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LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert will den Klimawandel bekämpft wissen.

Verzichten – so oder so!

Weniger Auto fahren, weniger fliegen, weniger heizen: Verzicht sieht LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert als sinnvollsten Ansatz, etwas gegen den Klimawandel zu tun.

Herr Burkert, bislang diktierten Industrie 4.0 und die Transformation zur digitalen Wirtschaft die Agenda. Jetzt sind Klimawandel und die globale Erwärmung zum Megatrend geworden.

Uwe Burkert: Die dritte industrielle Revolution hin zur Plattformökonomie passiert. Viele Unternehmen sind da mittlerweile gut aufgestellt und sind dabei, ihre Hausaufgaben abzuarbeiten. Der Klimawandel und wie wir ihn noch aufhalten können, hat aber noch einmal eine andere Dimension.

Soll heißen?

Burkert: Der Klimawandel ist wohl nicht mehr aufzuhalten und bereits in vollem Gang. Eine der Folgen des Klimawandels ist ein deutlicher Anstieg in Intensität und Häufigkeit von Wetterextremen – dazu zählen Naturkatastrophen wie Dürren, Stürme und Hurrikans – sowie ein Anstieg des Meeresspiegels. Der globale durchschnittliche Meeresspiegel im Jahr 2016 war der höchste historisch gemessene Wert, und dieser Anstieg setzt sich weiter fort. Bis zum Jahr 2100 kann mit einem Anstieg um etwa einen Meter gerechnet werden. Das hat weitreichende Folgen für die Bilanzen vieler Marktteilnehmer.

Sie reden von Immobilien in küstennahen Regionen?

Burkert: Von weit mehr. Natürlich, wenn der Meeresspiegel kontinuierlich steigt, werden irgendwann Immobilien, die heute noch nah am Wasser stehen, geflutet sein und damit wertlos. Wir reden in der Ökonomie von sogenannten Stranded Assets , also gestrandeten Vermögenswerten. Dabei geht es aber nicht nur um Häuser am Meer, sondern auch um Unternehmensstandorte, die Landwirtschaft, Infrastruktur – also Straßen und komplette Ortschaften. Es werden Regionen auf der Welt entstehen, die von Dürren und anderen Naturkatastrophen heimgesucht werden. Am Ende reden wir auch in diesen Regionen von Assets, die Wertminderungen bis hin zum Totalverlust erleben werden.

Sie beschreiben veränderte Marktbedingungen. Was ist mit verändertem Konsumverhalten, einem „neuen Denken“ der Menschen und politischen Maßnahmen, um den Klimawandel zu stoppen oder zumindest aufzuhalten?

Burkert: Jede politische Maßnahme, die den Klimawandel verlangsamt, führt zunächst einmal zu einer gewissen Entspannung bei den eben genannten Stranded Assets. Mit anderen Worten: Steigt der Meeresspiegel langsamer als erwartet, kommt es erst später zu den erwartbaren Naturkatastrophen, und der Wertverlust von Vermögenswerten in den betroffenen Regionen wird geringer ausfallen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Machen wir uns nichts vor. Der Klimawandel kann nur aufgehalten oder verlangsamt werden, indem die globale Wirtschaft weitgehend dekarbonisiert wird.

Damit tut sich die Politik schwer.

Burkert: Zu Recht. Wenn, wie kürzlich geschehen, der Weltklimarat die politischen Entscheider auffordert, das Konsumverhalten der Menschen zu ändern und gleichzeitig den Hebel in der Agrarpolitik in Richtung klimaneutrale Produktion umzulegen, dann reden wir von weitreichenden regulatorischen Maßnahmen und damit tiefen Eingriffen in die Märkte. Was heißt das konkret? Wir haben in Deutschland nach der Katastrophe in Fukushima den Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen. Damit waren diese Assets wertlos. Das Gleiche gilt für den Kohleausstieg.

Also gibt es auch Stranded Assets, die durch Regulierung entstehen?

Burkert: Uns muss eines sehr klar sein: Wer die Dekarbonisierung der Industrie fordert, fordert damit gleichsam die drastische Reduktion jeglicher Nutzung von fossilen Rohstoffen. Das soll gar keine Wertung sein, sondern nur eine Feststellung. Und die Mittel und Wege zur Zielerreichung haben immer den gleichen Effekt. Egal ob ich die Preise über Steuern erhöhe, eine Abgabe verlange oder Verbote erteile: Viele Unternehmen werden ihr bisheriges Geschäftsmodell verlieren und müssen sich neu erfinden.

Welche Industrien sind betroffen?

Burkert: Wir haben uns bei LBBW Research damit zuletzt eingehend beschäftigt. Stahlerzeuger, die Rohstoff-, Öl- und Gasförderung sowie die Zementindustrie stehen ganz weit oben, wenn es um die CO2-Intensität der Produktion geht, und dürften deshalb bei künftigen Regulierungsschritten auch ganz oben auf dem Risikoranking landen. Logistikunternehmen und Chemiebetriebe folgen. Erst dann kommt die Automobilindustrie.

