LBBW
Thomas Rosenfeld

„Die Stimmung in der Gesellschaft ändert sich massiv“

Nachhaltigkeit bahnt den Weg in eine erfolgreiche Zukunft, sagt Thomas Rosenfeld, Vorsitzender des Nachhaltigkeitsrats der LBBW. Die Bank packt diese Aufgabe an.

Herr Rosenfeld, es steht schlecht um die Welt, glaubt man den Analysen und Studien, die beinahe täglich in den Medien zu lesen sind …

Thomas Rosenfeld: Ich bin weder Klimaforscher noch Geowissenschaftler und beschäftige mich mit diesem Thema als interessierter Leser von Studien und Medienberichten. Dort wird unser seit Jahrzehnten herrschendes ökonomisches System immer wieder als Ursache für unsere ökologischen Probleme zitiert.

Sie meinen das Wachstumsmodell …

Rosenfeld: Genau. Anders als viele andere sehe ich aber gerade in der Marktwirtschaft das einzig probate Mittel, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen.

Könnten Sie das bitte erklären?

Rosenfeld: Wir haben es in den vergangenen drei bis vier Dekaden geschafft, dass Globalisierung und Marktwirtschaft zu einem weltweiten Wachstumsschub und damit zu mehr Wohlstand auf der Erde geführt haben. In der Folge sind Hunderte von Millionen Menschen aus bitterer Armut aufgestiegen und führen nun ein lebenswerteres Leben – viel besser als in den Zeiten von Planwirtschaft und Kommunismus, von den politischen Freiheitsrechten ganz zu schweigen. Damit hat die Globalisierung einen Beitrag zu Ziel 1 der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung beigetragen, der weltweiten Beendigung von Armut in all ihren Formen. Aber – und das ist sicher eine Kehrseite der Medaille – dadurch ist auch die weltweite Nachfrage nach Energie, Kraftstoffen, Konsumartikeln und Lebensmitteln explosionsartig angestiegen. Und damit natürlich auch die Emissionen – sei es durch Produktion oder Konsum.

Wie soll die Ökonomie jetzt helfen?

Rosenfeld: Wir stehen vor einem Zeitalter der Transformation. Grob gesagt, wird der Einsatz von fossilen Rohstoffen immer weniger werden müssen. Wir werden uns hin zu synthetischen Rohstoffen bewegen. Und je mehr wir diesen Gedanken forcieren, desto mehr wird diese Transformation auch marktreife Produkte und Verfahren zutage fördern. Immer öfter ist auch in den Medien zu lesen, dass neue Verfahren, neue Prozesse entwickelt wurden, die klimaneutral sind und den Umstieg vom bisher Gewohnten möglich machen. Und immer mehr Unternehmen setzen sich ehrgeizige Ziele, um ihren individuellen Beitrag zu leisten, die natürlichen Ressourcen zu schonen.

Warum tun wir uns so schwer, die notwendigen Maßnahmen einzuleiten?

Rosenfeld: Der Umbau von einer vorwiegend auf der Nutzung von fossilen Rohstoffen basierenden Volkswirtschaft zu einer weitgehend dekarbonisierten Industrie wird sehr teuer, und er ist es jetzt schon, wie man an der Energiewende in Deutschland sehen kann. Bremsfaktoren sind dabei vor allem die hohen Innovationskosten, weil die Kostendifferenz zwischen der Nutzung klassisch fossiler Rohstoffe und der Nutzung umweltneutraler Rohstoffe noch sehr hoch ist. Und – seien wir ehrlich – wir Konsumenten noch nicht bereit sind, den Preisaufschlag zu akzeptieren.

In einer jüngeren Analyse aus Ihrem Haus stehen genauere Zahlen.

Rosenfeld: Ja. Unsere LBBW-Volkswirte haben hochgerechnet, dass die deutsche Industrie bei ihrer derzeitigen Entwicklung das Emissionsziel 2030 deutlich verfehlen wird. Hauptemissionsquelle ist – wie nicht anders zu erwarten war – die Energiewirtschaft. Der Kohleausstieg ist ja nun beschlossene Sache. Erst mit großem Abstand folgen klassische Fertigungsindustrien und der Verkehr. Wir müssen uns aber vor allem eines klarmachen: Im Industriesektor sanken zwischen 1990 und 2007 die Emissionen pro Jahr um 2,7 Prozent. Zwischen 2007 und 2017 betrug die Reduktionsleistung dann nur noch 0,3 Prozent per annum – zwischen 2012 und 2017 stiegen die CO2-Emissionen sogar um 2 Prozent pro Jahr. Der Trend geht also in die falsche Richtung – und um ihn umzukehren, bedarf es Investitionen in zwei- bis dreistelliger Milliardenhöhe.

