Uwe Burkert LBBW Chefökonom

„Massiver Aufprall, aber kein Totalschaden"

LBBW-Chefökonom Uwe Burkert erwartet in Folge des Coronavirus eine kurze, aber schwere Rezession.

Im Interview spricht der LBBW-Research-Chef über das Corona-Virus und die Folgen für Konjunktur und Märkte. Die Schlagzeilen: Kurze, aber schwere Rezession in Teilen der Welt – deutsche Unternehmen robust finanziert – im dritten Quartal Trendwende erwartet– DAX-Prognose zum Jahresultimo: 10.000 Punkte.

Herr Burkert, die Folgen von Covid-19 für die Wirtschaft werden mit drastischen Worten beschrieben: „Schwerste Krise aller Zeiten“, „Weltrezession“, „Es geht um Leben oder Tod für uns alle“. Teilen Sie diese Meinung?

Uwe Burkert: Das Coronavirus hat bislang unbekannte Folgen und Auswirkungen. Auf unser tägliches Miteinander, auf unser tägliches Leben und natürlich auch auf unser tägliches Wirtschaften. Es stellt uns alle gemeinsam vor Herausforderungen, die wir so noch nie erlebt haben.

Die Bundesregierung hat den Quasi-Shutdown für Deutschland beschlossen. Damit wird die Konsumnachfrage auf das Nötigste reduziert. Was bedeutet das für die Weltwirtschaft?

Burkert: Das ist nur konsequent angesichts der anhaltenden Verbreitung des Virus und gesundheitspolitisch die richtige Reaktion. Die Weltwirtschaft wird dadurch natürlich massiv betroffen. Wir gehen für das laufende Jahr von einer heftigen Weltwirtschaftskrise aus.

Vielfach werden Parallelen zur Finanzkrise 2008 gezogen. Ist das vergleichbar?

Burkert: Seinerzeit waren Banken und Finanzorganisationen infiziert, und das hat sich schnell auf andere Branchen ausgeweitet. Bei der Coronakrise geht es jetzt erst einmal darum, die Infektionsrate zu verlangsamen und damit die staatlichen Gesundheitssysteme nicht kollabieren zu lassen. Ohne das bewerten zu wollen: Auch ein Land wie Deutschland, mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt, ist auf eine solche Situation, eine Gesundheitskrise dieser Größenordnung, einfach nicht vorbereitet.

Geld- und Fiskalpolitik kleckern nicht. Sie klotzen.

Oberstes Prinzip allen politischen Handelns ist also der Schutz des Menschen?

Burkert: Genau. Und das ist auch richtig.

Selbst wenn dafür eine tiefe Rezession der Weltwirtschaft in Kauf genommen werden muss?

Burkert: Solange es kein Medikament oder einen Impfstoff gibt, sind die Maßnahmen aktuell aus unserer Sicht ohne vernünftige Alternative.

Aktuellen Umfragen zufolge haben die Deutschen noch nie so pessimistisch in die kommenden zwölf Monate geschaut. Die Anzahl derjenigen, die eine Apokalypse erwarten, ist von 16 auf mehr als 30 Prozent gestiegen.

Burkert: Das ist nachvollziehbar, wenngleich nicht wirklich begründet. Aus medizinischer oder epidemiologischer Sicht macht uns die Entwicklung in den USA – dem neuen Epizentrum der Pandemie – natürlich Sorge. Auch die Lebensverhältnisse in Indien – rund 1,3 Milliarden Menschen sind jetzt dort unter Quarantäne gestellt – lassen trotz der beschlossenen Maßnahmen eine weitere dramatische Ausbreitung befürchten. Aus ökonomischer Sicht steuern Regierungen und Notenbanken mit einem bislang nicht bekannten Ausmaß dagegen. Die weltweit seit Jahrzehnten gegeißelte Politik, eine Wirtschaftskrise über das Rauffahren der Notenpresse zu finanzieren und damit mit allen Mitteln gegenzusteuern, ist über Bord geworfen worden. Das jetzt in den USA von Republikanern und Demokraten gemeinsam verabschiedete Zwei-Billionen-Dollar-Paket zeigt, dass das anfängliche Laisser-faire im Weißen Haus jetzt einer neuen Ernsthaftigkeit der Lage gewichen ist. Das Programm zur Stützung der US-Wirtschaft entspricht etwa knapp 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und das ist gut so.

