Der Digitale Euro – Vision oder Albtraum?

Der digitale Euro – Vision oder Albtraum?

Die Europäische Notenbank hat grünes Licht für das Design eines digitalen Euros gegeben. Den Sinn und Zweck erklärt LBBW-Experte Dr. Guido Zimmermann.

LBBW-Hauspost: Herr Zimmermann, die Europäische Notenbank will den digitalen Euro auf den Weg bringen. Was hat es damit auf sich?

Guido Zimmermann: Zunächst einmal ist die EZB zuletzt deutlich unter Druck geraten. Nach dem Start des Bitcoins 2008 hat es eine ganze Reihe von Kryptowährungen gegeben. Der letzte notwendige Weckruf war dann wohl die Entscheidung des Facebook-Konsortiums, einen privatwirtschaftlich organisierten Stablecoin – den Diem – zu emittieren.

LBBW-Hauspost: Nach der großspurigen Ankündigung durch Mark Zuckerberg, den Eigentümer und CEO von Facebook, ist doch nichts mehr passiert …

Zimmermann: Aber die Notenbank hat verstanden, dass diese Ideen oder auch die bereits im Umlauf befindlichen Kryptowährungen wie Bitcoin ihre Souveränität beeinträchtigen …

LBBW-Experte Guido Zimmermann

Die Notenbank hat verstanden, dass Kryptowährungen wie Bitcoin ihre Souveränität beeinträchtigen.

LBBW-Experte Guido Zimmermann

LBBW-Hauspost: Beeinträchtigt oder verliert die Notenbank ihre Fähigkeiten, die Geldmenge und damit die Inflation zu steuern?

Zimmermann: Am Ende einer solchen Entwicklung ist sicher die Geldpolitik der Notenbanken insgesamt gefährdet. Deshalb wurde es Zeit, sich dem Thema zu widmen.

LBBW-Hauspost: Bargeld ist doch seit Langem nicht mehr en vogue. Immer mehr Banken bieten in ihren Filialen nicht mal mehr die Bargeldversorgung an. Was macht den Unterschied?

Zimmermann: Die Kryptowährungen haben schon eine Reihe von Vorteilen. Das ist wie bei einem Schweizer Taschenmesser. Sie brauchen bei digitalen Zahlungen keinen Intermediär mehr – also zum Beispiel einen Zahlungsdienstleister – und können ohne Umwege von Person zu Person bezahlen. Zweitens wären damit je nach Ausgestaltung Mikrozahlungen möglich. Also das Bezahlen und In-Rechnung-Stellen von weniger als einem Cent. Dies ist gerade für die Industrie wichtig, weil es in Zukunft einen Zahlungsverkehr zwischen Maschinen geben wird.

Die Übertragungen im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr werden deutlich effizienter.

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LBBW-Hauspost: Mal abgesehen von der Sinnhaftigkeit von Zahlungen kleiner als ein Cent – was bringt ein digitaler Euro noch für Vorteile?

Zimmermann: Die Übertragungen, vor allem im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr, werden deutlich effizienter. Zudem sichert eine unveränderbare Datenbank den Wert und schützt so vor Kriminalität.

LBBW-Hauspost: Transparenz? Sicherheit? Der Bitcoin macht doch gerade deshalb von sich reden. Der Kurs schlägt ständig Kapriolen. Mal kaufe ich für einen Bitcoin einen Tesla, um am Tag danach kaum noch eine Pizza zu bekommen …

Zimmermann: Na ja, ganz so schlimm sind die Kursausschläge ja nicht. Der Bitcoin hat aber die eindeutige Schwäche, kein gesetzliches Zahlungsmittel und damit keinen Geldcharakter zu haben. Das macht ihn a) zu etwas für eine überzeugte Fangemeinde und es wird b) damit dann eben auch gerne spekuliert.

LBBW-Hauspost: Wir haben es leider noch immer nicht richtig begriffen … Warum benötigt die Welt nun einen digitalen Euro?

Zimmermann: Damit befinden Sie sich in bester Gesellschaft. Nach einer aktuellen Umfrage der Bundesbank haben 56 Prozent der Befragten angegeben, skeptisch beim Thema digitaler Euro zu sein. Und als Grund nannte die überwiegende Mehrheit, keinen Mehrwert in der Einführung zu sehen. Bei den traditionellen Bargeldnutzern haben fast vier von fünf der Befragten noch nie etwas vom digitalen Euro gehört. Und selbst unter den Profis ist die Meinung geteilt. Von den Fach- und Führungskräften der Finanzindustrie sind fast die Hälfte der Meinung, dass es einen digitalen Euro nicht braucht.

In den kommenden zwei Jahren geht es um die Fragen, welche Eigenschaften eine solche Währung haben soll.

LBBW-Hauspost: Das macht die Sache ja nicht besser. Wie sieht denn der Zeitplan der Europäischen Notenbank aus?

Zimmermann: Zunächst einmal geht es in den kommenden zwei Jahren um das Design des digitalen Euros. Dabei geht es vor allem um die Frage, welche Eigenschaften eine solche Währung haben soll. Also Anonymität, Sicherheit, Offline-Zahlungsfähigkeit und einiges mehr. Dem wird sich eine rund dreijährige Testphase anschließen. Und im nächsten Schritt müssten dann die Geschäftsbanken die Infrastruktur bauen und zur Verfügung stellen. Da geht es dann um Apps und Wallets.

LBBW-Hauspost: Es gibt also Hoffnung, dass erst mal alles beim Alten bleibt …

Zimmermann: Vor 2030 ist der digitale Euro sicher nur eine Vision, die aber im Lauf der kommenden Jahre immer konkretere Züge annehmen wird.