herrscht; dass im 21. Jahrhundert morgens um 11 Uhr, wenn sich die Unternehmen zu Videokonferenzen zusammenschalten (wollen), der oft gehörte Standardspruch ist: „Ich melde mich gleich per Festnetz, mein Internet geht gerade nicht“ – das alles fasst der WEF Global Competitiveness Report zusammen. Beim Thema Implementierung von Informationstechnologie, aber auch beim Thema „Digitale Fähigkeiten“ taucht Deutschland unter den Top Ten – wen wundert’s – gar nicht auf. Aber Litauen, Schweden, Norwegen oder die Niederlande, Saudi-Arabien und Israel.

Und im europäischen Wettbewerbsvergleich, wie gut oder stark die öffentliche Verwaltung digitalisiert ist, kann die hiesige Verwaltung immerhin noch das Niveau von Bulgarien, Ungarn, Griechenland und Rumänien toppen – der Rest Europas ist deutlich moderner und zukunftsfähiger als die deutschen Behörden.

Mittelstand muss Digitalisierungssprung machen

Dem deutschen Verwaltungsapparat droht beim Versetzen in die Zukunft das „Sitzenbleiben“. Steht es – um im Bild zu bleiben – beim Streber deutscher Mittelstand besser? Laut der DIHK-Digitalisierungsumfrage 2021 geben sich deutsche mittelständische Unternehmen selbst die Schulnote 2,9 im Fach Digitalisierung. Dies, so steht in der Studie zu lesen, ist eine leichte Verbesserung gegenüber 2017, als das Selbstzeugnis noch eine 3,1 ergeben hatte. Ein beherzter Sprung in die neue Welt sei das jedenfalls nicht.

Deutschland benötigt eine konsistente Digitalisierungsstrategie – am besten gleich ein Digitalministerium.

LBBW-Research
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Die LBBW-Experten kommen nach Durchsicht vieler Studien und Reports zu einem eher nüchternen Ergebnis: „Die digitale Souveränität steht zur Disposition.“ „Deutschland benötigt eine konsistente Digitalisierungsstrategie – am besten gleich ein Digitalministerium.“ „Impulse für mehr wirtschaftliche Freiheit und einen Push in digitaler Bildung.“ „Deutschland – gemeint sind hier politische Entscheidungsträger, die Bevölkerung und die Unternehmen – muss raus aus dem analogen Mindset.“

Die Autoren haben ein 9-Punkte-Pflichtenheft entwickelt – von D wie digitale Dynamik bis P wie digitale Pädagogik. Im Kern steht in jedem der neun Punkte immer das gleiche Versäumnis: „wurde bislang sträflich vernachlässigt“ und gibt es enormen Nachholbedarf. Klingt wie Nachsitzen inklusive Nachhilfe – oder wie ein Eintrag ins Klassenbuch.

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