Person mit Warnweste läuft zwischen Entsorgungsfahrzeugen entlang

Die Auftragsbücher sind pickepackevoll

LBBW-Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer über das Ende der Pandemie, viele damit verbundene Hoffnungen und die Unsicherheiten der Prognose-Zunft.

Standpunkt: Herr Kraemer, gut und gerne zwei Jahre regieren nun Covid und seine Mutanten und bestimmen mehr oder weniger unser soziales Leben. Viele sind mittlerweile genervt, manche frustriert. Haben Sie noch Hoffnung auf ein Leben nach Corona? Oder müssen wir uns an den Dauer-Blues gewöhnen?

Moritz Kraemer: Es gibt einige Indizien, dass mit der Omikron-Variante jetzt der Peak der Pandemie erreicht ist. Viele Menschen sind geimpft, viele sogar zum dritten Mal. Aber ich bin weder Mediziner noch Psychologe. Die Fakten der Wirtschaft sprechen eine andere Sprache, als Sie zitieren. Die Auftragsbücher der Industrie sind pickepackevoll. Der Arbeitsmarkt ist wirklich robust. Die Investoren sind optimistisch. Von Depression in der Wirtschaft oder in den Unternehmen ist also nichts zu spüren.

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

Von Depression in der Wirtschaft oder in den Unternehmen ist nichts zu spüren.

Standpunkt: Der neue Wirtschaftsminister Robert Habeck hat jetzt die rosaroten Konjunkturprognosen für dieses Jahr nach unten revidiert. Auch Sie und die LBBW haben unlängst von fünf Prozent auf vier Prozent umgeschaltet. Was ist der Grund?

Kraemer: Im verarbeitenden Gewerbe sind die Vorprodukte das Problem. Das heißt, die Lieferketten funktionieren nach wie vor nicht so reibungslos wir früher. Und wir sehen gerade im Ausland immer wieder Produktionsausfälle oder zumindest Produktionsverzögerungen. Außerdem endete das Jahr 2021 schwächer als zunächst erwartet, nicht zuletzt wegen der Rückkehr des Virus. Deshalb geht die Wirtschaft mit weniger Schwung und ohne statistischen Rückenwind ins immer noch neue Jahr.

Standpunkt: Das geht ja auch schon eine ganze Weile so. Aber mehr als Hoffnung ist kaum in Sicht.

Kraemer: Sowohl die pandemische Lage als auch die stockenden Lieferketten werden sich im Verlauf des ersten Halbjahrs deutlich verbessern. Und hinter dieser Aussage steht mehr als die bloße Hoffnung, sondern eine ganze Reihe von Entwicklungen.

Standpunkt: Im letzten Quartal des vergangenen Jahres ist die Wirtschaftsleistung in Deutschland um 0,7 Prozent zurückgegangen, obwohl alle Experten auf ein sattes Plus gehofft hatten …

Kraemer: Die superstarke Auftragslage der Industrie konnte nicht – wie eigentlich erwartet – abgearbeitet werden. Und das hat sich dann wieder auf die Unternehmensinvestitionen übertragen. Da spielten dann auch die Unsicherheiten der Zukunft eine Rolle. Und klar, Omikron machte Einzelhandel und vielen Dienstleistungsbranchen einen gehörigen Strich durch die Rechnung.

Standpunkt: Man hört immer von Notfallplänen in den Unternehmen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie die Betriebsfähigkeit aufrechterhalten werden kann, wenn die Belegschaft zu großen Teilen an Covid erkrankt und/oder in Quarantäne ist.

Kraemer: Jedes solide gemanagte Unternehmen sollte solche Business-Continuity-Pläne in der Schublade haben. Das halte ich jetzt nicht für besonders besorgniserregend. Diese Pläne werden als Absicherung entworfen. Sie schließen ja auch keine Kfz-Versicherung ab mit der Absicht, eine Karambolage zu verursachen.

Jedes solide gemanagte Unternehmen sollte Business-Continuity-Pläne in der Schublade haben.

Standpunkt: Sehen Sie nicht als Gefahr, dass die Omikron-Variante Deutschland in den kommenden Wochen stilllegt? Gerade bei den Versorgern und Entsorgern kann das doch schnell zu echten Problemen führen.

Kraemer: Nein, diese Sorge teile ich nicht.

Standpunkt: Müssen wir also Ludwig Erhard korrigieren? Seine Feststellung, dass Psychologie die Hälfte der Wirtschaft sei, gilt nicht mehr?

Kraemer: Halt, halt. Ihre Annahme stimmt nicht. Den Menschen geht es überwiegend gut, und deshalb geht es weiten Teilen der Wirtschaft auch gut. Wir erleben immer noch fast Vollbeschäftigung. Die Sparbücher und Konten sind prall gefüllt, auch weil die Einschränkungen der vergangenen zwei Jahre zu einem erheblichen Konsumverzicht geführt haben. Einen gewissen Frust erlebt man doch nur, weil die Menschen sagen, die Politik soll das endlich regeln. Aber die Politik kann das nicht regeln, weil wir es mit einem ständig mutierenden Virus zu tun haben, der sich nicht einfach in den Griff bekommen lässt.

Standpunkt: Sie sind gelernter Kreditanalyst. Und ihre Zunft ist – anders als die Aktienpropheten – immer etwas skeptischer unterwegs. Woher nehmen Sie die Zuversicht?

Kraemer: Die Faktenlage spricht eine klare Sprache. Aber natürlich wird das auch durch einen gewissen Grundoptimismus getragen, denn trotz allen Frusts über gemachte Fehler kamen wir in Deutschland bislang ganz passabel durch die Pandemie. Wenn uns morgen eine neue Mutante erwischt, die alles auf den Kopf stellt, haben wir eine andere Lage. Eine Garantie, dass alles so kommt wie vorhergesagt, gibt es leider nicht.

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Trotz allen Frusts über gemachte Fehler kamen wir in Deutschland bislang ganz passabel durch die Pandemie.