Ist der Klimawandel nur noch ein Luxusproblem?

Der Krieg und die Konsequenzen: LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer über Rezession, den Überlebenskampf vieler Unternehmen und den Weltklimagipfel in Sharm El-Sheikh.

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

LBBW Standpunkt: Herr Kraemer, in wenigen Tagen geht es in Ägypten um das Weltklima. Die 27. UN-Klimakonferenz in Sharm El-Sheikh beginnt. Was erwarten Sie an Ergebnissen?

Dr. Moritz Kraemer: Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Diese Klimakonferenzen sind extrem wichtig für die Welt. Allein, dass sie stattfinden, ist schon ein positives Signal …

LBBW Standpunkt: … aber?

Kraemer: Viele Unternehmen kämpfen derzeit um ihr Überleben. Die Armut – angesichts weltweit gestiegener Energie- und Rohstoffpreise – ist in vielen Ländern der Welt enorm angezogen. Der Krieg in der Ukraine und die russischen Drohungen eines Atomschlages führen zu einem weltweit zu beobachtenden Stimmungstief.

LBBW Standpunkt: Da bleibt keine Zeit, sich um die Erde und das Klima zu kümmern?

Kraemer: Wenn ich als Unternehmer heute nicht wirklich sagen kann, ob es mein Unternehmen im Sommer 2023 noch geben wird, tritt die Sorge um die eigene Emission ganz klar ins zweite Glied. Diese Stimmung hat sich mittlerweile auch an den Börsen durchgesetzt. Investoren verlangen heute eine Überlebensstrategie. Das Thema ESG wird zwar allenthalben noch fleißig diskutiert, scheint aber auch bei Anlegern eher nach hinten gerutscht zu sein.

Nachhaltigkeitsstrategien sind bei den Investoren derzeit nicht ganz oben auf der Agenda

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der LBBW

LBBW Standpunkt: Der Klimawandel ist also ein Luxusproblem?

Kraemer: Die Unternehmen werden derzeit von drei Seiten in die Zange genommen. Sie kämpfen um Fachkräfte, um ihre Aufträge abarbeiten zu können. Das Problem ist schon seit längerem ganz oben auf der Agenda. Mittlerweile fehlt es auch an Arbeitskräften insgesamt. Das Problem ist strukturell und wird also immer größer. Auf der anderen Seite haben wir immer noch die Lieferkettenproblematik. Unternehmen, die in den vergangenen Jahren nicht massiv in ihre Lagerhaltung – also Rohstoffe, Vorprodukte und Halbfertigprodukte – investiert haben, stehen jetzt vor leeren Lagern und können die Aufträge nicht bedienen. Alle aktuellen Geschäftsklima-Indices sprechen die gleiche Sprache. Die Lücke zwischen aktueller Geschäftslage und künftiger Geschäftserwartung war nie größer als derzeit.

LBBW Standpunkt: Lage gut, aber Erwartung düster?

Kraemer: Lage noch gut. Erwartung erschreckend düster!

LBBW Standpunkt: Es fehlt noch Nummer drei. Die Energiepreise sind ein dickes Fragezeichen?

Kraemer: Zunächst sind sie ja einmal massiv gestiegen. Und alles, was die Bundesregierung tun kann, ist diesen Preisschub abzumildern. Das heißt, die Kosten sind bereits jetzt enorm gestiegen und werden absehbar nicht wieder auf das Vorkriegsniveau sinken – da helfen keine Bremsen. Und: Was natürlich in vielen Unternehmen derzeit durchgespielt wird, sind mögliche Blackouts oder auf Stunden limitierte Versorgung mit Strom und/oder Gas. Man könnte es auch so formulieren: Dieser Krieg und die Folgen machen uns als Gesellschaft insgesamt ärmer.

Dieser Krieg und seine Folgen machen uns als Gesellschaft insgesamt ärmer.

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der LBBW

LBBW Standpunkt: Warum ist Deutschland eigentlich – gefühlt – so viel stärker betroffen als andere Volkswirtschaften?

