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LBBW Elektromobilität - Ladestation

Die deutsche Autoindustrie muss Tempo machen

Der globale Trend zur Elektromobilität ist nicht mehr aufzuhalten. Wenn Deutschland Schritt halten will, müssen Industrie und Politik jetzt konsequent handeln.

Die automobile Fachwelt ist sich einig. Beeindruckt von der Leistungsshow im National Exhibition & Convention Center im Qingpu District war das Urteil schnell gefällt: Die Zukunft der Mobilität gehört den Chinesen und China, hieß es unisono, nachdem die diesjährige 18. Auto China Shanghai jetzt ihre Tore wieder geschlossen hat.

  • Entwicklungsprognose des internationalen Automobilabsatzes 2019

    Der Automobilabsatz in China soll in diesem Jahr um 1,2 Prozent steigen. Da auf diesen Markt rund 29 Prozent der globalen Autoverkäufe entfallen, ist seine Entwicklung entscheidend für das Gesamtwachstum der Branche.

Natürlich sorgte eine elektrische Citystudie wie der Audi AI:ME für Aufsehen. Selbstverständlich war der Mercedes GLB als siebensitziger Familiencrossover ein Publikumsmagnet oder der BMW X3 / X4 M mit 510 PS.

Doch die Musik spielte auf der Auto China längst bei den heimischen Herstellern. Hierzulande noch weitgehend unbekannte Marken wie Chery, Hanteng, Haval, Oshan, Geely, Wey, Leapmotor gaben vor allem dann den Ton an, wenn es Elektromobilität geht. Also die Zukunft.

Auf dem chinesischen Automarkt wurden im vergangenen Jahr über 1,25 Millionen Elektro-Pkw neu zugelassen – fast doppelt so viele wie 2017. Auch Plug-in-Hybride haben in den letzten Jahren ein mächtiges Umsatzwachstum verzeichnen können. Und das, obwohl der Gesamt-Automarkt 2018 um 4,1 Prozent schrumpfte. China, das belegen die jüngsten Verkaufsstatistiken, aber eben auch die Automesse in Shanghai, hat selbst Länder wie Japan, Norwegen und die USA, wo alternative – elektrische – Mobilität mit ambitionierten politischen Plänen verfolgt wird, längst hinter sich gelassen.

  • Verkaufte Fahrzeuge mit alternativen Antrieben in China

    Der Absatz an New Energy Vehicles hat sich in China 2018 verdoppelt. Mehr als 70 Prozent davon sind vollelektrische Fahrzeuge.

Schlagzahl deutlich erhöhen

Für die Volkswirte von LBBW Research, greifen angesichts dieser beeindruckenden Statistiken die jüngst von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer vorgeschlagenen Maßnahmen, um auch hierzulande das Thema E-Mobilität mit entsprechenden politischen Plänen zu forcieren, denn auch zu kurz. In zahlreichen Analysen der vergangenen Monate kamen sie immer wieder zu dem Ergebnis, dass sich der globale Trend zu Elektro-Mobilität nicht stoppen lassen wird. Allein das deutsche Anreiz-System müsse deutlich stringenter und zukunftsgewandter sein, damit E-Mobility auch hierzulande eine attraktive Alternative zum Verbrennungsmotor wird.

Den deutschen Plänen zufolge wird es steigende Benzin- und Diesel-Preise sowie ein bundesweit geltendes Tempolimit für deutsche Autobahnen nach dem jüngst vorgelegten Papier des Bundesverkehrsministeriums vorerst nicht geben, um Autofahrer zum Umstieg von Verbrennungsmotor auf Elektroantrieb zu bewegen.

Die vom Verkehrsminister nun vorgeschlagenen Maßnahmen erscheinen vage. Autofahrer müssen sich kaum auf Veränderungen einstellen, wenn es nach den Plänen des CSU-Manns geht. Eine Kaufprämie für Elektroautos, die Förderung klimafreundlicher Dienstwagen, so wie es sie heute schon gibt, sowie eine bessere Ladeinfrastruktur sollen genügen, damit Menschen auf E-Antriebe umsteigen.

Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW, vermisst in den Plänen der Bundesregierung, denn auch das Gesamtkonzept: „Wenn es der politische Wille ist, bis zum Jahr 2025 rund 3 Millionen E-Autos in Deutschland zugelassen zu haben, müssen wir jetzt die Schlagzahl deutlich erhöhen.“ Ohne massive Investitionen in Infrastruktur und Energieerzeugung werde das Ziel nicht zu erreichen sein. „Nach der beschlossenen Energiewende und dem im vergangenen Jahr vereinbarten Kohleausstieg steht die Frage im Raum, wie wir den zusätzlichen Bedarf an Strom künftig decken wollen“, betont Burkert. Nach heutigem Stand rechnen die LBBW-Volkswirte mit einem zusätzlichen Strom-Bedarf von bis zu 2 Prozent im Jahr 2025. Sollte der gesamte Fuhrpark Deutschlands auf Strom umgestellt sein, steigt die Nachfrage um etwa 15 Prozent der heutigen Kapazitäten. „Das ist dann schon eine Hausnummer, die sich nicht von heute auf morgen realisieren lässt“, so Burkert.

Industrie muss zügig attraktive Modelle ins Schaufenster bringen

Ähnlich skeptisch äußert sich auch Gerhard Wolf, Auto-Analyst der LBBW: „Kein Zweifel, die deutsche Autoindustrie hat nicht die marktfähigen Produkte im Schaufenster, um das Erlebnis Elektro-Mobilität für den Kunden greif- und anfassbar zu machen. Da haben wir den Trend verschlafen“, so Wolf. Für die Industrie gehe es jetzt darum, konsequent und zügig Produkte zu launchen, um vor allem im internationalen Wettbewerb nicht komplett den Anschluss zu verlieren. Dafür wäre es aber Gebot der Stunde, eine konsequente Bepreisung für umweltschädliche Mobilität zu etablieren. Das bislang auf die Autohersteller begrenzte herrschende Regime von Steuervorteilen und Abwrackprämien reiche jedenfalls nicht aus, so Wolf. „Der CO2-Ausstoß braucht einen gerechtfertigten Preis – egal ob, Flugzeug, Auto und Lkw oder Schiffe“.

Immerhin geht es um die künftige Wettbewerbsfähigkeit auf den internationalen Märkten. Die deutsche Automobilindustrie trägt mit knapp fünf Prozent maßgeblich zur deutschen Wertschöpfung bei und trägt deshalb zu Recht den Namen Schlüsselindustrie der deutschen Wirtschaft. Die Industrie, inklusive der Zuliefererindustrie, beschäftigt rund eine Million Menschen.

Weckruf durch 400.000 Bestellungen des Tesla Modell 3

Seitdem Schlüsselmärkte wie China – mit rund 30 Prozent des weltweiten Pkw-Absatzes –, die USA, aber auch Staaten wie Dänemark und Schweden Quoten für die Zulassung von Autos mit alternativen Antriebsarten für die Zukunft bereits festgelegt haben, besteht nicht nur Handlungsbedarf, um die deutschen Klimaziele zu erreichen. „Vielmehr stehen auch die internationalen Absatzmärkte zur Disposition“, warnt Auto-Experte Wolf. Nicht nur neue Wettbewerber wie Tesla und Byton aus China stünden bereits in den Startlöchern, sondern eben auch General Motors und Renault/Nissan. „Wenn Tesla für das Modell 3 mittlerweile fast 400.000 Bestellungen weltweit zählt, ist das mehr als eindeutiges Signal, wohin die Reise geht“, kommentiert Wolf. „Es ist ein Weckruf.“

Nach Ansicht von LBBW Research werden die kommenden – vielleicht – zwei Jahrzehnte von disruptiven Veränderungen in der Automobilindustrie geprägt sein. „Sicher erscheint mir, dass es noch eine lange Zeit ein Nebeneinander von diversen Antriebsarten geben wird. Die Automobilwelt wird deutlich komplexer werden. Eine Vielzahl von Antrieben, Unterschiede in den einzelnen Regionen, China als Leitmarkt für E-Mobilität, Unterschiede zwischen Stadt und Land. In regionalen Märkten werden starke Player aufkommen. Kunden werden mehr Wert auf das Nutzen legen als auf das Haben“, so Gerhard Wolf.

Chefvolkswirt Uwe Burkert ergänzt: „Dies wird zu deutlich mehr Shared Services führen, bei denen elektronische Bezahlsysteme und die Verfügbarkeit eine entscheidende Rolle spielen werden. Das führt in Summe zu neuen Recheneinheiten. Bislang ist die harte Währung Masse gemessen in Stückzahl. Ich gehe davon aus, dass ein wesentlicher KPI der Zukunft die „verkaufte Kilometer-Laufleistung“ sein wird“.

Autohersteller brauchen klare Unterstützung der Politik

Grundsätzlich zeigen sich die Volkswirte aber optimistisch, dass die deutschen Autobauer die Herausforderungen der Zukunft noch meistern können. „Voraussetzung ist, dass sie schneller werden müssen, wenn es darum geht Modelle und Produkte auf die Straße zu stellen. Sie werden auch radikaler werden müssen, in der Anwendung neuer Technologien und Prozesse.“ Das werde nicht ohne politische Unterstützung gehen.

In ihren aktuellen Studien kommen die Experten der LBBW eindeutig zu dem Ergebnis: „Die Politik muss die Rahmenbedingungen gleichzeitig an das Jetzt und Morgen anpassen. Wir müssen deshalb vom Quotendenken und der Subventionierung weg. Ein Umdenken in der Energie-, Steuer- und Verkehrspolitik ist nötig.“

Es gehe daher auch um einen neuen energiepolitischen Ansatz: Wenn wir von Elektromobilität sprechen, bräuchten wir dafür auch sauberen Strom. Derzeit aber steht der gemeinsame Auspuff aller E-Mobile in NRW beim Braunkohlekraftwerk. „Das sollten sich die Verfechter eines umgehenden Umstiegs auf E-Motoren auch bewusst machen“, so Gerhard Wolf.

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