Und die Notenbanken haben Anleihekäufe in schier unbegrenzter Höhe ausgerufen. Die EU-Kommission hat die Maastricht-Kriterien gelockert.

Burkert: Auch das hilft enorm, die Liquidität der Unternehmen zu stabilisieren. Und es ist ein weiteres wichtiges Zeichen. Geld- und Fiskalpolitik kleckern nicht. Sie klotzen.

Einige Unternehmen haben aktuell auf dem Anleihemarkt Geld gesucht …

Burkert: … mit Erfolg. Liquidität ist da. Die Notenbanken haben also das Richtige getan.

Ist damit alles Notwendige getan, um die Krise zu mildern?

Burkert: Vieles Richtige ist auf den Weg gebracht. Es ist jetzt ein massiver Auffahrunfall passiert. Ein massiver Aufprall, aber kein Totalschaden. Und die Regierung hat die Airbags gezündet. Wichtig sind konzertierte Maßnahmen, um die Bonität der Unternehmen deutlich zu verbessern.

Die Folgen für die Unternehmen werden trotzdem massiv sein.

Burkert: Das ist der Unterschied zur Finanzkrise 2008. Jetzt sind durch die – ich betone – richtigen und wichtigen Präventivmaßnahmen vor allem die konsumnahen Bereiche und die Dienstleister unmittelbar und mit voller Wucht betroffen. Das sind neben Freizeiteinrichtungen und Logistikunternehmen die Urlaubsindustrie und viele andere Branchen: Restaurants, Fitnessstudios und Kinobetreiber. Aber eben auch Fluggesellschaften, Hotelbetriebe und die Kreuzfahrtreedereien. In einem zweiten Cluster sehen wir die Autoindustrie und in der Folge auch die Stahlbranche, die Kunststoffindustrie, Farben und Lacke. Da passiert derzeit ein Dominoeffekt. Es gibt aber auch stabile Sektoren wie die Telekommunikation, den Pharmabereich.

Vor allem kleinere und mittelgroße Unternehmen sorgen sich, ob sie Corona überleben werden.

Burkert: Unseren Analysen zufolge haben größere Unternehmen nach der Finanzkrise damit begonnen, ihr Kapitalpolster deutlich auszubauen und es vielfach verdoppelt. Wir sehen auch, dass viele Unternehmen als Vorsichtsmaßnahme jetzt ihre Kreditlinien bei den Banken ziehen, um die Cash-Position zu stärken und im Falle eines Wiederanspringens der Nachfrage auch das notwendige Working Capital zu haben. Kleinere Betriebe haben selten das notwendige Kapitalpolster, um eine solche Krise zu überstehen. Deshalb ist auch das Beihilfeprogramm der Bundesregierung genau richtig. Bei den ganz kleinen Gewerbetreibenden, bei Selbstständigen und Familienbetrieben im Dienstleistungs- und Konsumsektor werden wir trotz allem eine spürbar steigende Insolvenzrate sehen. Oft sind diese Firmen wenig vertraut im Umgang mit Behörden und Banken.

Die Weltwirtschaft ist infiziert. Wir erwarten eine schwere Rezession in weiten Teilen der Welt.

Maschinenbau und Automobilindustrie, Elektro- und Chemiebranche haben durch die globalen Lieferketten und den chinesischen Wachstumseinbruch ohnehin bereits zu kämpfen.

