Älterer Mann wird von einer Ärztin geimpft

Fünf fatale Fakten zum Impfen

Die Hoffnung „Impfstoff“ ist längst zum Problem mit dem Impfen mutiert. LBBW-Healthcare-Experte Dominik Jasinski kennt die Ursachen.

In den Medien wird immer lauter vom „Impfdrama“, vom „Impfdesaster“ und vom „Versagen“ gesprochen. Ökonomen gehen immer forscher mit der Politik in den Disput um Lock- und Shutdowns und fragen immer drängender angesichts stockender Konjunktur und Firmenpleiten nach Alternativkonzepten. Die Politik gerät zusehends in Erklärungsnot und hat die Meinungshoheit an viele Stimmen eingebüßt.

Wir erinnern uns: In der ersten Novemberhälfte des vergangenen Jahres wurde erst Donald Trump abgewählt. Dann meldete BioNTech den Durchbruch bei der Forschung nach einem Impfstoff gegen das Teufelsvirus mit dem Namen Covid-19. In die Tristesse des Novembergraus gesellte sich Hoffnung. Bald wird geimpft. Bald sind wir immun gegen Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit. Bald kommt das Leben zurück.

Und dann? Dann begann die Talfahrt vom Gipfel der kurzen Freude. Für Dominik Jasinski, Sektor Head Healthcare & Pharma bei der LBBW, war die Nachricht von vornherein nur ein Pyrrhussieg. „Schon damals war klar, die EU und ihre Einkaufsorganisation hatte auf das falsche Pferd gesetzt“, sagt er. Als im vorangegangenen Sommer die Frage im Raum gestanden hatte, auf welche Plattform die EU setzen will – den völlig neuen Impfstoff mRNA oder das tradierte Impfen mit toten Viren –, fiel die Entscheidung für das Letztere. Also AstraZeneca und Sanofi. Fatal, wie sich jetzt herausstellt. Die französische Sanofi kann frühestens Ende dieses Jahres liefern. AstraZeneca kam nach abgebrochenen klinischen Studien erst gut zwei Monate später auf den Markt.

Schon damals war klar, die EU und ihre Einkaufsorganisation hatte auf das falsche Pferd gesetzt.

Dominik Jasinski, LBBW-Healthcare-Experte

„Da ist viel schiefgelaufen“, kommentiert Jasinski, der im täglichen Kontakt mit Krankenhäusern, Pharmakonzernen und den Krankenkassen ist und deshalb einen tiefen Einblick in die Zunft hat. Es liest sich aus der Sicht des LBBW-Experten wie eine unglückliche Kette von Fehlentscheidungen, Missverständnissen und Fehlern in der Logistik, bis hin zur Impfung an sich.

1. Die Entscheidung

Anstatt wie die US-Amerikaner, die Briten oder auch Israel bei allen forschenden Konzernen Vakzine en gros zu ordern, bestellten die Europäer größtenteils bei Sanofi und AstraZeneca. BioNTech und der US-Pharmariese Moderna liefern in die Welt, aber nicht – jedenfalls zu wenig – nach Europa. Anstatt damals nochmals 40 Milliarden Euro für weitere Orders in die Hand zu nehmen, um bei alternativen Pharmakonzernen sicher zu sein, gibt die EU das jetzt täglich für Soforthilfen und Überbrückungsmaßnahmen aus. Die Gesamtsumme: 1,8 Billionen Euro.

2. Der Konsens

Von Anbeginn war klar, der BioNTech-Impfstoff benötigt eine durchgehende Kühlkette von Temperaturen bei minus 70 Grad – von der Produktion bis zum Impfen. Leider kann das auch in einigen EU-Ländern nicht gewährleistet werden. So ist die Impfquote – nur ein Beispiel von vielen – in der spanischen Hauptstadt Madrid gerade mal bei 6 Prozent, obwohl deutlich mehr vorhanden wäre. Jeden Tag landet wichtiger Impfstoff im Müll. Man hat übersehen, welche Herausforderungen in vielen Staaten Europas die Impfung heraufbeschwört.

