Rainer Neske, LBBW Vorstandvorsitzender

„Das ist ein Weckruf“

Der LBBW-Vorstandsvorsitzende Rainer Neske fordert, Digitalisierung und Klimawandel anzugehen: „Ein Weiter-so kann und wird es nicht geben.“

Im Interview mit dem Newsletter LBBW Hauspost attestiert Neske der internationalen Forschergemeinde eine großartige Leistung beim Entwickeln des Corona-Impfstoffs. Gleichzeitig warnt er: Die Krise der vergangenen Monate habe Trends beschleunigt, viele Geschäftsmodelle seien nicht mehr zukunftsfähig.

LBBW Hauspost: Herr Neske, eigentlich wollten wir in dieser Weihnachts-Hauspost nur gute Nachrichten verbreiten …

Rainer Neske: …Na dann probieren Sie’s mal…

LBBW Hauspost: Vielleicht sprechen wir dann lieber über das kommende als über das Katastrophenjahr 2020?

Neske: Das würde vielleicht etwas helfen, aber die Realität ausblenden. Wir erleben jetzt den zweiten harten Lockdown. Die Zahl der Neuinfektionen und vor allem der ernsthaft an Corona Erkrankten machen große Sorge. Dramatisch sind allerdings auch die wirtschaftlichen Folgen. Viele Betriebe des Einzelhandels hatten nach einem ohnehin schwierigen Jahr auf das Weihnachtsgeschäft gehofft. Jetzt wird es nochmals hohe Umsatzeinbußen geben. Da überwiegen nun trotz der positiven Aussicht auf den Impfstoff doch die Molltöne am Ende dieses Jahres.

LBBW Hauspost: Enttäuschte Hoffnungen wirken deutlich schlimmer auf die Psyche …

Neske: Stimmt. Aber dieser neue Lockdown ist nun unvermeidbar. Wichtig ist aber, dass wir genauso konsequent die Frage beantworten, was wir hätten besser machen müssen, etwa beim Schutz der sogenannten Risikogruppen. Wer weiß, was uns noch bevorsteht. Da hilft es, nicht einfach immer wieder in den nächsten Lockdown zu gehen, sondern aus möglichen Fehlern zu lernen und sich das nächste Mal besser vorzubereiten.

Wir können nicht immer wieder in den nächsten Lockdown gehen, sondern müssen aus Fehlern lernen, um besser vorbereitet zu sein.

Rainer Neske, Vorstandsvorsitzender der LBBW

LBBW Hauspost: Das klingt alles nicht sehr zuversichtlich.

Neske: Die Lage ist ohne Zweifel schwierig. Aber entscheidend ist, was wir nun daraus machen. Es gab ja neben der Aussicht auf den Impfstoff zuletzt auch gute Nachrichten. Die Konjunktur ist nicht so stark eingebrochen wie zu Beginn der Krise befürchtet. Der Arbeitsmarkt hat sich robuster gezeigt als prognostiziert. Man könnte fast behaupten, das Jahr endet versöhnlich. Vor allem aber die überzeugenden Leistungen in den medizinischen Labors sind doch ein fantastischer Beleg dafür, was wir Menschen im Stande sind zu leisten. Wer hätte gedacht, dass die Mediziner binnen ein paar Monaten gleich mehrere Impfstoffe zulassungsreif entwickeln können? Am meisten überrascht hat mich dabei vor allem eins: Obwohl es bei dem Impfstoff ja um einen bislang unvorstellbaren Blockbuster für die Pharmakonzerne geht, haben die Forschungseinrichtungen kooperiert und über internationale Plattformen jedes Zwischenergebnis geteilt. Das galt für Sackgassen in der Forschung genauso wie für wichtige Erfolge. Großartig.

LBBW Hauspost: Wenn die Menschen zusammenhalten, sind sie zu Großem fähig?

Neske: Zusammenhalt ist der Kitt für jede Gesellschaft. Egal ob wir Gesellschaft als Schulklasse definieren, als Familie, Unternehmen oder eben gesamtgesellschaftlich betrachten. Und der Zusammenhalt der internationalen Forschergemeinschaft hat nun dieses Virus offenbar besiegt.

LBBW Hauspost: Weltweit mehr als eineinhalb Millionen Tote. Der globale Wirtschaftseinbruch hat einen Schaden in Billionenhöhe verursacht. Die Corona-Bilanz ist nur noch mit Krieg und Zerstörung vergleichbar. Und doch geht das Leben weiter und plötzlich rücken wieder die schon fast vergessenen Themen wie Digitalisierung und Transformation der Wertschöpfungskette in den Fokus.

Neske: Covid-19 hat die Welt in einen Ausnahmezustand versetzt und unser Leben für ein paar Monate dominiert. Deshalb sind die Nachrichten der Pharmakonzerne jetzt auch ein Weckruf, dass die anderen Probleme sich eben nicht über Nacht selbst gelöst haben.

Je digitaler das Geschäftsmodell, desto weniger gefährdet ist die Existenz.

LBBW Hauspost: Kommt nach der Corona-Krise die große Wirtschaftskrise, wenn die Staatshilfen auslaufen?