Kraemer: Das ist nicht nur gefühlt so, sondern real. Keine Industrienation war so stark auf die Gaslieferungen Russlands angewiesen wie wir. Dazu kommt unsere Industriestruktur. Bei uns stammt ein Fünftel der Wertschöpfung aus dem verarbeitenden Gewerbe. Das ist fast doppelt so hoch wie etwa in Frankreich. Industrieunternehmen brauchen deutlich mehr Gas und Strom als Dienstleistungsunternehmen. Nicht zu Unrecht sind die Spitzenverbände der Industrie in Alarmstimmung ...

LBBW Standpunkt: … dass der Industriestandort Deutschland gefährdet ist?

Kraemer: So weit würde ich nicht gehen. Jetzt werden zwei Dinge passieren. Zum einen werden viele Unternehmen, die jetzt stark betroffen sind, Arbeit durch Kapital ersetzen. Wir werden also einen Technologieschub erleben, der die Unternehmen unabhängiger vom Arbeitsmarkt machen wird.

LBBW Standpunkt: Und zweitens?

Kraemer: Wird es auch einen deutlichen Schritt aus der Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen geben. Diese Krise wird Deutschland verändern.

LBBW Standpunkt: Dieser Krieg schafft das, was bislang niemandem gelungen ist: die Transformation zu meistern?

Alle bisherigen Klimagipfel waren eher vom ‚Wir müssten handeln‘ geprägt – jetzt muss gehandelt werden.

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der LBBW
Laechelnder Geschaeftsmann mit Tablet am Fenster

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Kraemer: Das ist mir zu spitz formuliert. Die Transformation hin zu einer dekarbonisierten Wirtschaft und Gesellschaft ist seit einigen Jahren in vollem Gange und wir sehen in vielen Industrien hervorragende Entwicklungen. Aber der Krieg und seine Folgen haben uns allen deutlich gemacht: Es gibt wegen der immensen Abhängigkeiten und der jetzt extrem gestiegenen Preise keine Alternative dazu. Wir beobachten einen Turbo beim Thema „raus aus fossilen Rohstoffen“.

LBBW Standpunkt: Wagen Sie eine Prognose?

Kraemer: Ich bin zuversichtlich. Wir werden spätestens ab dem zweiten Quartal kommenden Jahres einen deutlichen Rückgang der Inflation sehen, weil dann eine ganze Reihe von Basiseffekten ausläuft. Je nach Ausgestaltung der Gaspreisbremse kann das sogar noch früher geschehen. Zudem wird die bereits angesprochene Transformation viele Unternehmen robuster machen und damit noch zukunftsfähiger.

LBBW Standprunkt: Aber jetzt geht es ja mit der Wirtschaftsleistung erst einmal bergab. Die Rezession ist da. Kommendes Jahr wird die deutsche Wirtschaft schrumpfen. Zudem sprachen Sie das Thema Technologieschub an. Wenn Roboter Menschen ersetzen, wird es dann zu deutlich steigenden Arbeitslosenzahlen kommen?

Kraemer: Nein. Eine erhebliche Zunahme der Arbeitslosenquote ist nicht in Sicht. Dafür verlassen derzeit zu viele Ältere den Arbeitsmarkt und gehen in Rente. Das ist ja das Problem.

LBBW Standpunkt: Vieles von dem, was Sie sagen, zahlt dann ja doch auf den Klimagipfel in Ägypten ein. Man könnte fast die These wagen, dass der russische Wahnsinn dem Klima mehr hilft als alle Konferenzen.

Kraemer: Diese These vertreten ja mittlerweile viele Menschen. Ich glaube auch, dass die herrschende kriegsbedingte Energiekrise mehr zur energetischen Transformation beitragen kann als Klimakonferenzen. Jetzt muss gehandelt werden. Alle bisherigen Klimagipfel waren eher vom „Wir müssten handeln“ geprägt. Bitter ist: Um uns wirklich wachzurütteln, bedurfte es eines Krieges. Der Preis in Form von Tod und Elend ist schrecklich und entsetzlich hoch.