Wir als Konsumenten sind nicht bereit zu zahlen. Und solange kein internationaler Common Sense herrscht, würde die deutsche Wirtschaft Milliarden in die klimaneutrale Fertigung investieren und am Ende ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren?

Rosenfeld: Die deutsche Wirtschaft ist eine Exportmacht. Deshalb muss sie natürlich Produkte anbieten, für die es einen Markt und einen Preis gibt, der vom Kunden akzeptiert wird. Daran hängen nicht zuletzt Millionen Arbeitsplätze und damit der soziale Frieden in unserem Land. Ich glaube aber auch in diesem Punkt an die Korrekturfunktion des Marktes: Sobald wir attraktive Angebote machen können, wird auch die Nachfrage steigen. Denken Sie beispielsweise an Bioprodukte: einst eine teure Nische im ausgesuchten Lebensmitteleinzelhandel, heutzutage aus keinem Supermarkt mehr wegzudenken.

Würde eine globale Regulierung helfen?

Rosenfeld: Ja, aber ich bin skeptisch, ob es gelingt, einen global wirksamen politischen Ansatz zur Problemlösung zu entwickeln. Die Interessenlagen sind einfach zu unterschiedlich. Das macht die Sache für die deutsche Exportindustrie nicht einfacher. Aus ökonomischer Sicht machen aber nationale Alleingänge zur Regulierung überhaupt keinen Sinn. Wenn zum Beispiel Deutschland eine andere Regulierung als die USA bekäme – was würde dann mit dem Angebot heimischer Produkte passieren? Sie würden am US-Markt vorbeiproduziert oder im besten Fall viel zu teuer, weil die Amerikaner vielleicht andere Messwerte zugrunde legen. Nehmen wir Gasturbinen. Westliche Anbieter haben mittlerweile hocheffiziente Gasturbinen im Angebot. In Asien aber kommen nach wie vor die deutlich günstigeren Turbinen zum Einsatz. Zulasten der Umwelt.

Die Fridays-for-Future-Aktivisten werfen Firmen und Politikern vor: „Ihr verkauft unsere Zukunft für euren Profit.“ Würden Sie dem zustimmen?

Rosenfeld: Ich finde es gut, dass nicht zuletzt über die Fridays-for-Future-Bewegung das Thema noch stärker auf die politische Agenda gelangt ist. Fakt ist: Wir als Menschheit leben über unsere Verhältnisse. Aber das können Sie dem Einzelnen ja nicht vorwerfen. Fakt ist aber auch: Je länger wir das tun, umso radikaler wird der Wandel sein müssen, egal ob der Markt das regeln wird oder politisch reguliert wird. Wobei Ersteres meiner Meinung nach eindeutig die bessere Option ist. Der Staat kann aber einen klugen Rahmen setzen. In jedem Fall ändert sich die Stimmung in der Bevölkerung massiv. Der Klimawandel und seine Folgen haben es mittlerweile weltweit ganz oben auf die Sorgenliste der Menschheit gebracht. Daraus ergibt sich ein Auftrag für die Politik – einzugreifen, solange der Markt nicht für die notwendigen Veränderungen sorgt. Aber diese Veränderungen werden kommen.

Regulierungsoptionen für diese drängenden Fragen werden ja diskutiert. Das geht von einer anderen Bepreisung (CO2-Steuer) über die Incentivierung klimaneutraler Technologien (Abwrackprämien und Steuerzuschüsse) bis hin zu klarer Regulierung und Verbot …

Rosenfeld: Wir leben mit einem globalen Paradox. So sehr, wie eben bereits angesprochen, der Klimawandel als weltweit größte Bedrohung angesehen wird – und diese Sorgen Werte erreichen, die frühere Katastrophenszenarien wie ein nuklearer Krieg oder Cyberattacken nie erreicht haben –, so wenig handeln wir entsprechend. Je länger wir als Kunden nicht eine entsprechende Nachfrage generieren, desto höher laufen wir in ein Risiko, irgendwann reguliert zu werden.

Wird das unseren Konsum verändern oder beeinträchtigen?

Rosenfeld: Wir fahren sehr gerne mit unserem SUV um die Ecke zum Einkauf anstatt kurze Strecken zu Fuß oder mit dem Rad zurückzulegen. Wir fliegen über das Wochenende nach Mallorca. Kreuzfahren ist auf den Beliebtheitsskalen der Ferienstatistiken ganz weit oben angelangt. Das alles tun wir im vollen Bewusstsein, dass das der Umwelt schadet. Insofern wird wohl jeder Verzicht, der kommen wird, als Beeinträchtigung verstanden werden.

Führt das am Ende nicht zu einer weitreichenden Transformation der Wirtschaft?

