LBBW
Digitale Helfer sind immer häufiger dabei – bei Gesprächen und auch längst, wenn es um Arbeit geht

Ohne Breitband wird Deutschland abgehängt

Wo muss die Politik ansetzen, damit Deutschland zu den Gewinnern der Digitalisierung zählt? Ein LBBW-Dossier nennt vier Ansatzpunkte.

In Tuttlingen wohnen rund 35.000 Menschen, mehr als 400 Unternehmen beschäftigen 8.000 Mitarbeiter. Weltmarktführer wie Aesculap, KLS Martin oder Karl Storz entwickeln und produzieren hier Implantate, chirurgische Instrumente oder OP-Systeme. Die „Welthauptstadt der Medizintechnik“ zählt zu den wirtschaftsstärksten Regionen in Deutschland – noch.

Ohne Breitbandausbau droht Deutschland den Anschluss zu verlieren.

Dr. Guido Zimmermann, Senior Economist bei LBBW Research

Noch sind die Qualitätsprodukte weltweit begehrt und sorgen für Fast-Vollbeschäftigung, doch die Digitalisierung könnte das ändern. Sie wirbelt die Medizintechnik ebenso gnadenlos durcheinander wie andere Branchen. Jeder vierte Arbeitsplatz könnte bis 2025 der Automatisierung zum Opfer fallen, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berechnet, in Tuttlingen wäre die Quote noch höher.

  • Digitalisierung in der Arbeitswelt, Anteil des Digitalisierungpotentials in Deutschland

„Das bedeutet keineswegs automatisch einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit“, sagt Dr. Guido Zimmermann, verantwortlicher Analyst von LBBW Research. Schließlich werden durch die steigende Innovationskraft gleichzeitig auch neue Stellen geschaffen. „Wie hoch deren Anzahl sein wird, hängt maßgeblich davon ab, ob es dem Staat und den Unternehmen gelingt, in den kommenden Jahren ein entsprechend digitalisierungsfreundliches Umfeld zu schaffen.“ Voraussetzungen dafür seien schnelle und nachhaltige Fortschritte, insbesondere in vier Bereichen: Ausbau einer zukunftssicheren digitalen Infrastruktur und die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, der Bildung sowie der Sozialpolitik.

1. Die digitale Infrastruktur

Ultraschnelles Breitband ist nach Ansicht von LBBW Research die Basis, um global wettbewerbsfähig zu bleiben. Genau da hapert es: Laut Studie der Bertelsmann Stiftung rangiert Deutschland europaweit im Mittelfeld, bei Glasfaseranschlüssen belegt es Rang 28 – von 32 untersuchten europäischen Ländern. Die Europäische Kommission hat die digitale Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit europäischer Länder verglichen – Deutschland liegt gleichauf mit Malta und Litauen. „Hier bedarf es weiterer massiver Anstrengungen seitens des Staates und der Privatwirtschaft, damit Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes nicht den Anschluss verliert“, sagt LBBW-Analyst Zimmermann.

2. Der neue Arbeitsmarkt

Wenn Deutschland den Anschluss verliert, werden wirklich Arbeitsplätze wegfallen. „Im Moment ist die generelle Furcht vor einem massiven Stellenabbau noch unbegründet“, beruhigt Zimmermann. Die deutsche Industrie habe sich in Zeiten neuer Herausforderungen bislang stets innovationsstark gezeigt – auch im Zuge der Digitalisierung würde eine Vielzahl neuer Tätigkeitsfelder und damit Arbeitsplätze geschaffen.

3. Bildung für die Zukunft

Dafür braucht es eine Bildungspolitik, die Menschen in die Lage versetzt, die beruflichen Herausforderungen der Zukunft zu meistern. „Routinejobs, auf denen der Mittelstand heute noch zum größten Teil basiert, werden immer weiter zurückgehen“, sagt Zimmermann. Bund und Länder müssen nach Ansicht von LBBW Research daher verstärkt in die Aus- und Weiterbildung der Erwerbstätigen investieren, sobald die maßgeblichen Inhalte für Bildung im digitalen Zeitalter identifiziert sind. Die Grundlagen des Programmierens könnten schon bald so selbstverständlich sein wie heute das Lernen des ABCs, sagt Zimmermann. „Experten für Programmierung und Künstliche Intelligenz werden weiter sehr, sehr gefragt sein.“ Zudem rücken geisteswissenschaftliche und soziale Fähigkeiten stärker in den Fokus und damit Eigenschaften, die als ausgesprochen „menschlich“ gelten – zum Einsatz etwa in der Lehre oder der Pflege. „Benötigt wird die Kombination aus Hightech-Skills und High-Touch-Skills wie Empathie, Kreativität und unternehmerischem Denken.“

4. Zeit für das Grundeinkommen?

Wenn sich Arbeit und Arbeitsfelder so drastisch ändern, wandelt sich auch die Gesellschaft – und das fordert die Politik heraus. Nach Ansicht von LBBW Research sollten sich die Politiker mit Spielarten eines bedingungslosen oder fortbildungsabhängigen Grundeinkommens beschäftigen. Und sie sollten die Digitalisierung des Sozialstaats vorantreiben. „Das erlaubt die bessere steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Erfassung etwa von neuen digitalen Dienstleistungen“, sagt Zimmermann. „So könnten direkt von den Plattformen Steuern an die Sozialversicherungen abgeführt werden.“

  • Unternehemerische und politische Bausteine für den digitalen Wandel

In allen vier Bereichen muss nach Ansicht von LBBW Research die Politik schleunigst Akzente setzen. Gelingt das, kann Deutschland weltweit zu den Gewinnern des digitalen Wandels zählen. Keine schlechten Aussichten also für Deutschland im Allgemeinen – und ganz speziell für Tuttlingen an der Donau.