"Ohne China geht es Deutschland schlechter"

Die LBBW hat jetzt eine Banklizenz in China. Ein Gespräch mit Martin Broda, Leiter der Niederlassung in Shanghai über Wirtschaftschancen trotz unsicherer Zeiten.

Martin Broda

LBBW Standpunkt: Herr Broda, Sie leben und arbeiten seit nunmehr vielen Jahren in China. Seit Neuestem leiten Sie die LBBW Niederlassung in Shanghai. Was macht die LBBW dort?

Martin Broda: Wir wollen vor allem deutsche und europäische Unternehmen begleiten, wenn es um Finanzierungen, um Investitionen oder darum geht, Partnerschaften oder Joint Ventures zu gründen. Seit Kurzem haben wir dafür eine Banklizenz. Das verbessert unsere Position erheblich. Bislang hatten wir zwei Repräsentanzen in Peking und Shanghai und waren deshalb in unseren Angeboten an unsere Kunden einigermaßen limitiert, verfügen aber dadurch über langjährige Erfahrung und ein breites Netzwerk in China. Unser Standort in Shanghai wurde nun in eine vollwertige Niederlassung umgewandelt, sodass wir unsere Kunden nun auch operativ mit einem breiten Produktangebot vor Ort bedienen können.

LBBW Standpunkt: Bei aller weltweiten Kritik an Chinas Führung, die Geschäfte gehen weiter?

Broda: China ist für die deutsche Wirtschaft nach den USA nicht nur der zweitgrößte Absatzmarkt, sondern in ganz besonderer Weise mittlerweile auch der wichtigste Beschaffungsmarkt. Beinahe acht Prozent der deutschen Exporte gehen nach China. Der Automobilsektor macht jeden vierten Umsatz-Euro in China, bei elektrischen Ausrüstungsgütern sind es 20 Prozent. Viele deutsche Unternehmen sind inzwischen von ihrem China-Geschäft in erheblichem Maß abhängig. Und die deutsche Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren massiv investiert. Die deutschen Direktinvestitionen in China haben sich zuletzt verdreifacht und liegen bei rund 100 Milliarden Euro. Gemessen an den gesamten deutschen Direktinvestitionen im Ausland flossen 8 Euro von 100 Euro nach China. Der deutsche Chemiekonzern BASF hat jüngst die Produktion an seinem Standort im südchinesischen Zhanjiang aufgenommen. Allein die erste Anlage des Werks wird jährlich 60.000 Tonnen technischer Kunststoff¬verbindungen produzieren. Bis Ende der Dekade plant das Ludwigshafener Unternehmen, 10 Milliarden Euro in Zhangjiang zu stecken. Damit handelt es sich um die größte Investition eines deutschen Unternehmens in China überhaupt. Dies ist nur ein Beispiel, das zeigt, dass die Investitionsbereitschaft unserer Kernmarktkunden weiter ungebremst ist.

LBBW Standpunkt: Beeindruckende Zahlen. Das heißt, ohne China geht es der deutschen Wirtschaft schlecht?

Broda: In jedem Fall schlechter. Chinas Bruttoinlandsprodukt liegt bei etwa 18 Billionen US-Dollar. Damit ist das Reich der Mitte mehr als viermal so groß wie unsere Volkswirtschaft. Und es gibt nach wie vor ein immenses Potenzial. Das Pro-Kopf-Einkommen in China liegt in etwa bei einem Fünftel von dem, was in westlichen Industrienationen erwirtschaftet wird.

China ist wichtiger Bestandteil der Asienstrategie der LBBW

Martin Broda, Leiter der LBBW Niederlassung in Shanghai

LBBW Standpunkt: Der neue Fünf-Jahres-Plan Chinas sieht eine deutliche Veränderung in der Wirtschaftsstruktur vor. Das Motto heißt: Lokalisierung. Peking will die Abhängigkeit vom Ausland reduzieren und die Bevölkerung soll mehr heimische Produkte kaufen. „Made in China“ ist hoch im Kurs.

Broda: Genau. Darum geht es ja. Und da liegen große Chancen. Als LBBW wollen wir es unseren europäischen Kunden ermöglichen, hier auf dem Markt mit eigener Präsenz vor Ort zu produzieren. Gerade in turbulenten Zeiten ist es für die LBBW umso wichtiger, für deutsche Unternehmen als Ansprechpartner vor Ort präsent zu sein. Daher hat sich die LBBW entschlossen, die bisherige Repräsentanz in Chinas Wirtschaftsmetropole Shanghai zu einer operativen Niederlassung auszubauen.

LBBW Standpunkt: Warum intensiviert die LBBW ihre Aktivitäten in China, während sich Wettbewerber zurückziehen?

