Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW

Dafür werden unsere Enkel noch zahlen

Corona-Jahr: „Schon jetzt ist – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – weltweit die Verschuldung höher als im Zweiten Weltkrieg“, schätzt LBBW-Chefökonom Uwe Burkert.

Das Corona-Katastrophen-Jahr 2020 hat die Schulden des Staates explodieren lassen. LBBW-Chefökonom Uwe Burkert über notwendige Steuererhöhungen, Sparen und warum die Europäische Notenbank Retter in der Not wird.

LBBW Hauspost: Herr Burkert, die zweite Welle der Corona-Pandemie hat Deutschland und Europa voll im Griff. Schon ohne den erneuten Lockdown seit Anfang November ist dies wohl die teuerste Krise aller Zeiten. Manche Schätzungen sagen, das Virus hat Bund, Länder und Gemeinden allein in Deutschland mehr als 1,5 Billionen Euro gekostet.

Uwe Burkert: Und die Weltbank-Chefökonomin Carmen Reinhart hat neulich von Kriegskosten gesprochen. Ich persönlich halte nicht viel von derartigen Kraftausdrücken. Richtig ist aber, dass die Corona-Krise ein tiefes Loch in die Kassen der öffentlichen Gebietskörperschaften gerissen hat und noch weiter reißen wird.

LBBW Hauspost: Nämlich?

Burkert: Die erwähnten 1,5 Billionen Euro halte ich für zu hoch gegriffen. Die über die Kreditanstalt für Wiederaufbau zur Verfügung gestellten Garantien und Überbrückungskredite wurden von vielen Unternehmen nicht in Anspruch genommen. Oder wurden bereits wieder zurückgezahlt.

Der Arbeitsmarkt hat sich erstaunlich robust gezeigt.

LBBW Hauspost: Na ja. Die KfW-Hilfen sind ja nur ein Teil. Was ist mit Kurzarbeitergeld, Steuerausfällen und notleidenden Krediten? Allein der WSF hat ein Volumen von 600 Milliarden Euro. Und jetzt kommen auch noch von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn versprochene Hilfen für die deutschen Krankenhäuser dazu.

Burkert: Der Arbeitsmarkt hat sich erstaunlich robust gezeigt, schon in der ersten Lockdown-Phase. Und die Steuerausfälle sowohl auf der Unternehmensseite wie auch bei privaten Haushalten bleiben in einem überschaubaren Rahmen. Aber richtig ist und bleibt, diese Wirtschaftskrise wird als die teuerste aller Zeiten in die Annalen eingehen. Schon jetzt ist – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – weltweit die Verschuldung höher als im Zweiten Weltkrieg.

LBBW Hauspost: Und jetzt der sogenannte Lockdown light?

Burkert: Gesamtwirtschaftlich gesehen ist der November ein schwacher Konjunkturtreiber. Gerade im Gastronomie- und Hotelbereich, aber auch bei Freizeitaktivitäten ist die Nachfrage in dieser Jahreszeit eher schwach. Auch auf dem Bau spürt man traditionell bereits im November die Einflüsse der kalten Jahreszeit. Also die Effekte – so schlimm sie für den Einzelnen auch sein mögen – spielen gesamtkonjunkturell eine eher kleine Rolle. Insofern haben wir Glück, dass es einen November-Shutdown gibt, der zudem ja die Produktion und große Teile der Dienstleistungsjobs nicht tangiert.

LBBW Hauspost: Wenn Sie alles zusammenrechnen würden, was steht unten in Ihrer Corona-Kosten-Bilanz?

Burkert: Aktuell rund 300 Milliarden Euro. In Deutschland!

LBBW Hauspost: Es drängt sich die Frage auf, wie das ausgeschüttete Geld jemals wieder zurück in die Kassen fließen wird.

Burkert: Einen Gutteil der Kosten werden wir wohl auf die kommenden Generationen übertragen müssen.

Für eine kommende Steuererhöhungsdebatte im nächsten Jahr wird die Frage entscheidend sein, wie nachhaltig die deutsche Wirtschaft geschädigt ist und was höhere Steuern darüber hinaus anrichten würden. Nur mal eine Zahl: Die Erhöhung der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt bringt dem Bund rund acht acht Milliarden Euro in die Kasse. Und da reden wir schon von einer für den Staat wichtigen Einnahmequelle.

Wir werden die alten und ideologisch getriebenen Steuerdebatten erleben.

LBBW Hauspost: Es droht der lange Marsch des Schuldenabbaus. Wenn Steuererhöhungen Gift für die ohnehin ja nicht nur wegen Corona angeschlagene Wirtschaft wären, was ist die Alternative?

Burkert: Na ja. Mit dem Sparen ist das auch so eine Sache. Wir beobachten auf kommunaler Ebene bereits jetzt eine höhere Kostensensibilität. Nicht mehr alles, was vielleicht gewünscht ist, kann auch bezahlt werden. Das wiederum hat natürlich Auswirkungen: Auf Investitionen, auf Arbeitsplätze und damit wiederum auf die Steuereinahmen. Trotzdem bin ich mir sicher. Spätestens mit Beginn des Bundestagswahlkampfes werden wir die alten und vor allem ideologisch getriebenen Steuerdebatten erleben. Vermögensteuer – die Reichen sollen zahlen –, Mehrwertsteuer – trifft zwar alle, ist aber sehr ergiebig, Einkommensteuer – Spitzenverdiener müssen ihren Teil beitragen – rauf oder nicht.

LBBW Hauspost: Die zeitlich befristete Senkung der Mehrwertsteuer wird wohl nicht in das Jahr 2021 verlängert?

Burkert: Nein. Bestimmt nicht. Die Effekte waren zwar positiv. Die Kosten sind aber hoch. Wichtig für den Konsum und damit auch für die Konjunktur: Wie geht es mit der Kurzarbeit und dem Kurzarbeitergeld weiter? Gerade nach der Bundestagswahl wird es da noch mal spannend …

LBBW Hauspost: Man könnte die Inflation steigen lassen und somit die Schulden quasi ausschwitzen.

Burkert: Steigende Inflationszahlen lassen im Normalfall sofort die Notenbanker auf den Plan treten. Im kommenden Jahr aber wird die Europäische Zentralbank ihre neue geldpolitische Strategie verabschieden. Und die wird ein gewisses Laisser-faire bei der Inflation zulassen. Galt bislang zwei Prozent Inflation als harte Kante, und darüber wurde der Zentralbankrat langsam nervös, werden künftig zumindest phasenweise z. B. auch drei Prozent akzeptiert, ohne dass gleich die Zinsen steigen.

LBBW Hauspost: Was vielen Staaten Südeuropas angesichts der dort immensen Verschuldung …

Burkert: … sagen wir, wie es ist … ohne entsprechende Inflation das Genick brechen würde. Aber auch unser Bundesfinanzminister Olaf Scholz kann bei der deutschen Bonität derzeit an den Kapitalmärkten sehr billig Geld leihen. Da stören steigende Zinsen nur.

LBBW Hauspost: Wir fassen zusammen: Die Wirtschaftskrise verursacht explosionsartig gestiegene Schulden auf ein All-time-High. Und die Kindeskinder der Generation Corona werden dafür noch zahlen?

Burkert: Anders wird es wohl nicht gehen. Die Alternativen sind leider auch nicht wirklich besser …

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