Portät von Karl Manfred Lochner vor buntem Hintergrund

Green Finance: „Aus Reden wird Handeln“

Wann wird nachhaltiges Wirtschaften – und damit Finanzieren – zum neuen Standard? Antworten von Karl Manfred Lochner, Vorstand Unternehmenskunden der LBBW.

LBBW: Viele Unternehmen kämpfen mit der Corona-Krise und ihren Auswirkungen. Verdrängt Corona jetzt Green Finance von der Agenda?

Karl Manfred Lochner: Die Pandemie und ihre Folgen haben die Unternehmen gezwungen, in den Krisenmodus zu schalten. In solch einer kritischen Situation stellen sich Unternehmen ganz grundsätzliche Fragen: Was ist wichtig für unser Überleben als Unternehmen? Wie stellen wir die Weichen, um dauerhaft erfolgreich zu sein? In der Frühphase der Pandemie stand die Liquiditätssicherung im Fokus.

LBBW: Und jetzt? Wir befinden uns bereits im Jahr zwei der Pandemie.

Lochner: Jetzt sehen wir viele Unternehmen massiv gefordert, ihre Geschäftsmodelle zu transformieren oder zumindest anzupassen. Das kostet Kraft und erfordert Investitionen. Zugleich geht es darum, die Resilienz zu stärken – also für die nächste Krise besser gewappnet zu sein. Daher implementieren deutsche Unternehmen zunehmend auch Aspekte nachhaltigen Wirtschaftens in ihre Strategie, und das heißt im nächsten Schritt, auch Nachhaltigkeit bei der Finanzierung zu berücksichtigen. Aus Reden wird Handeln.

LBBW: Im Mittelpunkt nachhaltigen Wirtschaftens standen bis dato ökologische Faktoren. Hier scheint es jedoch zu Verschiebungen zu kommen – das zeigt Ihre Studie „ Nachhaltigkeit und Green Finance “.

Lochner: Das ist richtig. Bislang standen insbesondere ökologische Themen wie das Drosseln des Energieverbrauchs oder die Reduktion der Emissionen im Vordergrund. Diese Themen stehen auch heute noch weit oben auf der Agenda, aber zusätzlich werden soziale Faktoren einbezogen. Unternehmen schauen verstärkt auf das Mitarbeiterwohl wie eine ausgewogene Work-Life-Balance, also den Ausgleich zwischen Beruf und Familie. Diskutiert werden flexible Arbeitszeitmodelle und beim Besetzen von Stellen wird bewusst auf Diversity geachtet. Die Corona-Krise hat zu dieser Verschiebung sicherlich auch einen Teil beigetragen.

Sustainable Finance wird sich innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre zum neuen Standard entwickeln.

Karl Manfred Lochner, Vorstand Unternehmenskunden der LBBW

LBBW: Warum ist die Nachfrage nach Green Finance derzeit trotzdem noch überschaubar?

Lochner: Es fehlt mitunter noch der Brückenschlag von der nachhaltigen Unternehmenspolitik zur nachhaltigen Finanzierung. Aber das wird sich ändern. Mehr als zwei Drittel der Finanzentscheider beschäftigen sich mit nachhaltigen Finanzierungen, deutlich mehr als im Jahr zuvor. Auch das zeigt unsere „Nachhaltigkeit und Green Finance“-Studie, die Sie gerade angesprochen haben. Ich bin daher fest davon überzeugt, dass Sustainable Finance sich innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre zum neuen Standard entwickeln wird. Aufwind gibt auch die Europäische Union mit einer neuen Verordnung, die ab 2022 gelten soll: die EU-Taxonomie . Dann gelten klare Kriterien, wann ein wirtschaftlicher Vorgang als nachhaltig einzustufen ist. Das wird dem nachhaltigen Wirtschaften und Green Finance einen Schub verleihen.

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von 3 Finanzentscheidern in Deutschland beschäftigen sich mit nachhaltigen Finanzierungen

LBBW: Für welche nachhaltigen Finanzierungsformen erwarten Sie die meiste Nachfrage?

Lochner: Die Nachfrage nach Green Bonds und Social Bonds wird weiterwachsen. Das größte Potenzial sehe ich allerdings beim ESG-linked Financing: klassische Finanzierungsformen, die gekoppelt werden an die Nachhaltigkeitsentwicklung des Unternehmens. Die damit verbundene Flexibilität bei der Mittelverwendung ist insbesondere für Mittelständler attraktiv. Haupttreiber für das dynamische Wachstum bei Green-/ESG-Finance-Produkten ist – neben den bereits absehbaren regulatorischen Einflussfaktoren – die hohe Nachfrage der Investoren.

Die Nachfrage nach Green Bonds und Social Bonds wird weiterwachsen.

Karl Manfred Lochner, Vorstand Unternehmenskunden der LBBW

LBBW: Und bei der Umsetzung unterstützt die LBBW die Unternehmen?

Lochner: Auf jeden Fall. Nachhaltigkeit ist seit Jahren eine unserer strategischen Stoßrichtungen. Wir haben in den vergangenen Jahren unsere Kunden bei einer Vielzahl nachhaltiger Finanzierungen begleitet, von Green-Bond-Emissionen über ESG-verknüpfte Konsortialfinanzierungen bis hin zu klimaneutralem Leasing oder klassischen Fördermitteln.

LBBW: Von der EU-Taxonomie sind nicht alle Unternehmen betroffen. Setzen sich die Unternehmen, die aktuell nicht im Fokus der EU-Taxonomie stehen, mit nachhaltiger Finanzierung oder überhaupt mit nachhaltigem Wirtschaften auseinander?

Lochner: Es gibt viele Unternehmen, die sich seit Jahren mit der nachhaltigen Ausrichtung ihrer Geschäftsmodelle beschäftigen. Andere wollen das aktuell nachholen – da beraten wir gern. Sich diesem zentralen Thema zu verschließen, das kann sich kein Unternehmen erlauben.