3. Die Rechnung

Die EU hat Ampullen geordert. Fünf Impfungen pro Ampulle, so die Annahme der EU-Chefeinkäufer. BioNTech/Pfizer hat aber Impfungen geliefert. Und zwar sechs pro Ampulle. Ein Missverständnis mit Tragweite. Eine längere Nadel nimmt auch die letzte Neige des Impfstoffs aus dem Gläschen, so BioNTech. Verwendet werden aber kurze Nadeln. Die Folge? Fünf Millionen Ampullen liefern nicht, wie die EU glaubte, 25 Millionen Impfungen, sondern 30 Millionen. BioNTech/Pfizer hat jetzt die Produktion für Europa gedrosselt, weil sie die bestellte Menge an Impfungen – in ihrer Logik – geliefert hat. Kleiner Rechenfehler: Es fehlen also fünf Millionen Impfungen.

4. Die Bürokratie

Auch ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie in Europa geben die Montagszahlen bei Neuinfektionen nicht den wahren Stand des Vortags wieder. Weil in den Gesundheitsämtern am Wochenende frei ist und die Zahlen deshalb nie korrekt sind. Anderes Beispiel: Die Zulassung des BioNTech-Impfstoffs verzögerte sich, weil die Beamten der Europäischen Arzneimittelagentur EMA mit Sitz in Amsterdam in Ruhe die Unterlagen studieren mussten. Eine Notzulassung wie in Großbritannien oder den USA wurde nie diskutiert. Die Entscheidung für Sanofi und AstraZeneca und gegen BioNTech hätte von einem Zukunftsglauben an moderne Medizin begleitet werden müssen.

5. Die Strategie

Die Gründergeneration oder auch als Wiederaufbaugeneration bezeichnet, also Bürgerinnen und Bürger mit hohem Lebensalter, sind laut einer Verordnung aus dem Bundesgesundheitsministerium ohne weitere Diskussion die erste Impfgruppe in Deutschland. Schwere Verläufe bis hin zum Tod treten in dieser Altersgruppe besonders häufig auf. Und der zarte Aufruf von Schülerverbänden, dass gerade die junge Generation ihre Zukunft verliere, verhallten genauso wie die Frage von Ökonomen und Unternehmerverbänden, ob es nicht sinnvoll sei, die arbeitende Bevölkerung zunächst zu immunisieren. Laut Statistiken der Krankenhaus- und Impfzentren werden aber derzeit rund 30 Prozent des Impfstoffs in Deutschland tagtäglich vernichtet. Der Grund: Fixe Termine für die Impfung werden nicht eingehalten oder rechtzeitig abgesagt. Spontane Nachrückerlisten – bei nicht eingehaltenen Terminen – gibt es nicht.

 

Für Dominik Jasinski ist die derzeitige Situation auch „nicht weiter überraschend“. Immerhin hatte er bereits im November auf diese bevorstehenden Probleme hingewiesen. Damit erklärt sich der LBBW-Experte aber auch die rund um die Welt bestehenden Unterschiede beim Impfen. Während in Israel (Jasinski: „klare Chefsache von Netanjahu“) mittlerweile 23 von 100 Menschen geimpft sind oder 13 von 100 in den Vereinigten Arabischen Emiraten, „ist es in Brasilien oder Frankreich ein Desaster“, sagt er. Indonesien sei das einzige Land auf dem Globus, das die 19- bis 50-Jährigen zur ersten Impfgruppe auserkoren habe. Deutschland habe mittlerweile die 1,5-Prozent-Hürde bei den Geimpften überschritten.

Das schleppende Prozedere führt zu einer neuen Prognose für die als so wichtig anerkannte Herdenimmunität. Jasinski prüft dazu turnusmäßig die Schwarmintelligenz im Internet, also die kumulierten Prognosen der Virologen. Waren noch im 4. Quartal immerhin mehr als 40 Prozent der Experten der Meinung, Deutschland werde bis zum Sommer 21 die Herdenimmunität erreichen, ist der Wert zuletzt dramatisch gefallen – auf jetzt nur noch 16 Prozent.

LBBW Hauspost: Der Newsletter für Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Finanzen

Analytisch, kompetent und auf den Punkt

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Wenn ja, mit LBBW Hauspost, dem übersichtlich aufbereiteten Newsletter für alle Unternehmer und Finanzentscheider, liefern wir Ihnen regelmäßig weitere wertvolle Analysen und Informationen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen – direkt in Ihr E-Mail-Postfach. Abonnieren Sie den Newsletter jetzt kostenlos.

Hauspost empfangen