Autos im Stau

Keine Freude mehr am Fahren

Deutschen Autofahrern geht es jetzt ans Portemonnaie. Will Deutschland seine Emissionsvorgaben noch erreichen, wird es ohne empfindlich höhere Preise kaum gehen.

Klimaschädlicher Verkehr. Die vom Straßenverkehr verursachten CO2-Emissionen steigen weiter an. Somit wird es Tag für Tag unwahrscheinlicher, dass die Emissionsvorgaben noch erreicht werden können. Zu diesem nüchternen Ergebnis kommen die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg. Auch das Umweltbundesamt hatte zuletzt Ähnliches veröffentlicht und eine Benzinpreiserhöhung von bis zu 70 Cent pro Liter ins Gespräch gebracht.

Damit ist die Sache ausgemacht. Autofahren wird mit Blick in die Geldbörse zur schmerzhaften Erfahrung. Während das Umweltbundesamt vor allem den gefahrenen Kilometer höher bepreisen will, sieht LBBW Research den Ausweg in einem Mix aus höherer CO2-Besteuerung, Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs und Kaufanreizen für alternative Antriebe.

Die These: In jedem Fall – die Freude am Fahren wird künftig deutlich gebremst. Mobilität mit dem eigenen Pkw wird teurer.

Die Ursache: Der Verkehrssektor ist der einzige Bereich, in dem die CO2-Emissionen zuletzt nicht reduziert wurden, schreibt Analyst Gerhard Wolf in seiner LBBW-Studie „ Warum Mobilität teurer werden wird“ . Demgegenüber haben nahezu alle Sektoren in Deutschland seit 1990 den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) und anderen Treibhausgasen verringert. Nur die Pkw und Lkw emittierten kräftig weiter – lange Zeit auf einem konstant hohen Niveau. Seit 1990 sogar mit steigender Tendenz.

  • Klimaschädiger Verkehr

Die Folgen: Um den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren und damit die Begrenzung der Erderwärmung auf 2 °C (im besten Fall 1,5 °C) im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu erreichen, hat die Europäische Union bereits 2009 das „Klima- und Energiepaket 2020“ verabschiedet. Es legt für jedes Land individuell fest, wie viel Emissionen ausgestoßen werden dürfen. Angesichts der weiterhin hohen Emissionen im Verkehrsbereich wird klar: Deutschland wird die EU-Klimaziele sowohl 2020 als auch 2030 verfehlen.

Strafzahlungen an die EU

Empfindliche Strafzahlungen an die EU werden die Folge sein. Die Bundesregierung wird diese Strafzahlungen an die Autofahrer durchreichen, sind sich die LBBW-Analysten sicher. Nach aktuellen Schätzungen sind für 2020 rund 200 Mio. Euro Strafe fällig. Bis 2030 könnten diese Strafen auf zweistellige Milliardenbeträge steigen.

Die Analyse: Zahlreiche Innovationen in der Verbrennungstechnik hatten die Effizienz deutlich steigen lassen. So liege, nach Berechnungen von LBBW-Research, der Ausstoß von CO2 bei Pkw 15 Prozent und bei Lkw 30 Prozent unter dem Niveau von vor 25 Jahren. Aber sie sinken dennoch nicht schnell genug, um die rasant gestiegene jährliche Gesamtfahrleistung – gemessen in Kilometern – zu kompensieren.

Gesellschaftliche Veränderungen und das boomhafte Wachstum der vergangenen zehn Jahre sind die Ursache. Im Zuge der Urbanisierung ziehe es Menschen vermehrt in die Städte, beobachten die Analysten der LBBW. Da in den Städten bezahlbarer Wohnraum aber immer knapper wird, müssen Beschäftigte immer häufiger weite Wege aus dem Umland zum Arbeitsplatz in Kauf nehmen.

Online einkaufen und SUV fahren sind Gift für die Klimabilanz.

Auch das Konsumverhalten trägt maßgeblich zu weiterhin steigenden CO2 Emissionen bei. Der fast explosionsartig gewachsene Onlineeinkauf und die daraus resultierenden massiv gestiegenen Logistikkilometer auf deutschen Straßen sind nur zwei der gravierenden Veränderungen, die nicht folgenlos bleiben. Denn nach wie vor herrscht eine rege Nachfrage nach hubraumstarken Pkw oder – schlimmer noch – nach hubraumstarken SUV, die bekanntermaßen alles andere als 3-Liter-Fahrzeuge sind.

