LBBW
Die Weltwirtschaft verliert weiter an Dynamik

„Foxtrott auf rohen Eiern“

Die Politik sorgt für Unruhe statt für Leitplanken: LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert sieht im Kapitalmarktausblick 2020 weiterhin unsichere Zeiten voraus.

Herr Burkert, die deutsche Wirtschaft hat sich in den vergangenen drei Monaten robuster gezeigt als von vielen vermutet. Mit 0,1 Prozent Wachstum ist der auch von der LBBW erwartete Abschwung zuletzt nicht eingetreten. Fällt die Rezession aus?

Uwe Burkert: Wir hatten mit Schlimmerem gerechnet, nachdem die Konjunktur ja im Sommer erstmals seit fast zehn Jahren ein Minus als Vorzeichen getragen hatte. Das Miniwachstum in den vergangenen Monaten wird vor allem vom Konsum gestützt. Die wirklich stabile Lage am Arbeitsmarkt macht das möglich. Auch der Bau ist noch sehr aktiv. Und es gilt: Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Abschwung.

Das heißt, die allseits beschworenen politischen Risiken wie der Brexit oder der schwelende Handelskrieg zeigen noch keine Wirkungen? Oder wurden von den Ökonomen überschätzt?

Burkert: Beim Auftragseingang sind die Folgen bereits deutlich spürbar. Auch bei den Exporten lahmt die Konjunktur. Insofern sind die Auswirkungen dieser Faktoren spürbar und schlagen sich auch in den Bilanzen der Unternehmen nieder. LBBW Research war im Dezember 2018 für das laufende Jahr von einem Wachstum der deutschen Wirtschaft von 1,4 Prozent ausgegangen. Da waren wir zu optimistisch und haben zum Halbjahr die Prognose deutlich nach unten revidiert.

Sie hatten den damals vorgelegten Jahresausblick 2019 getitelt mit „Grund zum Achtgeben“. Fühlen Sie sich bestätigt?

Burkert: Leider ja! Prägend für das jetzt zu Ende gehende Jahr war die globale wirtschaftliche Schwäche. Der Globalisierung wurden Ketten angelegt. In Zeiten von „My country first“ wurden überall Handelsbarrieren hochgezogen. Entweder als Zölle oder auch als nichttarifäre Hemmnisse. Die Wirkung ist in jedem Fall die gleiche: Handel wird behindert oder unterbunden. Das hat in Summe zu einem massiven Bremseffekt der Weltwirtschaft geführt. Den neuen Jahresausblick 2020 haben wir deshalb auch „Grund zum Umdenken“ getitelt.

Die Briten wählen am 12. Dezember ein neues Parlament; wie es dann mit dem Brexit weitergeht, ist offen. In den USA wird das Amtsenthebungsverfahren wohl das Repräsentantenhaus passieren, aber im Senat durch die Mehrheit der Republikaner gekippt werden …

Burkert: … und damit der amerikanisch-europäische, aber auch der amerikanisch-chinesische Handelsstreit weitergehen. Das bedeutet, die Unsicherheit bleibt und wird für die Unternehmen zu einer Konstanten, mit der sie planen müssen.

Wie plant man Unsicherheit?

Burkert: Investitionsentscheidungen werden auf Eis gelegt. Exportpläne werden eher konservativ gerechnet. Es ist ein bisschen wie ein Foxtrott auf rohen Eiern.

Wie lautet die LBBW-Prognose für das kommende Jahr?

Burkert: Wir erwarten für die Weltwirtschaft keine nachhaltigen Wachstumsimpulse. Im Gegenteil: Chinas Wirtschaft verliert an Schwung und auch in den USA stehen die Zeichen eher auf Abkühlung. In Summe gehen wir von einem globalen Wachstum von 3,1 Prozent für 2020 aus.

Und für Deutschland? Rutscht die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr in eine Rezession?

Burkert: Aus heutiger Sicht werden wir ein Miniwachstum von 0,6 Prozent erwarten dürfen. Das Potenzial nach oben ist bei der Prognose begrenzt. Sollten die bereits erwähnten politischen Risiken ihre volle Wirkung entfalten, kann es auch durchaus deutlich nach unten gehen. Wir liegen damit in etwa auf Augenhöhe mit dem Sachverständigenrat und seiner Prognose.

  • Die Weltwirtschaft verliert weiter an Dynamik

Die Bäume wachsen also nicht mehr in den Himmel?

Burkert: Der fast zehn Jahre währende Boom ist vorbei. Etwas sarkastisch formuliert: dank der Politik, die mehr für Unruhe sorgt, als klare Leitplanken zu setzen.

Wie sehen Sie als politischer Ökonom auf die jüngsten Wahlergebnisse in Deutschland, aber auch in anderen Staaten Europas? Wählt die stabile Mitte von einst jetzt eher extrem? Und was bedeutet das für das Wirtschaften von Unternehmen?