Broda: Sicherlich sind der chinesische Markt und die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen komplexer geworden. Für die LBBW ist die operative Präsenz in China aber integraler Bestandteil ihrer Internationalisierungsstrategie und insbesondere der Asienstrategie. Das Land repräsentiert rund 45 Prozent der Wirtschaftsleistung Asiens, hat kontinuierlich seine Stärken als Produktionsstandort auf- und ausgebaut und nimmt in einigen Industriebereichen bereits Spitzenpositionen weltweit ein – mit hoher Innovationskraft, guter Infrastruktur und einem hohen Potenzial an qualifizierten Arbeitskräften. Insofern ist die operative Präsenz der LBBW ein logischer und, insbesondere mittel- bis langfristig, ein sinnvoller und notwendiger Schritt. Trotz der pandemiebedingten Unsicherheiten ist die Investitionsbereitschaft ungebrochen. Wir freuen uns, unseren Kunden hierbei nicht nur – wie in der Vergangenheit – mit umfassender Beratung, sondern zukünftig auch mit passgenauen Finanzierungslösungen zur Seite zu stehen. Und wie gesagt, ausschlaggebend für uns sind nicht unsere Wettbewerber, sondern der Bedarf unserer Kunden. Das ist unsere Mission vor Ort und diese ist nach wie vor gegeben. In unsicheren Zeiten ist es einmal mehr wichtig, einen verlässlichen Partner wie die LBBW an der Seite zu haben.

LBBW Standpunkt: Auf welche Besonderheiten müssen sich Unternehmen im chinesischen Markt einstellen?

Broda: China ist ein Markt mit eigenen Spielregeln, gekennzeichnet durch eine teilweise komplexe Regulatorik. In den vergangenen Jahren haben wir eine Anzahl von Reformmaßnahmen gesehen, etwa die Abschaffung des Joint-Venture-Zwangs in bestimmten Industrien. Neben den politischen Akteuren haben sich auch die jeweiligen Kammern und Verbände durch intensive Lobbyarbeit um die Schaffung eines „level playing fields“ und Reziprozität beim Marktzugang bemüht. Der Markteintritt nach und ein erfolgreiches Wirken in China sind weiterhin mit einer Vielzahl administrativer und regulatorischer Herausforderungen verbunden und bedürfen intensiver Vorbereitung und Begleitung von rechtlicher, steuerrechtlicher und regulatorischer Seite. Neben Investitionen „auf der grünen Wiese“ können auch vielfältige Kooperationen wie Joint Ventures oder die Übernahme bestehender lokaler Unternehmen auf die jeweilige individuelle Strategie einzahlen.

China ist ein Markt mit eigenen Spielregeln

Martin Broda, Leiter der LBBW Niederlassung in Shanghai
Laechelnder Geschaeftsmann mit Tablet am Fenster

Analytisch, kompetent und auf den Punkt

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Wenn ja, mit LBBW Standpunkt, dem übersichtlich aufbereiteten Newsletter für alle Unternehmer und Finanzentscheider, liefern wir Ihnen regelmäßig weitere wertvolle Analysen und Informationen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen – direkt in Ihr E-Mail-Postfach. Abonnieren Sie den Newsletter jetzt kostenlos.

Standpunkt empfangen

LBBW Standpunkt: Gibt es für Unternehmen aus DACH „den“ richtigen Standort für ein Engagement in China?

Broda: Die Standortfrage lässt sich immer nur individuell beantworten. Shanghai und die angrenzenden Provinzen bilden einen Schwerpunkt für viele mittelständische DACH-Unternehmen aus der Automobilzulieferindustrie, des Maschinenbaus etc., im Süden Chinas in der Provinz Guangdong findet sich ein Schwerpunkt für die Elektronikindustrie, zunehmend auch für künstliche Intelligenz, Biotechnologie, Medizintechnik. Aber auch die westlichen Regionen um die weltgrößte Stadt Chongqing sehen vielfältige Investitionen. In China gibt es derzeit auch eine Vielzahl von Industrie- und Innovationsparks, die sich aktiv um Investitionen aus dem Ausland bemühen und administrative, aber auch steuerliche oder sonstige Investitionsanreize in Aussicht stellen.

LBBW Standpunkt: Sie sind seit Jahren in Asien tätig. Was fasziniert Sie an dieser Region und insbesondere an China?

Broda: Ich bin immer noch beeindruckt, welch immense Entwicklung das Land in den vergangenen 40 Jahren genommen hat und in welcher unglaublichen Geschwindigkeit es sich stetig verändert. Ich bin sehr glücklich, diesen Spirit vor Ort miterleben und unsere Kunden bei ihren Aktivitäten in China und Asien begleiten zu dürfen!

Martin Broda

Martin Broda

Head of China

Martin Broda hat am 1. September 2022 die Leitung der LBBW Shanghai Branch übernommen. Die LBBW hat nach Erhalt der vollumfänglichen Banklizenz zu die

Martin Broda hat am 1. September 2022 die Leitung der LBBW Shanghai Branch übernommen. Die LBBW hat nach Erhalt der vollumfänglichen Banklizenz zu diesem Termin ihr seit 22 Jahren bestehendes Representative Office in Shanghai in eine operative Niederlassung umgewandelt. Broda ist bereits seit März 2019 für die LBBW in Shanghai tätig. Zunächst als Chief Representative, seit April 2021 zusätzlich als Head of Preparatory Team und jetzt als General Manager der Shanghai Branch und Head of China. Seine berufliche Laufbahn begann der Diplom-Kaufmann, 1966 in Duisburg-Rheinhausen geboren, bei der Hamburgischen Landesbank. Über die Hypobank International, die KPMG Advisory (beide in Irland) und die DZ-Bank kam er 2006 zur Commerzbank. 2013 war er erstmals in China, genauer gesagt in Beijing, im Einsatz. Nach einer weiteren Zwischenstation bei der L-Bank ist Broda jetzt seit 2019 bei der LBBW.

Meine Themen

Kontakt

Kontakt aufnehmen