Neske: Schon im Verlauf dieses Jahres ist die Konjunktur deutlich eingebrochen. Für das kommende Jahr geht unser LBBW Research davon aus, dass die Industrie wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren wird. Richtig ist aber auch, dass viele Existenzen ernsthaft in Gefahr sind und viele Geschäftsmodelle nicht mehr zukunftsfähig sind. Sorge bereitet mir vor allem die Situation der jungen Generation. Viele sicher geglaubte Lehrstellen wurden Corona-bedingt von den Unternehmen gestrichen. Damit laufen jetzt viele junge Menschen Gefahr, ohne Ausbildung dazustehen. Auch für Studenten, die jetzt gerade ihren Abschluss machen oder gemacht haben, dürfte der Berufseinstieg schwieriger werden als noch vor einem Jahr erwartet.

LBBW Hauspost: Nicht wenige machen sich auch Sorgen um die Banken und ihr Kreditbuch …

Neske: Ich kann nicht für die Bankenbranche insgesamt sprechen. Aber wir als LBBW haben uns bereits in den vergangenen Jahren stark verändert, haben unsere Kundenschnittstellen digitalisiert und uns robust aufgestellt, gerade auch in unserem Risikomanagement. Wir haben mit Pharma/Biotech, IT und erneuerbaren Energien glücklicherweise auch schon 2017 Wachstumsbranchen festgelegt, die jetzt zu den Krisengewinnern gehören. Darüber hinaus stehen wir im engen Austausch mit unseren Gewerbe- und Unternehmenskunden. So gut wie kein Kredit wird über Nacht zu einem Problemkredit. Gerade deshalb ist der enge Dialog mit den Kunden jetzt wichtiger denn je und von beiderseitigem Interesse.

LBBW Hauspost: Sie sprachen es gerade bereits an: Digitalisierung und die Transformation zu einer weitgehend dekarbonisierten Wertschöpfung. Waren die Monate seit dem Frühjahr verlorene Monate?

Neske: Es waren in jedem Fall Monate, die den Finger in die Wunde gelegt haben. Das Onlineshopping hat neue Umsatzrekorde gezeigt, während der stationäre Handel sicher zu den Verlierern zu zählen ist. Wenn Reisen überhaupt möglich gewesen sind, wurden diese über die großen Plattformen gebucht – zulasten der Reisebüros, die nun vielfach in Sorge um ihre Existenz sind. Und dieser Trend von klaren Verlierern und eindeutigen Gewinnern zieht sich durch viele Wirtschaftszweige. Etwas salopp formuliert könnte die These heißen: Je digitaler das Geschäftsmodell ist, desto weniger gefährdet ist die Existenz.

LBBW Hauspost: Die Corona-Krise war also ein Brandsatz für tradierte und überholte Geschäftsmodelle?

Neske: Brandsatz klingt mir zu martialisch. Die Krise der vergangenen Monate hat aber einen Trend beschleunigt, der ohnehin schon da war und analoge Strukturen und Prozesse in den Unternehmen als langsam, nicht kosteneffizient gezeigt hat und im Übrigen an vielen Stellen auch nicht kundenadäquat ist. Die Börsenkurse von Amazon, Netflix und Co. sprechen nun ein eindeutiges Urteil.

LBBW Hauspost: Oder Tesla. Dessen Börsenwert kletterte zuletzt auf ein Rekordhoch von mehr als 410 Milliarden US-Dollar. Das hat Elon Musk zum reichsten Mann der Welt gemacht und sein Unternehmen wertvoller als fast die komplette übrige Weltautoindustrie zusammengerechnet.

Neske: Das wird sich auch wieder nivellieren. Aber diese Entwicklung zeigt eben auch, wie brutal die Kapitalmärkte heutzutage die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen bewerten. Und da ist das Thema Klimawandel eben ein herausragendes. Ein Weiter-so kann und wird es nicht geben. Aktienfonds, die ausschließlich in Unternehmen investieren, die den sogenannten ESG-Kriterien folgen, waren vor ein paar Jahren noch etwas für wenige Insider. 2020 wurde in diesem Marktsegment nun erstmals die Eine-Billion-Euro-Marke geknackt. Der Anteil von ESG-Investments wächst beim weltweiten Anlagevolumen nach wie vor rasant. Allein 2020 wurden neue Papiere mit einem Volumen von 350 Milliarden Euro emittiert. Und die Tendenz ist weiter stark steigend.

LBBW Hauspost: Der Druck von der Straße? Der Druck der Märkte? Der Druck durch Gesetz und Regulierung?

Neske: Ja. Man muss die Rhetorik der Jugend nicht teilen, aber man muss ihre Sorgen für die eigene Zukunft ernst nehmen. Und auch das Pariser Klimaabkommen spricht eine eindeutige Sprache, die die Industrie zum Handeln zwingt. Natürlich ist das nicht trivial. Allein die Dekarbonisierung der weltweiten Wertschöpfungsketten wird uns einiges abverlangen. Unternehmen, die dem nicht folgen wollen oder können, werden künftig zu „stranded assets“, also wertlos. Das ist knallhart, aber wohl auch ohne realistische Alternative.

