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Sezessionistische Tendenzen in Europa und ihre Wirkung auf Unternehmen: Beispiel Katalonien

Märkte verstehen

EU: Verkraften Firmen sezessionistische Tendenzen?

Was bedeutet das Streben einiger europäischer Regionen nach mehr Unabhängigkeit für die deutsche Wirtschaft? Das LBBW Research gibt teilweise Entwarnung.

Spanien boomt und bleibt Auslandsreiseziel Nummer 1 für die Deutschen. Im Jahr 2016 haben mehr als 6,2 Millionen Bundesbürger die Iberische Halbinsel besucht. Ein Rekord, wie das Allensbach-Institut ermittelte. Und 2017 sollten es noch einmal mehr werden, obwohl im Herbst Unruhen Katalonien in den Blickpunkt rückten. Die Region im Nordosten Spaniens mit ihrer Hauptstadt Barcelona ist innerhalb des Landes der größte Touristenmagnet. Doch zeitweise eskalierte der Konflikt mit den Separatisten, die sich für eine Unabhängigkeit von Spanien einsetzen, und das wirkte sich auch auf den Tourismus aus: Nach dem von der katalanischen Regionalregierung initiierten Unabhängigkeitsreferendum kamen rund 4,7 Prozent weniger ausländische Gäste nach Katalonien als im September, so die Zahlen des Nationalen Statistikinstituts (INE). Die Regionalwahlen Ende Dezember machten erneut deutlich, wie gespalten die Bevölkerung in der Autonomiefrage ist. Und es bleibt offen, ob es in diesem Zusammenhang erneut zu Unruhen kommen wird.

„Brauchen schnelle Lösung des Konflikts“

Der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands BDI Joachim Lang sagte nach dem katalanischen Referendum: „Die Industrie in Deutschland schaut mit Sorge auf die heftiger werdenden Auseinandersetzungen in Spanien. Katalonien ist eine hochindustrialisierte Region, in der mehr als die Hälfte der rund 1.600 Firmen mit deutscher Beteiligung in Spanien angesiedelt ist.“ Ein Bruch der Region mit dem spanischen Staat würde tiefe Einschnitte bedeuten und zu einer Verunsicherung in der stark exportorientierten Wirtschaft führen. Und auch Albert Peters, der Präsident des Kreises deutschsprachiger Führungskräfte in Barcelona (KdF), zeigt sich besorgt. Gegenüber der Deutschen Welle sagte er: „Wir brauchen in jedem Fall eine schnelle Lösung des Konflikts, da der wirtschaftliche Schaden irgendwann nicht mehr zu reparieren ist.“

CaixaBank und Banco Sabadell verlegten den Firmensitz

Als der Konflikt im Oktober 2017 eskalierte, handelten viele spanische Unternehmen schnell: So verlegten die beiden größten katalanischen Banken CaixaBank und Banco Sabadell ihre Firmensitze kurzerhand nach Valencia und Alicante. Wie die spanischen sind auch die deutschen Unternehmen in Katalonien auf den spanischen Markt und die Zugehörigkeit zur EU angewiesen und blicken angespannt der weiteren Entwicklung entgegen.

Krise in Katalonien betrifft besonders die Automobilbranche

Im Herbst hatte das LBBW Research in einer Studie die wirtschaftlichen Auswirkungen der Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens in den Blick genommen. Besonders betroffen von politischer Instabilität der Region wäre die Automobilbranche, so eines der Studienergebnisse. Der zum Volkswagen-Konzern gehörende Autohersteller Seat, die Autobauer Audi und Daimler fertigen oder beziehen von dort. Auch auf die Chemie- und Pharmabranche würde sich eine katalanische Krise auswirken, wenn auch teils sehr unterschiedlich. Mit BASF, Bayer und Linde sind viele Dax-Unternehmen dort vertreten. Beim Technologiekonzern Linde sieht man sich „nicht betroffen“. Armaturenhersteller Grohe „beobachtet die Lage“, wie sicherlich alle deutschen Unternehmen vor Ort. Für BASF scheinen die Auswirkungen überschaubar: Die Research-Studie der LBBW beziffert die in ganz Spanien erzielten Umsatzerlöse des Chemiekonzerns für 2016 auf rund 1,2 Milliarden Euro. Das klingt viel, entspricht aber nur rund 2 Prozent des Konzernumsatzes.

Analyse des LBBW Research: Keine Investoren-Ängste

Die Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft sind für die einzelnen Branchen unterschiedlich. Bei Seat wären sowohl der Stammsitz als auch alle drei Produktionsstandorte in Katalonien betroffen. Die Volkswagen-Tochter verkauft mehr als 80 Prozent der 410.000 produzierten Autos außerhalb Spaniens. Der Münchener Großkonzern Siemens ist mit 3.500 Mitarbeitern in Spanien vertreten. Der direkte Umsatz von Siemens in Katalonien dürfte nach LBBW-Schätzung aber nur bei rund 0,8 Prozent des Gesamtumsatzes liegen. Mögliche Investoren-Ängste bezüglich bevorstehender Beeinträchtigungen in der Versorger- und Telekombranche sehen die Research-Experten der LBBW nicht, da für die Regulierung beider Branchen die Zentralregierung in Madrid zuständig ist.