Burkert: In Thüringen bei der Landtagswahl konnten die Volksparteien erstmals nicht mehr die Mehrheit der Wähler hinter sich vereinen. Das ist ein Fakt, den wir seit längerem in Polen, Ungarn, Spanien, in den Niederlanden in der einen oder anderen Form beobachten. Da führt natürlich bei vielen Wählern der Protest gegen die etablierten Parteien die Hand, wenn es um das Kreuz auf dem Wahlzettel geht. Sorge muss uns der grundlegende Stimmungswandel machen, wenn es um die unbestreitbaren Vorteile der globalen Arbeits- und Ressourcenverteilung geht. Die „My country first“-Gesinnung führt in die Irre. Wenn wir die Globalisierung zurückdrehen, wird das verhängnisvolle Folgen für jeden Einzelnen haben.

Dabei müsste es doch eigentlich um mehr globales Handeln gehen als um weniger?

Burkert: Wenn wir an Weltwirtschaftswachstum denken, kann nur eine weitere Globalisierungswelle zu einem nachhaltigen Impuls für die globale Konjunktur führen.

Viele hoffen genau in diesem Punkt auf Digitalisierung und Industrie 4.0.

Burkert: Und das ist berechtigt. Mit Industrie 4.0, also der Kommunikation von Maschinen, werden auch die letzten traditionellen Cluster aufgelöst. Nicht mehr die räumliche Nähe von Produzenten ist entscheidend, sondern die Kommunikation zwischen den Maschinen. Und da ist es egal, ob die in Kalifornien, Taiwan oder Italien stehen. Ich erwarte durch den Strukturwandel der Wirtschaft mittel- bis langfristig einen großen Wachstumsschub.

Auch für den Arbeitsmarkt? Der Google-Bus wird nicht alle Beschäftigten mitnehmen können …

Burkert: Es wird neue Berufsbilder geben, neue Jobs. Arbeitsmarktstudien prognostizieren, dass wir 60 Prozent der künftigen Jobs noch gar nicht kennen.

Bleibt die Stimmung weiterhin so robust gut, angesichts von Fastvollbeschäftigung in Deutschland?

Burkert: Zuletzt war der Fachkräftemangel in Deutschland eher ein Wachstumshemmnis. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich dies in näherer Zukunft deutlich ändern wird. Allerdings: In einigen Branchen sehen wir derzeit die Frühindikatoren des Strukturwandels bereits greifen. Allen voran die deutsche Automobilindustrie, die derzeit intensiv ihr Geschäftsmodell der Verbrennungsmotoren umstellt.

Zuletzt gab es an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank heftige Kritik, selbst aus dem EZB-Rat. Teilen Sie die Argumente der Gegner?

Burkert: Wie immer hat auch diese Kontroverse zwei Seiten. Natürlich hilft die Geldpolitik dem Sparer nicht. Natürlich hilft der derzeitige Zinssatz auch den Banken nicht. Aber: Wir sind Europa. Und ohne genau diese Geldpolitik würde es vor allem südlichen europäischen Ländern deutlich schlechter gehen als derzeit – mit Folgen für den Euro, mit Folgen für die Konjunktur in Europa. Und genau daran hängt die deutsche Wirtschaft maßgeblich.

Mit anderen Worten, Sie gehen in absehbarer Zeit nicht von einer Zinswende aus?

Burkert: Aus allem, was aus der EZB in Frankfurt zuletzt von Christine Lagarde zu hören war, ließe sich eher auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik schließen als auf eine Trendwende. Die neue Präsidentin wird nicht lockerlassen und von der Politik auch weiterhin Reformen einfordern. Das wird in der ganzen Diskussion vernachlässigt. Die Geldpolitik werde es auf Dauer nicht richten können, hören wir aus dem Tower in Frankfurt seit Längerem. Die Finanz- und Wirtschaftspolitik müsse endlich Lösungen für die Strukturschwäche in einigen EU-Ländern bieten.

Befeuern die Geldpolitik und das billige Geld auch den Aktienmarkt? Zuletzt kletterte der DAX auf fast 13.300 Punkte.

Burkert: Alle Assetklassen in der Vermögensanlage genießen aufgrund der hohen Liquidität derzeit eine enorme Nachfrage. Aktien, Immobilien, Private Equity …

Sind die Höchststände berechtigt? Wir sprachen eingangs von einem ganzen Bündel von Risiken.

Burkert: Hinter den Fundamentaldaten könnte man durchaus ein Fragezeichen setzen, insbesondere hinter den teilweise absurd hohen Einstiegspreisen. Aber solange der Geldhahn der Notenbanken sowohl in den USA als auch in Europa bis zum Anschlag geöffnet ist, sucht sich das Kapital den besten Wirt.

Wagen Sie eine Prognose für den DAX?

Burkert: Der Blick in die Glaskugel des Ökonomen verrät einen weiterhin stabilen Aktienmarkt. Vor allem Versorger, die Telekommunikation-, Pharma- und die Technologie-Unternehmen treiben den Markt. Langfristig erwarten wir auf Sicht der kommenden fünf Jahre ein DAX-Performance-Plus von sieben Prozent pro Jahr. Meine Prognose für den Ultimo 2020: 13.500 Punkte.

Die komplette Studie: www.lbbw.de/kapitalmarktausblick-2020

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