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LBBW Research Kapitalmarktausblick

Rezessionsrisiken steigen

In ihrem jüngsten Kapitalmarktausblick sehen die Volkswirte der LBBW steigende Risiken für die Weltkonjunktur – eine schwere Rezession erwarten sie aber nicht.

Für die Zukunft des Welthandels hat das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ ein neues Wort geprägt: „Slowbalisation“. Andernorts wird bereits von Deglobalisierung gesprochen angesichts des Handelsstreits der USA sowohl mit China als auch mit Europa. Die Angst wächst, dass die Wiederkehr von Zöllen und Protektionismus, das Auflösen von Freihandelsabkommen und völkerrechtlich bindenden Verträgen dazu führen, dass Wachstum und Wohlstand dauerhaft gefährdet sind. Seitdem in Rom offen mit einem „Italexit“ gedroht wird und Großbritanniens neuer Premier Boris Johnson unverhohlen mit dem Hard Brexit in wenigen Wochen droht – und offenbar bereit ist, damit die britische Wirtschaft auf Talfahrt zu schicken –, werden die Sorgenfalten der Ökonomen deutlich tiefer.

Wachstumsprognose für Deutschland nach unten korrigiert

Angesichts der realer werdenden Risiken für Konjunktur und Märkte werfen auch die Ökonomen von LBBW Research einen skeptischeren Blick auf die kommenden Monate und revidieren dementsprechend ihre Prognose nach unten. Ihrer Sommerprognose zufolge wird die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr nunmehr nur noch leicht um 0,6 Prozent wachsen, nachdem im April noch von einem spürbaren Wachstum von 1,1 Prozent ausgegangen wurde.

Die Exportnation Deutschland dürfte vor allem von einer Eintrübung des Weltwirtschaftsklimas betroffen sein. Statt eines Wachstums der Weltkonjunktur um 3,6 Prozent rechnen die LBBW-Ökonomen aktuell nur noch mit einem Plus von 3,2 Prozent. Vor allem die USA – wichtigster Kunde deutscher Unternehmen – schwächeln. „Das Tempo der US-Konjunktur verlangsamt sich zunehmend“, schreibt LBBW-Research in ihrem jüngsten Finanzmarktausblick.

  • LBBW Research Unsicherheitsfaktor Politik

„Wirtschaft ist zur Hälfte Psychologie“, wusste schon Wirtschaftswunder-Minister Ludwig Erhard. Angesichts der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Risiken sinkt denn auch die Stimmung unter den Unternehmenslenkern. Der ifo Geschäftsklimaindex war zuletzt von 99,2 auf 97,9 Punkte gefallen. Dies war auf eine deutlich schlechtere Einschätzung der aktuellen Lage zurückzuführen.

Der Ausblick auf die kommenden Monate bleibt hingegen unverändert. Die LBBW-Volkswirte schätzen das Risikoszenario mit einer Eskalation des Handelsstreits zwischen China und den USA, einem harten Brexit ohne Vertrag, einer harten ökonomischen Landung in China und dem Euro-Austritt Italiens als relativ realistisch ein. Eintrittswahrscheinlichkeit: 35 Prozent.

Nachlassende Wirtschaftsdynamik im Jahr 2020

Wahrscheinlicher ist eine „zusehends abflachende Kurve der Weltwirtschaft“, sagt Uwe Burkert, Chefökonom der LBBW. „Die Dynamik wird in allen drei großen Wirtschaftsräumen auch 2020 weiter nachlassen.“ In der Handelspolitik sieht Burkert „eine Mischung aus Drohungen und Gesprächen, die zwar für eine hohe Volatilität an den Finanzmärkten sorgen wird, aber eine Rückkehr zum Protektionismus alter Schule steht nicht zu befürchten“.

Sorgenkind bleibt Europa. Zwar sei der Brexit auf Ende Oktober verschoben und die tatsächlichen realwirtschaftlichen Folgen für den Euroraum und speziell Deutschland seien „zunächst nur gering“, trotzdem könne die psychologische Komponente eines vertragslosen Ausstiegs nur schwer taxiert werden. Burkert weist darauf hin, dass die EU insgesamt an schwacher Dynamik leide, was dringend notwendige Reformen angehe. „Viele Gespräche werden versanden und viele Bemühungen angesichts schwieriger Mehrheitsverhältnisse nicht umsetzbar sein“, sagt Burkert. „Das führt zu einer gewissen Lähmung.“

Nachlassende Dynamik bei überfälligen Reformen, die schwächelnde Weltkonjunktur und die politischen Risiken führen in Summe zu allenfalls moderat steigenden Unternehmensgewinnen, prognostizieren die LBBW-Experten in ihrem jüngsten Bericht zur Situation der Finanz- und Kapitalmärkte. Sie erwarten für den deutschen Leitindex kein weiteres signifikantes Kurspotential und sehen den DAX zum Jahresultimo bei 12.000 Punkten – gegenüber Mitte August ein Plus von etwa 600 Punkten.

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