Für die Sonnenbranche scheint wieder die Sonne

„Hauptsache weg“: Nach Corona wollen die Menschen unbedingt in den Urlaub. So kann die Ferienindustrie nach zwei schweren Jahren an frühere Umsatzgrößen anknüpften.

Familie spielt am Strand Wasserball

„Du meckerst ja gar nicht!“ heißt ein Werbeslogan des Tourismusriesen TUI aus besseren Zeiten, als im Tourismus das Credo des immerwährenden Wachstums galt. Ein Ende des Wachstums werde es erst geben – davon war die Branche überzeugt –, wenn alle Menschen überall gewesen seien. Dann kam Corona, und die Menschen blieben zu Hause: Lockdown. Die Branche stürzte ab. Jetzt rappelt sie sich wieder auf – und wie!

2022 – das Jahr, in dem der Umsatz explodiert

Für die Gute-Laune-Industrie scheint in diesem Sommer wieder die Sonne. Dieses Jahr steigt der weltweite Umsatz der Ferienindustrie um fast 50 Prozent auf 637 Milliarden Dollar. Das hat der Global Consumer Survey berechnet, der Branchenzahlen, Unternehmenswerte und Online-Buchungen zusammenfasst. Das stärkste Wachstum wird neben Kreuzfahrten (fast verdoppelt zum Vorjahr) für die Hotellerie prognostiziert: Sie wächst mit 57 Prozent als größtes Marktsegment im Tourismus voraussichtlich noch stärker als Pauschalurlaube, Privat- und Ferienwohnungen. Das gilt auch für Deutschland, wie die Zahl der Übernachtungen zeigt: 43 Millionen waren es allein im Mai – dreimal so hoch wie im Mai 2021 und viermal so viel wie im Mai 2020. Von Usedom bis Garmisch sind die Hoteliers happy.

Millionen Menschen wollen nach zwei Jahren Pandemie endlich ihren Urlaub nachholen

Jens Bischof, CEO der Fluggesellschaft Eurowings

Im kommenden Jahr soll es mit dem weltweiten Tourismus laut Analysen des Global Consumer Surveys nochmals kräftig nach oben gehen, auf dann 760 Milliarden Dollar. Das wären fünf Prozent über dem Vorkrisenniveau. Zur Erinnerung: 2020 rauschte der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 75 Prozent in den Keller. Daran erinnert sich niemand gern, und umso breiter wird heute gelächelt.

Klein-Mietwagen für 360 Euro pro Tag

Die Branche ist glücklicher als ihre Kundinnen und Kunden. Videos kursieren, die ewig lange Schlangen an den Flughäfen zeigen. Passagiere stehen stundenlang für ihre Abfertigung an. Nur um nach der Landung häufig weitere Stunden auf ihre Koffer zu warten. Die erhoffte Erholung liegt da noch in weiter Ferne.

Und aus der Sonnenbräune wird rasch eine ungesunde Blässe, wenn ein Auto gemietet werden soll. Ein Citröen C3 für 360 Euro pro Tag, netto und ohne Versicherung? Da ist es mitunter billiger, ins Taxi zu steigen.

Laechelnder Geschaeftsmann mit Tablet am Fenster

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Die Reiselust hat sich aufgestaut und kommt jetzt verstärkt zur Geltung

Bernd Eisenstein, Direktor des Instituts für Tourismusforschung

Teurer werden die Urlaube nicht nur durch Mietwagen. Der starke Dollar-Kurs macht das Shoppen in New York und Miami so teuer wie selten zuvor. Das Übernachten in London, Paris und Berlin war nie mehr Luxus als aktuell. Lufthansa-Chef Carsten Spohr schrieb jüngst seinen Vielflieger-Kundinnen und -Kunden einen persönlichen Brief: eine Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, denen die Business-Flieger derzeit ausgesetzt sind.

Passagiere stürmen die Flughäfen

„Hauptsache weg“ ist die Devise der Sonnenhungrigen in diesem Sommer und der Grund für den Boom. Für jeden zweiten Urlauber liegt das Traumziel rund um das Mittelmeer. Jens Bischof, Chef des Marktführers Eurowings, sagt das etwas galanter: „Millionen Menschen wollen nach zwei Jahren Pandemie endlich ihren Urlaub nachholen oder wichtige Geschäftskontakte wieder persönlich treffen.“ Ähnlich formuliert es Bernd Eisenstein, Direktor des Instituts für Tourismusforschung: „Die Reiselust hat sich während der Zeit mit umfassenden Restriktionen aufgestaut und kommt jetzt verstärkt zur Geltung.“ Die Folge: Bereits im Mai nutzten 15,8 Millionen Passagiere die deutschen Flughäfen, fast fünfmal (+386,6 %) mehr als im Vorjahres-Mai.

Klar ist: 2022 ist für die Branche ein Champagner-Jahrgang. Nach zwei Jahren im Schatten der Pandemie heißt es jetzt endlich wieder: Schöne Ferien!

Die Branche freut sich, doch sie weiß auch, wie schnell der Boom wieder beendet sein kann. An möglichen Gründen mangelt es nicht: der Krieg in der Ukraine, die Inflation, das neue Umweltbewusstsein vieler Urlauber, Pandemien und Seuchen, die extrem gestiegenen Energiepreise… Die Liste der Störfaktoren ist lang. LBBW Research sieht denn auch in einer aktuellen Analyse noch keine wirkliche Entspannung: „Eine vollständige Erholung ist noch ungewiss“, steht im Report. Die Branche sei anfällig für externe Störungen durch geopolitische Auseinandersetzungen, den internationalen Terrorismus und Seuchen. Wie heißt es? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.