Gestapelte Pipelines in Nahaufnahme

Mehr Energie für die Wende

Zehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima hat die Bundesregierung ehrgeizige Klimaziele. 2050 soll Deutschland klimaneutral sein. Ein noch langer Weg.

Vor ziemlich genau zehn Jahren – am 11. März 2011 um 14.47 Uhr Ortszeit – machte die Kernschmelze im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi der Welt klar: Atomkraft ist ein unkalkulierbares Risiko für die Menschheit. Fukushima wurde über Nacht zum Mahnmal für eine eigentlich als sicher geltende Technik. Binnen weniger Stunden leitete Bundeskanzlerin Angela Merkel das Aus für Kernkraft in Deutschland ein. Der Anfang vom Ende alter Energietechnologien. Der Beginn der Energiewende in Deutschland.

Heute, zehn Jahre später, nachdem Hunderte von Debatten um nachhaltiges Wirtschaften geführt wurden, ist die Energiewende längst beschlossene Sache. Raus aus der Atomkraft, raus aus der Kohleverbrennung. Kurzum raus aus allem, was die Umwelt vergiftet und den Klimawandel beschleunigt. Fossile Energieträger sind tabu. Bis 2050 will die Bundesregierung die vollständige Klimaneutralität für das heimische Wirtschaften erreicht haben. Für Marcel Zürn, Energieexperte der LBBW, „ein auf der Zeitschiene echt ambitionierter Fahrplan“. Lange wurde wenig Konkretes auf dem Weg zum Ziel erledigt. Deshalb, so Zürn, „überschlagen sich jetzt die politischen Aktivitäten“.

Mehr als 30.000 Windkrafträder wurden allein in Deutschland in den vergangenen Jahren erfolgreich installiert. Mehr als 1,7 Millionen Photovoltaikanlagen liefern mittlerweile knapp sieben Prozent der deutschen Stromnachfrage. Immerhin etwa 50 Terawattstunden pro Jahr.

Wenn es um die gesamthafte Energiewende geht, macht die Mobilität nur einen kleinen Teil aus.

Marcel Zürn, Sektorexperte Energie und Versorger

Und auch die lange in den Verbrenner verliebte Autoindustrie kommt langsam auf Touren. Mit einem gewaltigen Bonusprogramm hat die Bundesregierung den Stromern auf die Spur geholfen. Seitdem der staatliche Zuschuss im Sommer 2020 verdoppelt wurde, gehen die Zulassungszahlen durch die Decke. Während die Gesamtzulassungszahlen im Jahr 2020 – wohl auch Corona-bedingt – um fast 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgingen, fahren die Elektroautos mit einem Plus von 207 Prozent links vorbei – 6,7 Prozent Marktanteil. 194.163 der insgesamt 2.917.678 Pkw-Neuzulassungen im Jahr 2020 entfielen auf Elektroautos.

Das alles liest sich auf den ersten Blick wie eine Erfolgsgeschichte. Aber Marcel Zürn macht eine nüchterne Gegenrechnung auf: „Der deutsche Fuhrpark besteht aus etwa 60 Millionen Pkw und Lkw, da machen die zwar erfreulichen Zulassungsstatistiken 2020 eine gewisse Hoffnung. Mehr aber auch nicht.“

Er kennt die Herausforderungen, wenn es um die gesamthafte Energiewende geht. „Die Mobilität macht da nur einen kleinen Teil aus“, sagt Zürn. Zwar wurden im vergangenen Jahr immerhin knapp 50 Prozent der Stromversorgung mit „grüner Technik“ produziert, aber auch das decke eben nur einen Teil der Nachfrage. Der Primärenergiebedarf in Deutschland liege bei 3.500 Terawattstunden pro Jahr, wovon alleine 1.000 Terawattstunden für die Energieumwandlung notwendig seien. Und von dem verbleibenden tatsächlichen Bedarf von 2.500 Terawattstunden würden derzeit etwa 450 Terawattstunden durch regenerative Rohstoffe produziert. „Es ist noch ein langer Weg“, mutmaßt der Energieexperte.

Erst wenn es sich für die Unternehmen rechnet, wird ein Erfolg daraus.

Marcel Zürn, Sektorexperte Energie und Versorger

Die Gründe liegen auf der Hand. Die komplette Wertschöpfungskette ist auf das Verbrennen von fossilen Energieträgern ausgelegt – vom heimischen Kochen am Gasherd bis zu den Stahlkochern und Aluminiumhütten. Allein der Gase-Produzent Linde absorbiert gut und gerne ein Prozent des deutschen Stromverbrauchs. „Ein eingeschwungener Zustand seit Jahrzehnten“, urteilt Marcel Zürn.

So auch die Produktion der Energie – vom Bohren nach Öl und Gas über die Logistik wie Megaschiffe, Megahäfen und Megaraffinerien bis hin zur Tankstelle an der Ecke. Für den britisch-niederländischen Ölgiganten Shell zum Beispiel sei das Thema nachhaltiges Wirtschaften ganz oben auf der Managementagenda. Das tangiere den Kern des Geschäftsmodells. Trotz massiver Investitionen in grüne Technologien und regenerative Energien werde bis 2040 auch weiterhin massiv auf das Geschäft mit Gas und LNG (Liquid Natural Gas) gesetzt.

Für Zürn ist es denn auch eine Frage der Business-Cases. „Erst wenn es sich für die Unternehmen rechnet, wird ein Erfolg daraus“, schätzt er die Lage ein und weiß, dass die ersten Photovoltaikanlagen, die ersten Windräder auch massiv gefördert werden mussten. „Ähnlich wie jetzt bei den direkten Prämien und der Kfz-Steuer für E-Autos.“ Man dürfe aber die Wucht der notwendigen Veränderung auch nicht unterschätzen. Das seien seit bald 100 Jahren eingespielte Prozesse und Verfahren, aber auch Verhalten und Strukturen wie Angebot und Nachfrage funktionierten. „Das knacken Sie nicht von heute auf morgen.“

LBBW Hauspost: Der Newsletter für Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Finanzen

Analytisch, kompetent und auf den Punkt

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Wenn ja, mit LBBW Hauspost, dem übersichtlich aufbereiteten Newsletter für alle Unternehmer und Finanzentscheider, liefern wir Ihnen regelmäßig weitere wertvolle Analysen und Informationen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen – direkt in Ihr E-Mail-Postfach. Abonnieren Sie den Newsletter jetzt kostenlos.

Hauspost empfangen