LBBW Hauspost: Die in China und auch Indien neu entstandene Mittelschicht verlangt Konsum, warme Wohnungen und ein Auto vor der Tür. Viele Experten behaupten, dass dieser hundertmillionenfache Konsumschub das Klima mehr verändert als der deutsche Dieselfahrer.

Neske: Das ist sicher aktuell nicht von der Hand zu weisen. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass die Regierung in Peking das Ziel ausgerufen hat, bis zum Jahr 2060 die chinesische Wirtschaft klimaneutral aufzustellen. China ist derzeit der weltgrößte CO2-Emittent. Daran können Sie sehen, welche Herkulesaufgabe dieses politische Ziel darstellt.

LBBW Hauspost: Der Green Deal in Europa. China klimaneutral bis 2060. Dazu das Pariser Klimaabkommen. Es bewegt sich was?

Neske: Ja. Es wurde damit auch ein Wettbewerb losgetreten …

LBBW Hauspost: Da hilft der neue US-Präsident? Joe Biden hat angekündigt, am Tag nach seiner Amtseinführung die USA wieder in das Pariser Klimaabkommen zurückzubringen …

Neske: Dieser Schritt – so er denn kommt – ist von globaler Bedeutung. Denn der Klimawandel kann nicht von uns Deutschen, nicht einmal von uns Europäern im Alleingang spürbar gebremst werden. Das ist ein globaler Kraftakt, zu dem jeder seinen Teil beizutragen hat. Für den notwendigen weltweiten Dialog ist es nur gut und richtig, wenn die USA wieder aktiv an dem Diskurs teilnehmen. Und wenn das nun nach den Prinzipien des Wettbewerbs geht, umso besser und effektiver wird dieses Rennen.

LBBW Hauspost: In Asien hat sich unlängst der größte Wirtschaftsraum auf dem Globus zusammengefunden. 15 Staaten mit mehr als 2,2 Milliarden Menschen wollen künftig mehr oder weniger barrierefrei handeln und wirtschaften. Macht Ihnen das Sorgen?

Neske: Es war absehbar, dass das irgendwann kommen wird, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt vielleicht überraschend kam. Für mich ist das ein Weckruf für Europa. Und bei allem Verständnis dafür, dass Corona in der Medienberichterstattung und im politischen Diskurs derzeit so viel Raum einnimmt: Wir müssen diese „chinesische Herausforderung“ jetzt wieder ganz oben auf die Agenda setzen. Schauen Sie, wir haben nun drei große Wirtschaftsblöcke auf der Welt. Europa ist dabei nicht nur zahlenmäßig den USA und China unterlegen, sondern hat auch den Willen zum Vertiefungsprozess irgendwann in den vergangenen 20 Jahren verloren. Steuer-, industrie-, wettbewerbspolitisch stehen wir nach wie vor mit sehr heterogenen Meinungen dazu da. Es gibt keine gemeinsame außenpolitische Haltung. An eine gemeinsame Verteidigungspolitik ist nicht einmal ansatzweise zu denken. Und über all dem schwelt der Brexit. Die Welt setzt auf Kooperation und Europa fällt auseinander, wenn wir nicht aufpassen.

LBBW Hauspost: Während es in Asien um das Erwirtschaften von Wohlstand geht, verteilen wir ihn nur noch?

Neske: Das kann man so sehen.

LBBW Hauspost: Nach einer aktuellen Umfrage der Meinungsforscher vom Allensbach-Institut sieht die Generation Mitte skeptisch auf den von Ihnen eingangs erwähnten Kitt der Gesellschaft. Das Klima werde rauer, die Zukunft ungewisser, die Hoffnung sterbe ein wenig … Der Zukunftsoptimismus sei quasi implodiert, so die Meinungsforscher.

Neske: Corona hat gerade der Mitte stark zugesetzt. Viele Selbstständige, denen es vor Corona wirklich gut ging, haben aufgeben müssen. In der arg gebeutelten Freizeitindustrie werden viele Jobs keine Zukunft haben. Das Gleiche ist in Bereichen des Mittelstandes zu beobachten. Insofern sind die Ergebnisse nur Spiegelbild der aktuellen wirtschaftlichen Situation in vielen eigentlich prosperierenden Haushalten. Dazu gesellen sich die bereits diskutierten Zukunftsthemen – Industrie 4.0 und Klimawandel –, was ja für viele Deutsche auch Angstthemen sind. Darum geht es aber doch genau. Wir müssen in den Zukunftsherausforderungen mehr die Chancen als die Risiken erkennen. Dieser unbedingte Wille der Forscher, das Virus zu besiegen, sollte uns allen das Motto für die kommenden Probleme sein.

LBBW Hauspost: Herr Neske, jetzt haben wir quasi gar nicht über die LBBW gesprochen und zudem haben wir dann doch wieder kaum über gute Nachrichten sprechen können. Trotzdem Danke für das interessante Gespräch, mit dem Wunsch verbunden, dass Sie und Ihre Familie fröhliche Weihnachten haben werden.

Neske: Sehr gerne. Das wünsche ich auch.

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