Burkert: In China beobachten wir bereits eine Wiederbelebung der Nachfrage und eine schrittweise Normalisierung des täglichen Lebens. Ein Großteil der Unternehmen auch in der Provinz Hubei hat den Betrieb inzwischen wieder aufgenommen. Bis Mitte April soll dort das Leben komplett wieder auf normal umgestellt sein. Das Schlimmste dürfte dort also überstanden sein. Und je mehr Normalität zurückkehrt, desto mehr werden wieder Vorprodukte für den Welthandel produziert. Gleichzeitig werden auch wieder die Produkte nachgefragt, die der Welthandel auf dem chinesischen Markt anbietet. Wenn sich durch die Normalisierung des Lebens in China kein Wiederaufleben der Fallzahlen ergibt, ist das in doppelter Hinsicht das wichtige Signal für die Weltwirtschaft: Erstens dürfte damit die medizinische Krise überwunden sein und die Quarantäne als probates Mittel anerkannt. Zweitens sollten dann auch in Europa die Neuinfizierten-Zahlen bald zurückgehen. Das sind – zweitens – die vor allem für die Kapitalmärkte alles entscheidenden News.

Trotzdem wird das laufende ein desolates Jahr?

Burkert: Das ist nicht mehr zu verhindern. Die Weltwirtschaft ist infiziert. Wir erwarten eine schwere Rezession in weiten Teilen der Welt.

Coronavirus: LBBW-Volkswirte senken Prognosen

Was erwarten Sie konkret?

Burkert: Die deutsche Konjunktur war bereits im ersten Quartal schwach und wird um 2 Prozent schrumpfen. Im zweiten Quartal wird es mit minus 10 Prozent einen Absturz geben. Im dritten Quartal werden wir eine leichte Erholung erleben, die sich dann zum Jahresende beschleunigen wird. In Summe fällt Deutschland mit minus 7 Prozent in diesem Jahr in eine tiefe Rezession. Für das kommende Jahr sind wir aber schon wieder deutlich optimistischer und erwarten eine konjunkturelle Wiederbelebung mit bis zu 1,5 Prozent Wachstum.

Zu Beginn des Jahres – in der Vor-Corona-Phase – erwarteten Sie 0,6 Prozent Wachstum, auch schon eine eher ernüchternde Prognose. Trifft die Krise Deutschland in einer ohnehin fragilen Situation?

Burkert: Nein. Wir können froh sein, dass wir die zehn Jahre währende Boomphase in den Büchern haben. Die Kassen der öffentlichen Gebietskörperschaften sind gut gefüllt. Die Unternehmen robust finanziert. Und die Banken haben nicht nur ihre Kreditbücher deutlich verkürzt, sondern haben sich von vielen volatilen Geschäften getrennt. Das heißt: Wir haben eine ganze andere Situation als noch 2008 und gehen solide aufgestellt in diese kurzfristig sicher schwere Krise.

Anderswo sieht es für 2020 kritischer aus?

Burkert: Die USA wird mit minus 5 Prozent einen deutlichen Abschwung erleben. Die Europäische Union minus 7 Prozent, Japan minus 3 Prozent. China wird auf Jahressicht immerhin noch ein kleines Wachstums-Plus verzeichnen: 1 Prozent.

Das alles gilt vorbehaltlich einer zügigen Eindämmung der Pandemie?

Burkert: Ja. Davon gehen wir in unserem Szenario aus. Für Deutschland heißt das einen Stillstand von sechs Wochen.

Die deutschen Unternehmen gehen solide aufgestellt in diese kurzfristig sicher schwere Krise.

An den Börsenplätzen regiert die Epidemie der Angst. Der DAX hat innerhalb von wenigen Tagen mehr als 4.000 Punkte verloren. Um dann an einem Tag wieder mehr als 11 Prozent zu gewinnen.