Rosenfeld: Natürlich. Mittel- bis langfristig werden fossile Rohstoffe aus der Produktion weitgehend verschwinden. Sie konnten das zuletzt bei den Plastiktüten im Einzelhandel spüren. Das wird in vielen anderen Bereichen auch so kommen. Mit Folgen für das produzierende Gewerbe …

Welche Rolle spielen die Banken dabei?

Rosenfeld: Eine doppelte. Die Transformation einer Industrie verlangt – wie eingangs bereits erwähnt – massive Investitionen in neue Technologien, in neue Prozesse und Verfahren. Das können die Unternehmen nicht aus ihrem Cashflow finanzieren, sondern sie brauchen die Banken als solide Partner an der Seite. Die Banken wiederum werden künftig deutlich stärker als bislang danach geratet werden, wie stark ihr Kreditbuch in der Alten Welt verhaftet ist.

Was meinen Sie genau?

Rosenfeld: Wir spüren seit längerem einen Trend, dass Investoren, aber auch Ratingagenturen einen anderen Blick auf die Kreditvergabe entwickelt haben. Die Matrix für die Bewertung eines Kredits hat sich bereits verändert und wird sich weiter verändern. Lassen Sie mich das vielleicht an einem Extrem verdeutlichen: Künftig werden die Ratingagenturen noch mehr als bislang einen Kredit für ein Kohlekraftwerk in Süditalien anders bewerten als einen Kredit zur klimaneutralen Elektrifizierung eines Motorenwerks. Will heißen: Der Druck, uns zu verändern, nimmt von vielen Seiten zu.

Sie sprachen von einer doppelten Rolle. Was ist die zweite Seite?

Rosenfeld: Banken gehören nun glücklicherweise nicht zu den größten Emissären von CO2. Aber die LBBW hat in den vergangenen Jahren vieles erfolgreich getan, um als Unternehmen unseren CO2-Fußabdruck deutlich zu reduzieren. Dies ist vor allem eine Frage der Unternehmenskultur. Bei der LBBW – das darf ich sagen – ist der Klimaschutz bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Kopf angekommen. Jedes Blatt Papier, welches nicht ausgedruckt wird, hilft zunächst einmal der Umwelt. Dienstreisen sind auf ein wirklich notwendiges Minimum reduziert.

Und Kunden fragen immer mehr Anlageoptionen nach, die „grün“ sind?

Rosenfeld: Als LBBW beraten wir mit unserer Tochter BW-Bank nicht nur Geschäfts- und Privatkunden, sondern stehen auch an der Seite der öffentlichen Gebietskörperschaften. Und auch hier ist der Trend hin zu Produkten und Lösungen, die im weiteren Sinne auf Umweltschutz zielen, stark ausgeprägt.

Geht es ein bisschen konkreter?

Rosenfeld: Gerne. Nehmen Sie eines unserer jüngsten Innovationen, den Stuttgarter Klimakredit. Der Stuttgarter Klimakredit ist ein innovatives Kreditangebot, das in Zusammenarbeit mit dem Energieberatungszentrum der Stadt Stuttgart entstanden ist und die Energieberatung der Stadt Stuttgart mit einem günstigen, einfach abzuschließenden Kredit kombiniert. Ziel ist dabei, die energetische Sanierung durch private Immobilienbesitzer durch Beratung und ein niedrigschwelliges Finanzierungsangebot mit günstiger Kondition voranzutreiben. Immobilienbesitzer können so bis zu 50.000 Euro Finanzierung auf einfachem Weg für entsprechende Maßnahmen und staatliche Förderungen erhalten. Wir bieten mittlerweile ein umfassendes Angebot in diesem wachsenden Segment an. Ein weiteres Beispiel: Wir haben vor nicht allzu langer Zeit eine weitgehende Kooperation mit den Stadtwerken Stuttgart vereinbart.

Worum geht es dabei?

Rosenfeld: Als Partner der Energiewende mit den Stadtwerken Stuttgart ist die BW-Bank erster offizieller Partner von Stella-Sharing. Durch die Kooperation konnte die Flotte der E-Roller auf 200 verdoppelt werden. Ermöglicht wurde die Flottenvergrößerung durch eine Kooperation mit der BW-Bank. Unsere Unternehmen passen gut zusammen: Die Stadtwerke sind ein noch junges kommunales Unternehmen. Wir stehen als BW-Bank zu unserer gesellschaftlichen Verantwortung und möchten deshalb einen spürbaren Beitrag für mehr Lebensqualität in Stuttgart leisten. Nachhaltige Verkehrskonzepte sind für unsere Stadt immens wichtig. Deshalb unterstützen wir dieses Projekt, welches die Energiewende verkörpert und einen mühelosen Einstieg in nachhaltige Mobilität bietet.

Browser Benachrichtigungen

Bitte wählen Sie die gewünschten Themen aus

Es wurde kein Thema ausgewählt