Frau steht mit Geschenken in der Hand an einer Straße

Leere Gabentische

Produktionsengpässe und Lieferkettenprobleme sorgen für trübe Wachstumsaussichten. Experten sehen den Frieden unter dem Weihnachtsbaum in Gefahr.

Ketten, das weiß man aus der Physik, sind immer so stark wie das schwächste Glied. Das gilt auch für Lieferketten. Problematisch wird es dann, wenn gleich mehrere Glieder reißen. Branchen leiden, das Wachstum schwächelt, Arbeitsplätze sind in Gefahr. Weihnachtsgeschenke müssen at risk gestellt werden.

Es ist von allem zu viel auf einmal. Und damit von allem zu wenig. Nach wie vor macht Corona in vielen Teilen der Welt einen Strich durch die Rechnung. China – Hauptlieferant für fast alles – bedient vor allem den Binnenmarkt. Produktionsengpässe und gerissene Lieferketten bestimmen die Lage. Und das alles bei extrem starker – und in vielen Märkten – unerwarteter Nachfrage.

Das zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Industrie. Farbenhersteller haben keine Eimer mehr zum Abfüllen. Wer derzeit eine Spielekonsole kaufen will, muss wegen der Lieferengpässe und des Chipmangels warten. Weder Sony noch Microsoft können die Nachfrage für die Konsolen Playstation 5 und Xbox Series X decken. Leere Regale. WLAN-Router, die gerne fürs Home-Office genutzt werden, sind – na was wohl? – Mangelware.

Die Baubranche klagt über Mangel an fast allem. Opel hat seine Produktion wegen des dramatischen Chipmangels in Eisenach bis zum Frühjahr 2022 gestoppt. Das Werk ist zu. Toyota schockte neulich die Aktienmärkte. Laut der Finanzzeitung Nikkei musste der weltgrößte Autohersteller seine Produktion im September um 40 Prozent drosseln. Der Grund: Halbleiter sind nicht zu haben.

Knappe Produktion und Lieferengpässe der Logistik führen bei starker Nachfrage zu extrem steigenden Preisen.

„Unsere Drucker stehen noch in China“

Und wer derzeit einen Drucker kaufen will, bekommt angesichts „Derzeit nicht verfügbar“-Schilder im Büroausstattungshandel die lapidare Antwort: „Unsere Drucker stehen noch in China.“ Als Aldi Süd unlängst warnte, dass Aktionsware nicht rechtzeitig eintreffen würde, begründete der Discounter dies mit der Schließung des Hafens Yantian in China. Wegen eines Corona-Ausbruchs war der viertgrößte Containerhafen der Welt über Nacht komplett zu.

Seit Anfang August steht nun auch noch der weltgrößte Containerhafen Ningbo-Zhousan nahe Shanghai teilweise still – Corona. Dutzende Containerschiffe warten auf Abfertigung, was die weltweiten Lieferkettenprobleme weiter verschärft. Laut Institut für Weltwirtschaft sind durch Staus in den chinesischen Häfen inzwischen 5 Prozent aller Containerschiffkapazitäten gebunden.

Nicht mal das Billy-Regal bei Ikea ist derzeit verfügbar

Laut einer Umfrage des Industrieverbands DIHK unter 3.000 deutschen Unternehmen im In- und Ausland bremsen Engpässe und deutliche Preissteigerungen bei einer Vielzahl von Vorprodukten und Rohstoffen die Konjunktur. LBBW Research spricht in diesem Zusammenhang in einer aktuellen Studie vom sogenannten Bullwhip- oder Peitscheneffekt. Knappe Produktion und Lieferengpässe der Logistik führen bei starker Nachfrage zu extrem steigenden Preisen. Und dieses Mal kommt alles zusammen.

Die Konsumnachfrage ist nach der Pandemie-Askese weltweit förmlich explodiert. China – als einer der Hauptlieferanten für viele Vor- und Halbfertigprodukte – beliefert lieber die Binnennachfrage. Plötzlich wird auch eine Fehlallokation auf dem Weltlogistikmarkt sichtbar. Und zu allem Übel zeigt das weltweite Umstellen auf Just-in-time-Produktion plötzlich seine Schwächen.

Herstellungskosten sind explodiert

Die Folgen sind laut LBBW Research bemerkenswert: Dass die Preise für PKW gegenüber dem Vorjahr um 3.500 Euro gestiegen sind, hat vor allem damit zu tun, „dass innerhalb eines Jahres die Materialkosten in der Herstellung um 150 Prozent gestiegen sind“. Ähnlich die Situation im Chemiesektor. „Seit April steigen die Preise dort im zweistelligen Bereich“, heißt es in der Analyse.

150 %

sind die Materialkosten gestiegen

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Die Containerkosten sind explodiert. Die Rohstoffpreise auch. Dazu kommt ein deutsches Phänomen: In einer Auswertung von über 30 Ländern (darunter China, Australien, Kanada, die USA, Brasilien sowie weite Teile Europas) hält Deutschland aktuell einen unerfreulichen Rekord der längsten Lieferzeiten von Importen, so die Experten von LBBW.

Stellt sich die bange Frage: Und Weihnachten? Der übliche Geschenkeberg unter dem Tannenbaum? Fällt 2021 aus? Wegen Lieferengpässen? „Oh du fröhliche…?“ Handelsexperten geben bereits Tipps und raten dieses Jahr viel früher als sonst mit dem X-Mas-Shopping zu beginnen. Wer noch im Oktober bestellt oder kauft, hat zumindest noch eine Restchance auf den ersehnten Computer, die Konsole oder den Sportflitzer.

Langfristig sehen die LBBW-Experten folgendes Szenario: „Die Pandemie hat der ohnehin fortschreitenden Digitalisierung zusätzliches Momentum verliehen. Zusammen mit der parallelen Energie- und Mobilitätswende sowie weiteren Zukunftstechnologien ist davon auszugehen, dass die Nachfrage nach Rohstoffen, die für Chips, Festplatten oder Batterien benötigt werden, in Zukunft weiter ansteigen wird. Eine Ausweitung des Angebots über Vorkrisenniveau wäre damit erforderlich. Schätzungen zufolge könnte der Bedarf von Platin und Ruthenium 2040 das derzeitige Angebot um das bis zu 19-Fache übersteigen.“

Mit anderen Worten: Das Thema steigender Preise bleibt.