Katalonien, Schottland, Norditalien: Separatismus ist überall

Wie in Katalonien rumort es in vielen Regionen Europas. So streben die zu Großbritannien gehörenden Gebiete Schottland und Nordirland offiziell eine Unabhängigkeit an. Von Belgien lossagen möchte sich Flandern. Andere Gebiete wollen zumindest mehr Autonomie erreichen. In Italien verfolgen gleich mehrere Regionen eigene Ziele: Das nach Unabhängigkeit strebende Südtirol sowie Sardinien, die Lombardei und Venetien verfolgen vor allem wirtschaftliche Interessen und zielen auf fiskalische Autonomie ab. Auch den knapp 7,5 Millionen Katalanen geht es wirtschaftlich besser als den Menschen in den anderen Regionen Spaniens, pro Kopf erwirtschaften sie rund 20 Prozent mehr als die restliche Bevölkerung.

  • Sezessionistische Tendenzen: Baskenland (Spanien)

    Sezessionistische Tendenzen: Baskenland (Spanien)

    Bis 2011 kämpfte die Terrororganisation ETA gegen die Zentralregierung. Im April 2017 haben die Separatisten ihre Vollständige Entwaffnung bekannt. Wie es im Baskenland weitergeht, hängt stark von den Entwicklungen in Katalonien ab.

  • Sezessionistische Tendenzen: Flandern (Belgien)

    Sezessionistische Tendenzen: Flandern (Belgien)

    Bei den Wahlen im Jahr 2014 erreichte die für die Unabhängigkeit Flanderns eintretende Neu-Flämische Allianz mehr als 20 Prozent der Stimmen. Ihr Ziel: die langsame Auflösung des Föderalstaats Belgien hin zu einer „Republik Flandern“.

  • Sezessionistische Tendenzen: Katalonien (Spanien)

    Sezessionistische Tendenzen: Katalonien (Spanien)

    Die Katalonen fordern einen eigenen Staat. Mit dem von der katalanischen Regionalregierung abgehaltenen Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober 2017 eskalierte der Streit. Der Ausgang ist ungewiss.

  • Sezessionistische Tendenzen: Schottland (Großbritannien)

    Sezessionistische Tendenzen: Schottland (Großbritannien)

    2014 stimmten bei einem Referendum zur Unabhängigkeit 55 Prozent der Schotten mit Nein. Das Brexit-Votum verstärkt aber möglicherweise den Wunsch nach Separation – 62 Prozent der Schotten hatten gegen den EU-Austritt Großbritanniens gestimmt.

  • Sezessionistische Tendenzen: Nordirland (Großbritannien)

    Sezessionistische Tendenzen: Nordirland (Großbritannien)

    Der Brexit könnte in der Region alte Wunden wieder aufreißen. Denn damit verläuft zwischen der Republik Irland und Nordirland demnächst eine EU-Außengrenze. Fast 56 Prozent der Nordiren hatten für den Verbleib in der EU gestimmt.

Nähere Informationen finden Sie in unserer LBBW Infografik zu europäischen Sezessionsbestrebungen.

Rolle Deutschlands als Vermittler bei der EU-Integration

Die Sezessionsbemühungen stellen die EU vor ein Problem: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron möchte die EU-Integration vorantreiben, die Unabhängigkeits- Initiativen möchten die Integration eher rückgängig machen. In diesem Spannungsfeld müsse sich Deutschland im Jahr 2018 zurechtfinden und als wirtschaftsstärkste Nation zwischen den Extremen vermitteln, heißt es von den Research-Experten der LBBW.

Wachstum im Euroraum trotz Katalonien-Krise weiterhin stabil

Als reales Beispiel für eine Abspaltung und das Verlassen der EU kann bislang nur der geplante Brexit dienen. In Großbritannien, so schätzt die LBBW, wächst die Wirtschaft 2018 nach Schätzung des LBBW Research um 1,0 Prozent, während es 2017 voraussichtlich noch 1,5 Prozent waren. Im Euroraum hingegen kommt der Aufschwung in der Breite an. Während für Deutschland die Prognosen für 2018 auf 2,3 Prozent (2017: 2,2 Prozent) Wachstum leicht nach oben geschraubt wurden, erwartet die LBBW im nächsten Jahr in Spanien einen Rückgang, allerdings von einem sehr hohen Niveau (3 Prozent im Jahr 2017) auf immer noch 2,5 Prozent prognostiziertes Wirtschaftswachstum. Dank des stabilen Aufschwungs sei die Unsicherheit, die die Unabhängigkeitsabstimmung mit sich gebracht hat, kein Risiko für den Aufschwung, so die Analysten der LBBW.

Grundsatzfrage: Europa der Regionen oder der Staaten?

Für Deutschlands Wirtschaft scheinen die Auswirkungen der Sezessionsabsichten in Katalonien nach Analyse der LBBW überschaubar. Die Regierung in Madrid signalisiert Gesprächsbereitschaft für eine Verfassungsänderung, bei der der Autonomiestatus der spanischen Regionen grundsätzlich neu verhandelt werden soll. Sie stellt finanzielle und rechtliche Zugeständnisse in Aussicht, schließt einen eigenen katalanischen Staat hingegen nach wie vor rigoros aus. Allerdings wäre bei einer weiteren Eskalation des Konflikts in Katalonien Nichtstun keine Dauerlösung. Im Research der LBBW schaut man hier auf die Europäische Union: Sie werde Position beziehen müssen. Denn in Spanien werde die EU letztlich vor die Wahl gestellt, ob sie ein Europa der Regionen sein wolle oder ein Europa der Staaten.