Wird Gas rationiert, wenn Verbraucher entlastet werden?

Mit Skepsis blicken die Analysten des LBBW Research auf das geplante Entlastungspaket III. Sie befürchten Gasrationierungen als ungewollte Folge.

Frau in blauer Bluse steht vor einer Fensterbank und schaut auf Smartphone

Viel hilft viel? Nicht beim Entlastungspaket III, urteilt das LBBW Research in einer Studie zu den Auswirkungen des 65 Milliarden Euro schweren Unterstützungsprogramms. Mit ihm will die Bundesregierung die Belastungen der privaten Haushalte durch die explodierenden Gas- und Strompreise abfedern. Das Gegenteil könnte erreicht werden, warnt LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer: „Es kann sein, dass das Ergebnis der Bemühungen der Koalition am Gasmarkt genau zu den Rationierungen führt, die man eigentlich abwenden will.“ Kraemer kritisiert auch die unstete Energiepolitik, welche die Planung für Haushalte wie Unternehmen erschwert. Statt Gas durch eine Gasumlage teurer zu machen, votiert die Bundesregierung plötzlich für die Gaspreisbremse. Damit würden Energiesparanreize konterkariert, sagt Kraemer, wodurch Rationierungen wahrscheinlicher werden.

Zu Beginn der Heizperiode sind die deutschen Gasspeicher wieder recht gut gefüllt. Aber schon „eine stabile Kältefront mit tiefen Temperaturen könnte genügen, um die Gasreserven unter ein Minimum absinken zu lassen“, warnt das LBBW Research in der Studie „Entlastungspaket III: Risiko von Gasengpässen steigt“. Dort heißt es: „Das Land braucht für den Notfall auch Reserven. Diese durch Fehlanreize vorzeitig zu erschöpfen kann sich rächen.“ Die Analysten weisen darauf hin, dass es auch in den Nachbarstaaten zu einem Gasmangel kommen könnte – und Deutschland einen Teil der eigenen Reserven abgeben muss.

31.2 %

betrug der Anteil von Gas als Energieträger 2020 bei der deutschen Industrie

Steigende Preise regen zum Sparen an

Die LBBW-Analysten schlagen einen anderen – politisch kontroverseren – Weg vor als den im Entlastungspaket III eingeschlagenen. Ihnen erscheint es sinnvoller, die Preissteigerungen direkt an die Verbraucher weiterzugeben, „um Einsparungen zu motivieren“. Bedürftigen Haushalten und Unternehmen solle parallel direkt, zeitnah und gezielt durch finanzielle Zuschüsse geholfen werden. „Geht der Energieverbrauch nicht deutlich zurück, werden womöglich Rationierungen von Gas nötig – mit unabsehbaren Folgen für die Industrie und die privaten Haushalte.“ Allerdings sind mittlerweile erhebliche Erwartungen an eine Preisbremse geschürt worden. Um den vom LBBW Research vorgeschlagenen Weg jetzt noch einzuschlagen, dürfte es am notwendigen politischen Willen fehlen.

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

Die Gefahr einer Energiekrise steigt.

Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der LBBW

Ins Entlastungspaket III integriert sind einige Maßnahmen, die nichts mit den hohen Energiekosten zu tun haben. Dazu zählt etwa das erhöhte Kindergeld oder die Einführung des Bürgergelds. So entsteht die Summe von 65 Milliarden Euro – doppelt so hoch wie die beiden Vorgängerpakete zusammen.

41.2 %

der Energie in deutschen Haushalten wurde noch 2019 durch Gas gedeckt

Die LBBW-Volkswirte blicken kritisch auf die Frage, wie diese finanziellen Hilfen gegenfinanziert werden können. Für zweifelhaft halten sie die Hoffnung, mit dem Abschöpfen von Zufalls- oder Übergewinnen der Energie¬versorger maßgebliche Teile des Pakets zu finanzieren: „Diese Gewinne sind nicht ansatzweise ausreichend, um einen relevanten Teil der Kosten der Entlastung zu tragen“, sagt LBBW-Chefvolkswirt Kraemer. Die Mittel müssten also aus dem Staatshaushalt aufgebracht werden. Die Folge: „Die Neuverschuldung wird 2023 mit hoher Wahrscheinlichkeit über das von der Schuldenbremse erlaubte Maß hinausgehen – und mit dem Gaspreisdeckel ist die Schuldenbremse endgültig passé.“

Die vollständige Studie finden Sie hier: