Glasfasern in Makroaufnahme

Eine Schnecke auf der Überholspur

Um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben, braucht es ein lückenloses Glasfasernetz. Deutschland hat jetzt den Turbo eingelegt.

Der Traum von einer Gigabit-fähigen Gesellschaft in Deutschland bleibt bis auf Weiteres ein Traum. Das Problem: Um HD-Qualität bei Videos oder Videokonferenzen streamen zu können, maschinelles Kommunizieren zu ermöglichen oder künftig autonom zu fahren, braucht es ein flächendeckendes Glasfasernetz. Die Betonung liegt auf flächendeckend. Das gibt es aber nicht. Zumindest noch nicht.

Zu schleppend ging in den vergangenen Jahren der Glasfaserausbau voran. Zwar hatten die drei vergangenen Merkel-Regierungen den Glasfaserausbau immer ganz oben auf dem Zettel – passiert ist wenig. Oder zu wenig.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Südkorea ist das Land mit dem höchsten Anteil an Glasfaseranschlüssen aller OECD-Länder. Rund 85 Prozent aller Breitbandanschlüsse werden in dem ostasiatischen Land per Glasfaser realisiert. Auf den weiteren Plätzen folgen Japan, Litauen, Schweden und Spanien. Deutschland landet dem Ranking zufolge irgendwo auf den Plätzen 30 oder so. Nur in vier OECD-Staaten ist der Anteil der Glasfaseranschlüsse noch geringer als in Deutschland, unter anderem in Österreich und Großbritannien.

Laut der Bundesnetzagentur verfügen aktuell etwa 13,8 Prozent der deutschen Haushalte über einen Glasfaseranschluss. Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt sind es 33,5 Prozent.

Die Recheneinheit beim Infrastrukturprojekt für die Zukunft lautet 1 Gigabit pro Sekunde. Erst dann sind moderne Anforderungen wie künstliche Intelligenz, maschinelle Kommunikation oder autonomes Fahren möglich.

13.8 %

der deutschen Haushalte verfügen über einen Glasfaseranschluss.

Infrastruktur 4.0 – die Zukunft muss noch warten

Die Zukunft findet im Netz statt – gerade, wenn es um künftige Anwendungen wie Telemedizin, Ultra-HDTV, Standortvernetzung von Unternehmen oder Cloud Computing geht, sind alte Infrastrukturen zu lahm und zu zäh, heißt es in einer von der LBBW unterstützten Studie der Steinbeis-Hochschule. Und: „Der Datentransfer hat eine steigende Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft. Die digitale Infrastruktur stellt, neben der Verkehrs- sowie der Energieinfrastruktur, einen wichtigen Eckpfeiler für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenleben dar.“

Die meisten Haushalte und Unternehmen sind über Telefonleitungen, also Kupferkabel, oder Fernsehkabel angeschlossen. Bei beiden sind die Übertragungsraten begrenzt.

Michael Weiss, LBBW Sector Head TMT

Durch neue Fördergelder und Eigeninitiativen der Anbieter in den letzten Jahren ist Deutschland nun aber auf der Überholspur – die Schnecke hat den Turbo eingelegt. Laut dem Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten e. V. (VATM) schreitet der Ausbau hin zu einem flächendeckenden Gigabitnetz weiter voran. Seit Mitte 2021 gibt es rund 30 Millionen Gigabit-fähige Anschlüsse in Deutschland. Wohlgemerkt: Fähig heißt noch nicht angeschlossen und damit bereit für die Zukunft.

Größter Eigentümer von verlegten Glasfaserkabeln ist mit knapp 600.000 Kilometern die Deutsche Telekom. Abgeschlagen auf dem zweiten Platz, mit rund 60.000 Kilometern, liegt Vodafone. Das größte alternative Glasfasernetz in Deutschland unterhält 1&1 Versatel mit einer Länge von etwa 50.000 Kilometern. Daneben hat eine Vielzahl von regionalen Anbietern, die sogenannten City-Carrier, ebenfalls eigene Glasfasernetze aufgebaut. So hat zum Beispiel NetCologne in Köln und Umgebung mittlerweile insgesamt über 25.000 Kilometer Glasfaser. Das Problem: Die Big Player haben sich vor allem auf das Verlegen der sogenannten Datenautobahnen konzentriert. Aber leider die Abfahrten vergessen oder bei der letzten Meile zum Nutzer zu lange auf das gute alte Kupferkabel gesetzt.