Könnte man es so zusammenfassen: Je radikaler eine Regulierung ist, desto höher das Risiko für die Wirtschaft?

Burkert: Ja. Jeder regulatorische Steuerungsmechanismus führt zu sinkenden Erträgen auf der Anbieterseite bis hin zur Aufgabe des Geschäftsmodells, weil es sich nicht mehr rentiert. Auch hier in aller Deutlichkeit: Wird das politische Ziel des Pariser Klimaabkommens zu Grunde gelegt, die globale Erderwärmung auf 1,5 °C beziehungsweise 2 °C zu begrenzen, ergibt sich das Risiko von Stranded Assets. Insbesondere solche Unternehmen, deren Geschäftsmodelle auf fossilem Kapital beruhen, sowie Staaten, die über große fossile Reserven verfügen, laufen Gefahr, große Teile ihrer Vermögenswerte nicht mehr nutzen zu können. Dies bedeutet, dass es durch eine Dekarbonisierung der Wirtschaft dazu kommen kann, dass das fossile Kapital nicht die erwarteten Erträge erwirtschaftet, weil die Preise durch eine diesbezüglich fallende Nachfrage sinken.

Sollten wir also weitermachen wie bisher?

Burkert: Ganz im Gegenteil. Wir müssen nur eine klare Sicht auf die Dinge haben. Die Folgen und Risiken für Finanzmarktsegmente, die von Stranded Assets betroffen sind, können aufgrund der langen Investitionszeiträume kaum präzise vorhergesagt werden. Bei Investitionen in fossile Kraftwerke braucht es viel Zeit, bis eine Investitionsrendite erwartet werden kann. Ebenso verhält es sich mit der Exploration und Förderung von Erdöl, Erdgas und Kohle. Das heißt, je schneller die Klimaregulierung greift und je mehr in klimafreundliche Technologien investiert wird, desto höher ist das Risiko der Stranded Assets, bei dem hohe Investitionen in fossile Infrastruktur wertlos werden. Es besteht damit die Gefahr einer Kohlenstoffblase, das heißt einer Spekulationsblase aufgrund der Überbewertung von Unternehmen im Bereich der fossilen Rohstoffe. Diese Überbewertung kommt dadurch zustande, dass das globale CO2-Budget begrenzt ist und große Teile der fossilen Rohstoffreserven nicht verwendet werden können, wenn das politische 2°C-Ziel noch unterschritten werden soll.

Das klingt nach einem gordischen Knoten, der kaum aufzulösen ist.

Burkert: Die Sache ist noch komplexer. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Rolls-Royce ist der führende Hersteller von Flugzeugturbinen weltweit. Die Produktion einer Turbine ist unter CO2-Gesichtspunkten nicht sonderlich dramatisch. Aber das Produkt führt bei den Airlines dazu, dass sie im Emissions-Ranking ganz oben stehen. Wen regulieren sie jetzt?

Welcher Ausweg führt aus der Misere?

Burkert: Es gibt Konzepte, die Emissionen in unser bekanntes Wachstumsmodell aufzunehmen. Es gibt auch marktnähere Ideen, Handelsplätze einzurichten, in denen Emissionsrechte gekauft und verkauft werden können, wie wir das schon kennen. Einen wichtigen Beitrag jedenfalls können wir alle leisten – und der heißt: weniger. Weniger Auto fahren. Weniger fliegen. Weniger heizen. Das ist wahrscheinlich die effizienteste Form, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Wenn nach der jüngsten Analyse des Global Risk Reports extreme Wetterereignisse und Naturkatastrophen sowie Misserfolge bei der Bekämpfung des Klimawandels ganz oben stehen, wenn es um die Frage nach der Zukunft der Menschheit geht, dann sollten wir – jeder für sich – auch die logische Konsequenz daraus ziehen.

Nur die Selbstverpflichtung zur Askese hilft?

Burkert: So oder so: Ohne Verzicht wird es nicht gehen. Wo wir nicht bereit sind, freiwillig zu verzichten, wird uns die Politik dazu zwingen müssen – die Folgen habe ich beschrieben. Ein letztes Beispiel dazu: Nach S’Aranjassa, das ist ein Dorf in der Nähe von Palma auf Mallorca, kommen Sie über die Landstraße. Dort dürfen Sie 100 Stundenkilometer fahren. Rund 200 Meter vor dem Ortseingang werden Sie aufgefordert, auf 50 km/h abzubremsen. Dann fahren Sie über eine Kontaktschleife. Sind Sie zu schnell, zwingt Sie in der Ortsmitte eine auf Rot springende Ampel zum Stehenbleiben. Was ich damit sagen will: Wir haben noch die Chance zu bremsen.

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