Burkert: Ich würde es Unsicherheit nennen. Wir leben in einer für uns unbekannten Situation, deren Folgen und Auswirkungen wohl niemand profund voraussagen kann. Das sehen Sie bei den Hamsterkäufen im Supermarkt genauso wie an der Börse oder den Umfragen der Demoskopen. Das führt zu Angst und in deren Schlepptau auch zu Überreaktionen. Dem Absturz der Kurse in Deutschland um mehr als 39 Prozent folgte ein Kursanstieg von mehr als 11 Prozent an einem Tag. Das hatten wir in Deutschland zuletzt 2008. In den USA müsste man bis 1933 zurückgehen, um auf ein solches Auf und Ab zu stoßen. Bis wir wieder in ein normales Fahrwasser auf dem Parkett geraten, wird es sicher noch ein paar Monate dauern. Bis dahin wird es immer wieder zu Überreaktionen an den Märkten kommen. Ich gehe aber davon aus, dass insbesondere für die deutschen Unternehmen sich die Einsicht recht bald wieder durchsetzen wird, die ich bereits beschrieben hatte: Die deutsche Wirtschaft ist robust aufgestellt.

Wo sehen Sie den DAX zum Jahresende?

Burkert: Wir haben die Prognose für den DAX zum Jahresultimo deutlich angepasst und erwarten jetzt 10.000 Punkte.

Kaum breitet sich das Coronavirus aus, wird ein neues Wirtschaftsdenken eingefordert. Vom überfälligen Ende des sogenannten McKinsey-Systems wird gesprochen. Das auf Effizienz getrimmte Gesundheitswesen in Deutschland solle wieder deutlich mehr humanitären Gesichtspunkten folgen. Wird das Coronavirus alles verändern?

Burkert: Das Coronavirus wird diese Debatten beschleunigen. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass wir schon vorher eine weltweite Diskussion geführt haben, ob unser Wirtschaften nicht deutlich zu Lasten der Umwelt geht. Oder ob nach der Globalisierung jetzt nicht wieder eine Phase der Regionalisierung von Wirtschafts-, Produktions- und Lieferketten kommt. Das sehen Sie ja jetzt schon an der Frage, ob es für Europa so sinnreich gewesen ist, sich bei Medizin- und Pharmaprodukten so in die Abhängigkeit von China und Indien zu begeben. Insofern wird die Viruspandemie nicht alles verändern. Aber wir werden danach eine intensive Diskussion bekommen, was wir besser machen können.

Es werden schon jetzt Stimmen laut, die zum Schutz der Wirtschaft – zum Schutz von Unternehmen und Jobs – ein baldiges Ende der Maßnahmen fordern. Die Debatte spitzt sich zu in der Frage: Tod oder Dollar?

Burkert: Wir sollten humanitäre Prinzipien walten lassen. Aber: Wir müssen auch so schnell wie möglich das öffentliche Leben wieder normalisieren. Dazu sollen alle Geschäfte, die wieder öffnen wollen, ihre Belegschaften auf Covid-19 testen lassen. Bei positivem Test von Mitarbeitern ist, wie bisher auch, eine Quarantäne notwendig. Damit hat aber der Betrieb eine klare Zeitvorgabe – zum Beispiel 14 Tage – und eine klare Vorgabe, wie lange er Notunterstützung benötigt. Bei negativem Test ist ein sofortiges Wiedereröffnen möglich, allerdings mit besonderen Hygienevorschriften. Hier können wir von China und insbesondere Südkorea lernen. Diese Regelungen werden von deutschen Firmen in China bereits praktiziert und sind umsetzbar, wie genau, das ist Sache der Sozialpartner.

Das würde hunderttausende Testkits erfordern.

Burkert: Der Neustart steht und fällt mit der verfügbaren Kapazität von Testkits, Schutzmasken und Beatmungsgeräten. Hier muss die Regierung im Zweifel auch mit Zwangsmaßnahmen die notwendigen Voraussetzungen schaffen. Jetzt gilt es, konzentriert und schnell zu handeln, um den Wirtschaftszug wieder ins Rollen zu bekommen und nicht auf Dauer aufs Abstellgleis zu geraten.

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