Mehr als 180 Milliarden Euro wurden mittlerweile verbuddelt

Mehr als eine Million Kilometer Glasfaser wurden dabei in den vergangenen Jahren verbuddelt, seit 1998 180 Milliarden Euro versenkt. Und doch ist von einem flächendeckenden High-Speed-Internet noch lange keine Rede – weil der letzte Meter eben fehlt. LBBW-Glasfaser-Experte Michael Weiss taxiert weitere hohe zweistellige Milliardenbeträge, um aus dem Flickenteppich ein flächendeckendes Netz werden zu lassen.

1 Gigabit

pro Sekunde lautet die Recheneinheit für die Zukunft

Gerade in ländlichen Gebieten sind es Bürgerinitiativen, die nicht mehr länger auf Gigabit-fähige Leitungen warten wollen. Im Kreis Nordfriesland in Schleswig-Holstein etwa ist BürgerBreitbandNetz GmbH & Co. KG schon seit 2012 aktiv. Schon zwei Jahre zuvor gründete sich die Breitbandnetz GmbH & Co. KG in Breklum für den Ausbau eines Glasfasernetzes im mittleren Nordfriesland. Eichenzell im Landkreis Fulda, Hamminkeln am Niederrhein – überall im Lande schließen sich private Haushalte zusammen und wollen nicht länger auf Amazon und Google warten.

Neuen Schwung bekommt der Glasfaserausbau jetzt auch, weil institutionelle Investoren das Thema als attraktives erkannt haben. Beispielgebend war dabei wohl die Deutsche Glasfaser mit dem schwedischen Investor EQT und den kanadischen Pensionsfonds Omers im Kreuz. Investitionssumme rund 7 Milliarden Euro in den kommenden Jahren. Auch Spaniens Telefónica – mit fünf Milliarden Euro die Allianz als Geldgeber im Schlepptau – oder die Deutsche Giganetz (Investor: Capital Partners). Institutionelle Investoren bescheinigen Infrastruktur 4.0 als Anlageklasse eine sehr hohe Attraktivität. Insgesamt 80 % stufen diese als (sehr) attraktiv ein. Damit liegt die Assetklasse deutlich vor anderen alternativen Anlageformen wie Private Debt (51 %), Private Equity (45 %) oder Verkehrsinfrastruktur (39 %), steht in der Studie zu lesen.

80 %

der institutionellen Investoren stufen Infrastruktur 4.0 als sehr attraktiv ein.

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Daten über alte Kabel im Internet zu versenden, kostet fünfmal mehr Energie als mit modernen Glasfaserkabeln.

Jens Heil, Experte für den Glasfasernetzausbau bei der LBBW

Tempo im Netz ist das eine, Nachhaltigkeit das andere

Zäh ist Streamen durch die veralteten Kupferkabel. Der Energiebedarf ist immens. „Daten über alte Kabel im Internet zu versenden, kostet fünfmal mehr Energie als mit modernen Glasfaserkabeln“, so Jens Heil, Experte für den Glasfasernetzausbau bei der LBBW. Deutschland habe demnach viel Potenzial, den CO2-Footprint pro E-Mail, pro Stream zu senken, ist der Fachmann sich sicher. Vor allem wenn man bedenkt, welche Datenvolumen künftig verschickt und versendet werden. Seit Jahren müssen immer neue Maßeinheiten erfunden werden, um das globale Datenvolumen zu beziffern. Neulich waren es noch Zeta-Byte. Derzeit gelten Yotta-Byte. Das sind 10 hoch 24 Byte.

Seit einigen Jahren tummelt sich auch die LBBW im Glasfasernetzausbau. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. „Aktuell ist Deutschland noch ein Flickenteppich, was Internetanschlüsse angeht. Die meisten Haushalte und Unternehmen sind über Telefonleitungen, also Kupferkabel, oder Fernsehkabel angeschlossen. Bei beiden sind die Übertragungsraten begrenzt“, sieht Michael Weiss das aktuelle Problem. Aber, alle Player in dem Markt haben eines erkannt: Um den Weg in die digitale Zukunftsgesellschaft zu schaffen, muss die Schnecke den Turbo einlegen. „Und genau das“, sagt Weiss, „ist passiert.“