Strand mit leeren Liegenstühlen unter Strohsonnenschirmen und Meerblick

„Mit voller Wucht“

Weltweit regiert die Lockdown-Politik. Betroffen sind vor allem Tourismus und Handel. LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert über die Folgen der No-Ferien-Politik.

LBBW Hauspost: Herr Burkert, Covid-19 hat uns die Winterferien gestrichen. Für die bevorstehenden Osterferien stehen die Zeichen nicht gut. Selbst die Sommerferien sind noch nicht sicher. Trübe Aussichten, oder?

Uwe Burkert: Mal abwarten. Sicher ist der Impfstart in Europa missglückt. Und solange wir keine Herdenimmunität haben, reagiert die Politik – und zwar weltweit – mit mehr oder weniger rigiden Ausgangssperren. Ich bin aber für den Rest dieses Jahres zuversichtlich. Ostern wird vielleicht noch eher schwierig. Der Sommerurlaub sollte aber funktionieren. Wir sind reif für Ferien.

Die gesamte Branche – und man muss sicher auch die Gastronomie dazu zählen – ist traditionell vom Niedriglohn geprägt.

LBBW Hauspost: Fluggesellschaften, große wie kleine Reiseveranstalter, die Kreuzfahrer, sie alle stehen vor dem Aus oder können nur mithilfe von nie dagewesenen Kapitalspritzen gerettet werden. Weniger ist die Rede vom Arbeitsmarkt Tourismus …

Burkert: Die gesamte Branche – und man muss sicher auch die Gastronomie dazu zählen – ist traditionell vom Niedriglohn geprägt. Das Schließen von Hotels, Kneipen und Restaurants schlägt da also mit voller Wucht auf das Haushaltseinkommen der Beschäftigten.

LBBW Hauspost: Weltweit ist der Tourismus eine beschäftigungsintensive Branche. Nach Zahlen des World Travel & Tourism Counsel arbeiten rund 300 Millionen Menschen weltweit in der Ferienindustrie – seit 2010 mit gerade explosionsartigem Wachstum.

Burkert: Der Tourismus hat mittlerweile eine zentrale Bedeutung nicht nur für den internationalen Arbeitsmarkt, sondern auch als Wirtschaftsfaktor. Wir kennen die europäischen Reiseziele wie Italien und Spanien, die Türkei oder auch Teile von Skandinavien. Spaniens gesamte Wirtschaftsleistung zum Beispiel hängt zu rund 10 Prozent vom Tourismus ab. Das ist in etwa vergleichbar mit dem Gewicht, den in Deutschland der Maschinenbau hat. Italiens Abhängigkeit von der Ferienindustrie liegt bei gut fünf Prozent. Noch viel dramatischer ist die Situation von reinen Urlaubsdestinationen: Mauritius, die Malediven oder Mallorca und Ibiza.

Spaniens gesamte Wirtschaftsleistung zum Beispiel hängt zu rund 10 Prozent vom Tourismus ab.

LBBW Hauspost: Mal abgesehen von den immensen Schäden für Wachstum und Prosperität der Staaten, die lokalen Arbeitsmärkte sind zusammengebrochen?

Burkert: Nein. Europa hat im vergangenen Jahr das Kurzarbeitergeld nach deutschem Vorbild eingeführt. Das sogenannte Sure-Programm federt das allermeiste von den sozialen Härten ab. Insofern war das ein wichtiger und richtiger Schritt. Zudem sind in einigen Ländern Hotels und Handel, Kneipen und Restaurants nie langfristig geschlossen gewesen. So zum Beispiel in Portugal.

LBBW Hauspost: Sie erwähnten bereits Mallorca. Auf der Deutschen liebster Insel grassiert eine nie gekannte Armut. Die Schlangen vor den Suppenküchen in Manacor und Palma werden länger …

Burkert: Natürlich trifft das Virus – und deren Folgen – die Armen, die Schlechtausgebildeten, die kleinen Selbstständigen am allerhärtesten. Zumal die Beschäftigten nicht mobil sind, also nicht ausweichen können. Als Hotel-Angestellter auf Mallorca oder als Bedienung in einem Restaurant ist es derzeit extrem schwierig. Zudem haben sie auch in seltenen Fällen einen Kapitalstock, auf den sie jetzt zugreifen könnten.

LBBW Hauspost: Bleiben wir beim Beispiel Spanien. 15 Prozent oder rund 2,5 Millionen Menschen sind in der Gute-Laune-Industrie beschäftigt. Damit ist das Gewicht für den spanischen Arbeitsmarkt deutlich größer als für das Bruttoinlandsprodukt …

Burkert: Für viele Menschen sind das Virus und die wirtschaftlichen Folgen eine Katastrophe. Einiges davon wird sich wieder bereinigen, sobald wir wieder reisen dürfen. Da ist von massiven Nachholeffekten auszugehen. Wir werden künftig mehr reisen als je zuvor. Und je schneller wir wieder in den Urlaub fahren können, desto besser. Die Menschen brauchen von Zeit zu Zeit Urlaub.