Die Auswege: Wenn autofreie Sonntage oder Verbote zum Kauf von SUV auch künftig keine Rolle spielen sollen, wird nur ein Lenkungsmechanismus nach dem Prinzip „Mit Steuern steuern“ helfen. Eine ganze Reihe europäischer Nachbarn hat mittlerweile eine nationale CO2-Steuer implementiert und folgt damit einem global zu beobachtenden Trend: Insgesamt gibt es in 57 Ländern solch ein System. Alle Systeme decken zusammen 11 Gigatonnen CO2 bzw. 20 Prozent der globalen Emissionen ab.

Schweden erreicht schon jetzt die Klimaziele 2030.

Beispiel Schweden: Bekanntestes Beispiel ist Schweden, welches weltweit die höchsten Abgaben pro ausgestoßener Tonne CO2 eingeführt hat. Die CO2-Steuer in Schweden gibt es bereits seit 1991 und genießt eine breite gesellschaftliche Akzeptanz, da im Gegenzug andere Steuern gestrichen oder gesenkt wurden. Zudem sorgte die schrittweise Anhebung der Steuer dafür, dass die Menschen ihr Verhalten anpassen konnten. Inzwischen beträgt die Steuer umgerechnet 115 Euro/Tonne CO2 und betrifft fossile Energieträger und den Verkehrssektor. Zusätzlich gibt es eine Abgabe von bis zu 38,80 Euro auf Flüge, die in Schweden starten. Unternehmen, die sich in einem starken internationalen Wettbewerb befinden, sind von der Steuer befreit. Insgesamt gilt Schweden als Vorbild in Sachen Klimapolitik und hat die Ziele der EU von 2030 bereits heute erreicht.

Trotz der Änderung des Steuersystems ist es Schweden eindrucksvoll gelungen, Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Schwedens Volkswirtschaft ist seit Einführung der Abgabe um 78 Prozent gewachsen, während sich der Ausstoß von CO2 um 26 Prozent verringert hat. Die Privathaushalte konnten ihren Ausstoß sogar um 80 Prozent reduzieren.

Die CO2-Bepreisung beeinflusste vor allem das individuelle Konsumverhalten und den Gebäudesektor. Nach einer Untersuchung der London School of Economics führte die CO2-Steuer zusammen mit der eingeführten Verbrauchersteuer auch im Verkehrssektor zu einer signifikanten Reduktion der Emissionen. Dennoch ist durch die ansteigende Nachfrage nach Mobilität durch den wachsenden Wohlstand eine positive Entwicklung des Pkw-Absatzes zu verzeichnen. Zwischen 2012 und 2018 stieg die Anzahl der verkauften Autos um gut 26 Prozent. In Deutschland fiel das Wachstum im selben Zeitraum mit einer Zunahme von 12 Prozent deutlich geringer aus. In Schweden ist neben den gestiegenen Neuzulassungen auch eine Zunahme der gefahrenen Kilometer mit dem Auto zu verzeichnen. Das Nachfrageverhalten hat sich in Folge der CO2-Steuer aber verändert. So fahren auf Schwedens Straßen vermehrt Autos mit höherer Effizienzklasse. Biokraftstoffe dienen häufiger als Treibstoff und es wird, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Verkehr, zunehmend auf Fahrzeuge mit Elektroantrieb gesetzt. So liegt der Marktanteil im ersten Halbjahr bei 5 Prozent (EU-weit 1,5 Prozent).

Das Fazit: Mobilität ist in unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem notwendig zum Transport von Menschen, Waren und Gütern. Gleichzeitig ist sie aber auch so vielseitig und individuell wie wir Menschen selbst. Weil die Umweltbilanz jedoch noch zu wenig berücksichtigt wird und die Infrastruktur an ihre Grenzen stößt, „muss Mobilität teurer werden“, fasst Gerhard Wolf seine Studie zusammen.

Die Alternativen wären Verbote und Einschränkungen, die ein Eingriff in Wahlfreiheiten und Auswirkungen auf unsere Eigentums- und Vermögensverhältnisse wäre, was nicht das Ziel sein kann. Wichtig sei daher, sinnvolle Alternativen anzubieten und diese auch adäquat auszustatten. „Großen Spielraum sehen wir zum Beispiel in der Verbesserung des Zusammenspiels verschiedener Verkehrsträger, dem Modal Split. Wenn Auto, öffentlicher Personennahverkehr und neue Verkehrsträger besser aufeinander abgestimmt sind, lässt sich eine Verhaltensänderung in der Mobilität leichter umsetzen“, sagt Gerhard Wolf.

Eine ökonomisch-ökologische Ratio, ein veränderter Bezug zum Statussymbol Auto und neue technologische Möglichkeiten würden dabei helfen.

Erfahren Sie mehr in der Studie der LBBW Research:

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